Skip to main content
Strassenverkaufende
«Ich habe überlebt»

Zeru Fesseha, 38, lebt schon seit zwölf Jahren in der Schweiz und schätzt noch immer die Sicherheit in diesem Land. In Eritrea, sagt er, wäre das ganz anders.

«Als ich Ende 2008 in die Schweiz kam, wurde mir schon bald klar: Hier kannst du in Sicherheit leben, hier wirst du nicht ständig überwacht und musst dich nicht immer dafür rechtfertigen, was du denkst und tust. Das war in Eritrea, wo ich geboren bin, ganz anders, denn dort regiert ein Diktator. Ich konnte zwar zur Schule gehen und habe in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, sogar eine richtig gute Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Doch was kommt danach? Als junger Mann musst du ins Militär, und niemand sagt dir, für wie lange. Vielleicht für zwei Jahre, vielleicht für zehn, vielleicht aber auch dein Leben lang.

Wie die meisten aus meiner Generation bin ich deshalb geflohen. Erst nach Äthiopien, dann in den Sudan und von dort durch die Sahara nach Libyen. Dort sass ich fast zwei Jahre lang fest, es war eine schlimme Zeit. Zum Glück habe ich in Libyen meine jetzige Frau getroffen. Eigentlich haben wir uns schon ein wenig gekannt, denn sie stammt aus demselben Dorf wie ich. Wir flohen dann getrennt mit dem Boot übers Mittelmeer, haben uns aber in Italien wieder getroffen, dort geheiratet und sind weiter in die Schweiz gereist. In Basel angekommen, beantragten wir Asyl und fanden schon kurz darauf eine Wohnung. Ich wollte mir direkt eine Arbeit suchen, und so habe ich mich als Pfleger für ein Praktikum in einem Alterszentrum in Binningen beworben. Das war 2011. Anfangs war das alles sehr hart, schon wegen der Sprache. Also besuchte ich an den Abenden einen Deutschkurs. Später habe ich, ebenfalls neben der Arbeit im Alterszentrum, beim Schweizerischen Roten Kreuz SRK eine Zusatzausbildung zum Pflegehelfer absolviert. Danach wollte ich eine feste Anstellung, doch der Chef meinte, es sei keine Stelle frei. Kaum war ich weg, beschwerten sich die Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen des Altersheims bei ihm. Er rief mich daraufhin an und stellte mich doch noch ein. Dort blieb ich bis 2016, dann wechselte ich in ein anderes Altersheim und begann berufsbegleitend die Ausbildung zum Fachmann Gesundheit, die ich diesen Juni erfolgreich abgeschlossen habe. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Ich bin froh, hier in der Schweiz zu sein, gerade auch für meine drei Kinder – die Töchter sind zehn und acht Jahre alt, der Sohn ist zwei. Ich wünsche mir, dass sie behütet aufwachsen und eine Ausbildung machen können. Natürlich ist das Leben in der Schweiz nicht günstig. Um zusätzlich etwas Geld zu verdienen, verkaufe ich Surprise. Das mache ich schon seit 2009. Doch es geht nicht nur um den Verdienst, genauso wichtig sind mir die sozialen Kontakte. Durch den Heftverkauf lerne ich viele Menschen kennen, sie erzählen mir von ihrem Leben und ich erzähle ihnen aus meinem. Auch die Leute von Surprise haben mir schon oft geholfen, gerade am Anfang, als ich noch Mühe mit der Sprache und all den Formularen hatte. Damals sang ich im Surprise Strassenchor mit, wozu mir heute leider die Zeit fehlt.

Natürlich vermisse ich meine Heimat. Ganz besonders fehlt mir die Familie, meine Geschwister und meine Mutter. Vor einigen Jahren ist mein Vater verstorben, und ich konnte nicht an seinem Begräbnis teilnehmen, denn ich darf ja nicht nach Eritrea zurück. Das war hart. Meine Mutter ist inzwischen eine alte Frau, und manchmal frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich daheim geblieben wäre. Doch dann wäre ich jetzt vielleicht immer noch im Militär oder sogar tot. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass du zuerst zu dir selbst schauen musst – erst dann kannst du dich um die anderen kümmern.»