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Strassenverkaufende
«Ich habe schlimme Geschichten gehört»

Freweini Tsegay, 54, verkauft in Oberwinterthur und Wil Surprise und würde zudem noch gerne in einem Blumenladen arbeiten.

«Ich heisse Freweini Tsegay und stamme aus Asmara, Eritrea. Ich lebe seit 2011 in der Schweiz, unser Asylgesuch wurde Gott sei Dank angenommen. Auch nach neun Jahren bin ich froh, dass mit unserer Flucht alles geklappt hat. Ich habe viele schlimme Geschichten gehört, sogar von meiner eigenen Familie. Zwei meiner Cousinen wurden auf dem Weg nach Libyen von Islamisten ermordet, weil sie Christinnen waren und ein Kreuz trugen. Weitere Cousins sind bei der Überquerung des Mittelmeers ertrunken. Wir konnten uns zum Glück von meiner Schwester etwas Geld leihen und damit ein Flugticket in die Schweiz bezahlen.

Eigentlich wollte ich zu meinen Kindern nach England. Die beiden ältesten waren schon vor uns geflohen und sind nun dort richtig verwurzelt. Leider hatte ich vor meiner Flucht noch nie etwas vom Dublin­Abkommen gehört. Im Sudan gab ich einem Mann Geld, damit er unsere Flucht nach Europa organisiert. Er kaufte ein Flugticket in die Schweiz, erwähnte aber nicht, dass wir unser Asylgesuch in der Schweiz stellen müssen. Ich dachte, sobald ich in Europa bin, kann ich zu meinen Kindern. Jetzt lebt meine Familie in drei verschiedenen Ländern – meine beiden ältesten Kinder in England, mein Mann in Eritrea und ich mit den anderen vier Kindern in der Schweiz.

Mittlerweile gefällt es mir sehr gut in der Schweiz. Meine Söhne und Töchter dürfen eine Ausbildung machen, und ich kann arbeiten. Deutsch zu sprechen fällt mir noch schwer, aber ich besuche zweimal in der Woche einen Kurs. Zudem bringen mir die Leute auf der Strasse viele Wörter bei, und wenn ich etwas falsch sage, korrigieren sie mich.

Ich verkaufe Surprise­Hefte gleich neben einem Blumenladen. Da frage ich manchmal, wie die Blumen heissen, denn ich liebe Blumen. Ich werde immer traurig, wenn ich sie welken sehe. In dem Blumenladen würde ich gerne arbeiten, dann würde das nicht passieren.

Auch die Arbeit bei Surprise macht mir Spass. Dies ist mein erster Job, mit dem ich eigenes Geld verdiene. In Eritrea war ich Hausfrau. Es tut gut, seine Rechnungen selbst bezahlen zu können. Im Moment lebe ich auch nicht vom Sozialamt. Das macht mich stolz. Umso mehr freut es mich, wenn mir die Leute Komplimente machen. Viele sagen, dass ich eine gute Verkäuferin bin. Die Leute in Wil und Oberwinterthur haben Freude, dass dort überhaupt jemand Surprise verkauft. Die Standorte habe ich selbst ausgewählt und organisiert.

Nun suche ich noch eine weitere Arbeit, denn leider gibt es auch Zeiten, in denen der Verkauf harzig läuft. Darum wünsche ich mir ein stabileres Einkommen. Manchmal mache ich mir Sorgen, ob ich so meine Familie ernähren kann. Auch frage ich mich, ob ich in meinem Alter noch eine andere Stelle finden werde.

Die Zukunft meiner Kinder liegt mir besonders am Herzen. Ich musste in meinem Leben zweimal fliehen, einmal als Kind vor dem Krieg in den 1970er­Jahren – damals flohen wir in den Sudan. Dort war das Leben hart, es gab kaum Arbeit, und die Scharia wurde eingeführt. Nach vier Jahren konnten wir zurückkehren, hatten aber nichts mehr in Eritrea. Das zweite Mal tat ich es für meine Kinder, damit sie nicht in einem Land ohne Rechte und Zukunft aufwachsen müssen, so wie ich.

Ich kann mich also glücklich schätzen, in der Schweiz gelandet zu sein. Wir haben überlebt, ich kann arbeiten und ich sehe, wie meine Kinder selbständige junge Erwachsene werden. Viel mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein – ausser vielleicht ab und zu ein paar Blumen.»