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Kinderarmut
«Kinder kommen nur am Rande vor»

Kinder aus armutsbetroffenen Familien tragen eine grosse Last. Würde man sie mehr in die Gesellschaft miteinbeziehen, wäre das womöglich ein Weg aus ihrer Misere, findet der Soziologe Ueli Mäder.

Ueli Mäder, ist von Kinderarmut die Rede, denkt man an verwahrloste Kinder in Lumpen. Dabei ist das Phänomen, gerade in Wohlstandsländern, viel subtiler – und wohl auch versteckter.

Ja. In der Schweiz werden Kinder, die unter prekären Umständen aufwachsen müssen, statistisch teilweise wegdefiniert – sie kommen eher am Rande oder gar nicht vor. In den Erhebungen des Bundesamts für Statistik zum Beispiel werden 135 000 Working Poor aufgeführt, also Menschen, die erwerbstätig sind und trotzdem unter dem Existenzminimum leben. Diese Zahl ist schon deswegen eine Banalisierung, weil sie die Kinder der Erwerbsarmen vernachlässigt.

Wieso das?

Unsere Gesellschaft fokussiert vor allem auf jene, die ökonomisch nützlich sind, also verwertbare Leistungen erbringen. Kinder spielen da eine kleinere Rolle.

Könnte es auch damit zusammenhängen, dass Kinder ihre eigene Armut womöglich als solche gar nicht wahrnehmen – und sie so gesehen auch nicht unmittelbar betroffen sind?

Es gibt Eltern, die ihren Kindern möglichst viel bieten möchten – obschon sie es sich eigentlich gar nicht leisten können. Sie ei fern einem gewissen Konsumzwang nach, der in unserer Gesellschaft ohnehin sehr ausgeprägt ist. Was dann eben auch dazu führen kann, dass die Zimmer dieser Kinder voller Spielsachen sind. Tatsächlich könnte man in solchen Fällen fast schon sagen: Je ärmer die Familien, desto plastifizierter die Kinderzimmer. Es gibt aber auch den anderen Fall: Kinder, die weniger Spielsachen haben und das Einfache schätzen. Sie leben bescheiden und entwickeln sogar etwas Widerständiges.

Wie äussert sich das?

Sie lernen zum Beispiel schon früh, aus wenig viel zu machen, sie lassen sich nicht bevormunden, sind skeptisch gegenüber Autoritäten. Wachsen sie in einem Umfeld auf, das ihren Selbstwert stärkt, können sie zu selbstbewussten Jugendlichen heranwachsen und ihren Weg recht eigenständig gehen. Aber all das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für Kinder ein Leben unter prekären Bedingungen oft eine sehr grosse Belastung darstellen kann.

Man spricht in diesem Zusammenhang von einer «Culture of Poverty», einer Kultur der Armut: Kinder übernehmen die Denk- und Verhaltensmuster ihrer armutsbetroffenen Eltern.

Es gibt Familien, in denen die ständige Armut einen grossen Druck erzeugt, und der überträgt sich auch auf die Kinder. Sie sind es, die diese Spannungen emotional auffangen müssen, viel zu früh für ihr Alter. Das können depressive Verstimmungen sein, aber auch eine gewisse selbstdestruktive Haltung. Hinzu kommen Schuldgefühle, die sich sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern einstellen. Die Folgen für die Kinder können fatal sein, sie empfinden das eigene Zuhause, das Schutz gewähren sollte, als beengend oder gar bedrohlich, sie bekommen Probleme in der Schule oder kapseln sich sozial ab. Doch wie gesagt, einige dieser Kinder nehmen bewusst wahr, dass sie benachteiligt sind. Sie schöpfen daraus auch eine Kraft, sich zu wehren und weniger an normierte Vorgaben anzupassen.

Führt das Reden über eine «Kultur der Armut» dazu, dass Armutsbetroffene psychologisiert und damit am Ende auch stigmatisiert werden?

Diese Gefahr besteht. Es gibt Betroffene – darunter auch Kinder –, die mit dem Gefühl aufwachsen oder leben, immer die Nummer 2 auf dem Rücken zu tragen. Für sie wird es zu einer Selbstverständlichkeit, dass da immer noch jemand ist, der angeblich besser ist als sie oder der ein Anrecht auf etwas hat, das sie selbst nicht haben oder erreichen können. Dieses Gefühl geht dann oft mit einer Scham einher, die dazu führt, sich zurückzunehmen und andern das Feld zu überlassen.

Gerade unter armutsbetroffenen Menschen ist Scham häufig ein Thema.

Dazu trägt auch unsere christlich geprägte, individualisierte Gesellschaft bei, in der Schuldgefühle und gesellschaftliche Verantwortung gern dem Einzelnen übertragen werden. In einem Umfeld, in dem der Slogan «Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg» dominiert, gilt jedes vermeintliche Scheitern als persönliches Versagen, das dann eben mit Scham behaftet ist.

Was bedeutet dies in Bezug auf die sogenannte Kultur der Armut und die Gefahr der Stigmatisierung?

