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Verkäuferporträt
«Man ist wieder wie ein kleines Kind»

Zeru Fesseha (34) und Sarah Tesfaldet (31) leben seit gut acht Jahren in der Schweiz. An ihrem gemeinsamen Verkaufsplatz in Allschwil sieht man Zeru nur noch selten – er ist ein nahezu mustergültiges Beispiel für eine gelungene Arbeitsintegration. Sarah hatte bisher weniger Glück.

Zeru: «Wir gingen dieses Jahr wieder mit auf den Surprise-Ausflug. Es stand das Rütli auf dem Programm. Die Fahrt mit dem Raddampfer über den Vierwaldstättersee war unser erstes Mal auf dem Wasser, seit wir mit dem Gummiboot über das Mittelmeer gekommen waren.»

Sarah: «Wir hatten lange keine gute Erinnerung ans Wasser. Aber auf einem sicheren Schiff kann man so eine Fahrt sogar geniessen.»

Zeru: «Wir kamen Ende 2008 in die Schweiz. Etwa nach einem Jahr machte uns eine Bekannte auf Surprise aufmerksam. Da könne man etwas dazuverdienen, sagte sie. Wir hatten damals noch den Ausweis N für Asylsuchende. Mittlerweile hat der Kanton Baselland den Heftverkauf für Leute mit diesem Status untersagt, aber damals ging das noch. Heute sind wir als Flüchtlinge anerkannt und hätten dieses Problem nicht mehr.»

Sarah: «Ich fing 2010 mit dem Heftverkauf an, als ich mit unserer ersten Tochter schwanger war. Zeru fing etwa ein Jahr früher an. Wir verkauften von Anfang an am selben Platz in Allschwil. Wir teilen uns den Verkaufsplatz und die Kinderbetreuung. Mittlerweile haben wir zwei Töchter, die ältere ist im Kindergarten.»

Zeru: «Am Anfang sang ich auch mit dem Surprise Strassenchor. Dort und vor allem beim Hefte verkaufen habe ich unglaublich viele Menschen kennengelernt. Sie kaufen mir nicht nur das Heft ab, sondern unterhalten sich mit mir und helfen mir weiter, wenn ich irgendwo ein Problem habe. Ich habe oft von Kunden Tipps und Informationen erhalten, wie etwas weitergehen könnte.»

Sarah: «Die Fachleute bei Surprise wiederum unterstützen uns bei den grösseren Schwierigkeiten. Mir helfen sie derzeit beim Verbessern meiner Bewerbungsunterlagen. Ich bin auf der Suche nach einer Teilzeitstelle im Service, als Zimmermädchen oder als Küchenhilfe.»

Zeru: «Nachdem wir eine Aufenthaltsbewilligung hatten, machte ich fünf Monate lang Deutschkurs. Später lernten wir in der Kirche in Allschwil Studenten kennen, die uns freiwillig Sprachunterricht gaben. Einmal luden sie uns Flüchtlinge an die Universität Basel ein, um Essen aus unseren Heimatländern zu kochen. Nach dem Essen tanzten und feierten wir alle zusammen. An jenem Abend lernten wir eine junge Frau kennen, die in der Ausbildung zur Pflegefachfrau war – und ich war in Eritrea auch Pfleger gewesen! Sie half mir, Bewerbungen zu schreiben. Nach 50 Bewerbungen wurde ich zu zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen, und am Ende bekam ich ein einjähriges Praktikum in einem Pflegeheim in Binningen. Es war ein strenges Jahr: Tagsüber arbeitete ich im Heim, und abends besuchte ich entweder den Kurs ‹Lehreingang in die Pflege› des Schweizerischen Roten Kreuzes oder den Deutschkurs. Und daneben verkaufte ich Surprise. Nach dem Praktikum bot mir das Pflegeheim eine Vollzeitstelle als Pflegehelfer an, und mittlerweile arbeite ich seit etwa vier Jahren dort.» 

Sarah: «Ich hatte weniger Glück. Im Sommer 2015 begann ich ein Praktikum als Service-Mitarbeiterin in einem Integrationsprojekt hier in Basel, wo alle Mitarbeitenden Flüchtlinge sind. Am Anfang war alles gut, ich bekam einen Vertrag für ein Jahr. Aber dann begannen die Probleme: Im Arbeitsplan, den der Chef machte, kamen unsere Ferien nicht vor, später verlangte er, dass wir ihm unser Trinkgeld aushändigen. Und schliesslich hinterging er mich, als ich eine richtige Stelle bekommen hätte. Es kamen nämlich oft Gastronominnen zum Essen, die sich bei uns nach Personal umschauten. Als mich eine von ihnen einstellen wollte, sorgte er dafür, dass jemand anders die Stelle bekam. Mein Vertrag ist jetzt zu Ende, und ich bin froh darüber. Auch wenn es nicht leicht wird, etwas Neues zu finden.»

Zeru: «Mit meinem Job haben wir es geschafft, von der Sozialhilfe wegzukommen. Es ist zwar sehr knapp, aber es reicht gerade so. Umso wichtiger wäre es, dass Sarah auch ihren Teil beisteuern kann.»

Sarah: «Kürzlich habe ich einen Kurs beim RAV gemacht, wo wir lernten, bessere Bewerbungen zu schreiben. Und wie gesagt, hier bei Surprise bekomme ich auch Hilfe.»

Zeru: «Wenn du in ein fremdes Land kommst, dann verstehst du anfangs gar nichts. Weder die Sprache noch die Mentalität der Menschen. Man weiss nicht, wie man auf diese oder jene Aufforderung oder Rechnung reagieren muss. Und man weiss nicht, was man tun muss, um eine Arbeit zu bekommen. Man ist wieder wie ein kleines Kind. Und Surprise ist so etwas wie unsere Eltern hier. Das gilt für die Kundinnen genauso wie für die Angestellten.»