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Foto: Jan Zychlinski / jz-photography.ch

Bergkarabach
«Versöhnung ist möglich»

Nach Auseinandersetzungen zwischen Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen im Ausland fordert die aserbaidschanische Publizistin Arzu Geybulla ein Ende der Gewalt.

Arzu Geybulla, nach Zusammenstössen in Städten wie Moskau, Brüssel und Los Angeles haben Sie sich mit anderen aserbaidschanischen und armenischen Kollegen über die Sozialen Medien für gegenseitigen Respekt und Frieden ausgesprochen. Warum?

Alle Menschen haben das Recht auf freie Meinungsäusserung. Ich komme aus einem Land, in dem dieses Recht nicht immer respektiert wird. Deshalb ist es wichtig, die Menschen an jenen Orten zu schützen, wo es möglich ist, sich kritisch zu äussern. Beide Seiten müssen lernen, die Meinung der anderen auszuhalten.

Überträgt sich der Konflikt jetzt auch auf die Menschen im Ausland?

Eigentlich hätten die Menschen in den Exilgemeinden die Möglichkeit, ihre eigene Perspektive kritisch zu hinterfragen. Sie sind schliesslich nicht länger darauf angewiesen, das zu glauben, was man ihnen von Regierungsseite vorsetzt. Trotzdem reproduzieren sie oft dieselben Ansichten in Bezug auf den Konflikt wie die Menschen in Armenien und Aserbaidschan selbst – nur dass sie woanders leben. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass es auch anders geht, dass gegenseitiges Verständnis, Anerkennung und Versöhnung möglich sind. Leider bedeutet dieser Weg momentan auch, dass man riskiert, von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Das ist nicht einfach.

Sie selbst leben in Istanbul im Exil und gelten in Aserbaidschan als «Verräterin» – weil Sie sich für den Frieden einsetzen?

Nein, es geht nicht darum, dass ich mit dem sogenannten Feind zusammenarbeite, sondern um meine journalistische Arbeit. Allerdings wird das armenische Argument genutzt, um gegen mich Stimmung zu machen. Als ich begann, als Autorin mit internationaler Reichweite die Politik der Regierung Aliyev zu kritisieren, nutzten sie die Tatsache, dass ich unter anderem für die türkisch-armenische Zeitung Agos arbeitete, um mich als Vaterlandsverräterin zu brandmarken.

An der Demonstration in Baku mischte sich Unzufriedenheit mit der Regierung mit der Forderung nach Krieg. Ist das nicht seltsam?

Es ist wirklich erstaunlich, wie gut das Narrativ der Regierung verfängt. Die Menschen, die von der Regierung fordern, sie solle Armenien gegenüber aggressiver auftreten oder in den Krieg ziehen, sind genau dieselben, die sich sonst mit Kritik an der Regierung gänzlich zurückhalten. Obwohl sie genau wissen, dass dieselbe Regierung für ihre niedrigen Löhne und ihre schlechten Lebensbedingungen verantwortlich ist. Wenn sie schon ihre Rechte einfordern, indem sie jetzt die Regierung an ihre Versprechen auf Rückgabe der eroberten Gebiete erinnern, dann sollten sie doch auch all die anderen Dinge einfordern, die ihnen fehlen, wie Pressefreiheit, Recht auf freie Meinungsäusserung oder Zukunftsperspektiven.

Sie haben den Krieg als Kind erlebt und waren derselben Propaganda ausgesetzt wie andere. Warum sind Sie dennoch für eine friedliche Lösung?

Obwohl ich aus einer politisch aktiven Familie komme, erinnere ich mich nicht daran, dass mir je gesagt wurde, ich müsste Armenien hassen oder dass die Armenier*innen unsere Feinde seien. Natürlich las ich dieselben Geschichtsbücher in der Schule wie alle anderen, aber offenbar ist Hass nicht mein stärkster Charakterzug. Ich wollte immer die Gründe verstehen, warum die einen die anderen auf eine bestimmte Art und Weise sehen wollen – das hat auch meine Wahrnehmung von Armenien beeinflusst. Zudem lernte ich auf einem Auslandsaufenthalt mit sechzehn Jahren eine Armenierin kennen, die dasselbe Programm absolvierte. Der Kontakt mit ihr – die gar nicht das Monster war, als das die Armenier*innen in Aserbaidschan dargestellt wurden – hat meine Sicht auf den Konflikt und die beiden involvierten Seiten ebenfalls geprägt.

Seitdem die aserbaidschanische Regierung im Laufe des letzten Jahrzehnts die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in der Region weiter erschwert hat, sind fast alle Initiativen zum Erliegen gekommen, die Menschen aus beiden Ländern Begegnungen ermöglicht haben. Es fehlen gemeinsame Räume, um etwas anderes als Hass zu erleben.

Richtig, das ist ein grosses Problem. Viele meinen, ganz Aserbaidschan oder ganz Armenien sei verantwortlich für den Krieg. Dabei ist das falsch. Die Soldaten, die jetzt kämpfen, tragen keine Verantwortung für das, was damals passiert ist, sie können nicht zurückgeben oder -fordern, was damals genommen wurde. Doch sie denken so, weil sie nie etwas anderes gehört haben und nie die Chance hatten, mal mit jemandem von der anderen Seite zu sprechen, der oder die vielleicht dieselbe Popmusik gut findet oder sich ebenfalls für die Schönheit des Kaukasus begeistert.