Skip to main content
Verkäufer*innenkolumne
Tee oder Kaffee

HANS RHYNER verkauft seit sechs Jahren Surprise in Zug und Schaffhausen und ist Surprise-Stadtführer in Zürich. Er beneidet die Büsis darum, dass sie sich jederzeit Zärtlichkeiten holen können – dafür haben sie mehr Feinde: den Strassenverkehr, die Menschen, andere Tiere. So kämpfe jedes Lebewesen gegen seine eigenen Feinde. Manche gegen äussere, andere gegen innere.

Ich mache jeden Morgen Meditation, Entspannungsübungen, Atmungsübungen. Wenn ich einatme, muss ich auch wieder ausatmen können.

Wenn ich aufstehe, strecke ich mich, gähne. Ich stehe langsam auf. Ziehe den Rolladen hoch, gehe auf den Balkon. Ich höre irgendwo Vögel pfeifen, sehe vielleicht ein Büsi oder eine Maus durchspazieren oder einen Fuchs. Oder es schüttet. Ich nehme als Erstes die Welt wahr, das Leben da draussen. Ich mache das schon längere Zeit so.

Ich gehe das Gesicht waschen, mit lauwarmem Wasser. Putze die Zähne. Dann schalte ich die Kaffeemaschine ein, an jedem zweiten Tag. An den anderen Tagen trinke ich Tee. Montag Tee, Dienstag Kaffee, Mittwoch Tee, Donnerstag Kaffee, Freitag Tee, Samstag Kaffee, Sonntag Tee. Wenn ich Tee trinke, kommt die erste Zigarette erst, wenn ich meinen Verkaufsplatz eingerichtet habe, etwa um 8 Uhr, in Zug. Ich stehe aber um 5 Uhr auf. Wenn ich Kaffee getrunken habe, zünde ich die erste Zigarette schon am Albisriederplatz an, etwa um 7.05 Uhr. Ich möchte wirklich Nichtraucher werden. Und ich muss das probieren, mit solchen Hilfsmitteln. Ich habe lange Zeit aufgeschrieben, wann ich wo die erste, die zweite Zigarette geraucht habe. Aber es wurde mit der Zeit mühsam, weil es doch mehr als 20 wurden pro Tag. Aber mit dem Tee funktioniert es ein bisschen besser. Zigaretten sind eine Fessel. Ich weiss nicht, ob sie ein Mutterersatz sind. Als Alkoholiker verwende solche TherapieAusdrücke. Ich fühle mich gefesselt. Nach dem Tee, nach dem Kaffee mache ich Entspannungsübungen und Atemübungen. Als ich jung war, habe ich Liegestützen und Seilhüpfen gemacht, solche Sachen. Aber ich habe gemerkt, dass ich etwas anderes brauche, Übungen ohne Kraftanstrengung. Ich hatte das so gelernt, Körpertraining ist das Beste. Aber mit der Zeit merkte ich: Den Körper am Morgen schon auf Höchstleistung zu trimmen, tut mir nicht gut.

Am Sonntag gehe ich am Morgen früh jeweils auf den Uetliberg, ich bin spätestens um 7 Uhr oder halb 8 dort oben. Jahrelang ging ich immer rennen, schaute auch auf die Zeit, habe gemessen, das mache ich schon lange nicht mehr. Ich sehe es ja bei anderen, da kommen sie wie verrückt mit dem Velo angestrampelt und keuchen, viele gönnen sich oben nicht mal die Aussicht. Ich lege mir die Kleider schon am Vortag bereit, dann komme ich nicht in die Situation, mir überlegen zu müssen, was ich anziehen soll. Mein Ziel ist: Am Morgen, bis ich die Haustüre hinter mir schliesse, nicht in einen gestressten Zustand zu kommen. Das ist Ruhe, die ich mir selber schaffe.


Die Texte für diese Kolumne entstehen in Workshops unter der Leitung von Stephan Pörtner und der Redaktion. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.