Dass Betroffene in ihrer Rolle als Arme verhaftet bleiben, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun, auch mit Institutionen oder Individuen, die es durchaus gut meinen mit diesen Menschen, ihnen zugleich aber auch paternalistisch ein Gefühl von lähmender Bedürftigkeit vermitteln. Damit verstärkt sich ein Opferstatus, der Armut verstetigen kann. Im Sinne von «Einmal arm, immer arm». Aber aufgepasst, wir können Armutsbetroffene auch stigmatisieren, indem wir sie heroisieren. Gerade im Fall der Kinder würde das heissen, dass man sie zu sehr sich selbst überlässt oder von ihnen erwartet, was wir selbst zu wenig praktizieren.

Wo sehen Sie Lösungen?

Natürlich müssen wir auf struktureller Ebene endlich Bedingungen schaffen, damit alle existenziell abgesichert sind. Der Reichtum hat in Ländern wie der Schweiz massiv zugenommen. Damit sind ausreichend Ressourcen vorhanden, dass alle gut über die Runden kommen können. Von daher ergibt für mich diese bekannte Forderung, wir sollten die Armut halbieren, wenig Sinn; vielmehr müssen wir sie ganz überwinden. Natürlich werden am Ende nicht alle genau gleich viel haben. Aber in einer Gesellschaft wie der unsrigen sollte es doch möglich sein, dass alle zumindest materiell genug haben fürs Leben. Damit würde ein Stück weit auch der finanzielle Druck weggenommen, der auf vielen Familien lastet und der sich auf die Kinder überträgt. Unsere Gesellschaft wäre, mit anderen Worten, gut beraten, die Armut schlicht und unbürokratisch zu bewältigen. Zum Beispiel, indem wir die Ergänzungsleistungen auf alle Haushalte ausweiten, die zu wenig Einkommen haben. Zudem gilt es, die unteren Löhne anzuheben und die Partizipation in allen Lebensbereichen auszuweiten. Das hilft und unterstützt auch das psychische Wohl.

Aber passiert nicht oft genug das Gegenteil? Menschen werden ausgegrenzt, weil sie weniger haben als andere.

Es gibt diese Idee, dass soziale Ungleichheit für eine Gesellschaft von Vorteil sei und dynamisierend wirke. Und es gibt auch Menschen, die Ungerechtigkeiten und forcierte Konkurrenz akzeptieren, weil diese ihnen immer die Möglichkeit geben, sich über andere zu erheben. Ich stelle mir eine lebendige Gesellschaft anders vor. Aber Mechanismen der Ausgrenzung sind in hierarchisierten Gesellschaften sehr ausgeprägt. Sie erzeugen viel Häme und Ressentiments. Auch deshalb ist es wichtig, Armut zu enttabuisieren und offen darüber zu diskutieren. So erfahren Armutsbetroffene, dass sie nicht allein sind. Das ermutigt sie, sich selbst zu äussern und zu vertreten.

Was voraussetzt, dass sie überhaupt gesehen und gehört werden.

Für mich ist das ein zentraler Punkt: Die Menschen müssen viel mehr teilhaben können, in ihrem Quartier, ihrem Wohnbereich, in der Schule, der Ausbildung, im Beruf. Diese soziale Teilhabe gehört zur Demokratisierung einer Gesellschaft. Sie fördert eine Praxis der Mitbestimmung und eine Kultur der Auseinandersetzung. Das spielt für mich auch bei der Bewältigung von sozialen Ungerechtigkeiten wie Armut eine wichtige Rolle. Voraussetzung dafür, dass Armutsbetroffene nicht ausgegrenzt werden und man ihnen auf Augenhöhe begegnet, ist doch, dass alle am Leben teilhaben können und merken, dass es auf sie ankommt und ihre Meinung gefragt ist. Das gilt nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder und Jugendliche.


UELI MÄDER, 69, ist Soziologe. Er arbeitete an der Universität Basel und der Hochschule für soziale Arbeit. Von ihm stammen mehrere Studien zu Armut und Reichtum. Seine Schwerpunkte sind die soziale Ungleichheit und Konfliktforschung. Zu seinen zahlreichen Werken gehört das 2015 im Rotpunktverlag erschiene Buch «macht.ch».


Titelbild: Wie leben arme Kinder in der reichen Schweiz? Vier Familien von Surprise-Verkäufer*innen, die unter prekären Bedingungen leben müssen, haben dem Surprise-Redaktor und Fotografen Klaus Petrus Einblicke in die Zimmer ihrer Kinder gewährt. Aus Schutzgründen haben wir darauf verzichtet, die Kinder selbst abzubilden. Oft leben die Familien mit ihren zwei bis drei Kindern von sechs bis zwölf Jahren in einer Dreizimmerwohnung, die im Schnitt 1400 Franken pro Monat kostet. Die Kinder teilen sich ein Zimmer, schlafen, spielen und lernen auf engstem Raum. Ferien können sich die Eltern keine leisten, oft übernimmt die Sozialhilfe Miete und Krankenkasse, Geld bleibt am Ende des Monats kaum übrig. Nicht immer sieht man den abgebildeten Kinderzimmern unmittelbar an, dass hier Menschen in Armut leben. Viele betroffene Eltern möchten, dass es ihren Kindern an nichts fehlt, und kaufen ihnen auch mal Dinge, die sich eigentlich nicht leisten können.