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Strassenverkaufende
«Arbeit ist für mich die beste Schule»

Emnet Kelemework, 37, verkauft in Zofingen Surprise und singt im äthiopischen Gottesdienst im Chor mit.

«Ich bin vor acht Jahren aus politischen Gründen aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet. Zuerst war ich zwei Wochen im Sudan, später zweieinhalb Jahre in Äthiopien, dann kurz in Italien, und von dort kam ich in die Schweiz. In Äthiopien habe ich mich eigentlich am wohlsten gefühlt, abgesehen von der Schweiz natürlich. Die äthiopische Sprache ist meiner sehr ähnlich, die Kultur ist ähnlich und vor allem: das Essen! Mein Lieblingsessen ist Injera, ein weiches, rundes Brot aus Teffmehl. Das nimmt man in die Hand und isst es mit Sauce, Gemüse und Salat.

Ich lebe in Strengelbach, dort habe ich eine eigene Wohnung. Seit etwas mehr als sechs Jahren habe ich den B-Ausweis und vor zwei Jahren habe ich angefangen, in Zofingen beim Coop Surprise zu verkaufen. Ich liebe diese Arbeit sehr. Man kommt mit so vielen Leuten in Kontakt und man lernt deren Sprache. Die meisten Leute sind nett zu mir, ich hatte vor dieser Arbeit gar keine richtigen Freunde – jetzt schon, und das macht mich sehr glücklich. Aber nicht alle Leute sind freundlich, wenn ich Surprise verkaufe. Manchmal sagen sie gemeine Sachen zu mir. Zwei, drei Mal hat mich ein Mann rassistisch beleidigt, da musste ich weinen. Aber zum Glück sind andere Passanten gekommen und haben ihm gesagt, er solle aufhören.

Ausserdem arbeite ich in einem Altersheim in Strengelbach. Das ist auch eine tolle Arbeit, mein Chef ist nett, und ich verstehe mich gut mit den anderen Angestellten. Der Kontakt mit den alten Menschen macht mir grosse Freude, sie sind so lieb.

Arbeit ist für mich die beste Schule. Bevor ich anfangen konnte, in der Schweiz zu arbeiten, sprach ich praktisch kein Deutsch. In meiner Freizeit besuche ich gern meine Schwester, sie lebt in Suhr und hat vier Kinder. Sie arbeitet im Kantonsspital und ihr Mann in der Migros in Aarau.

Bis vor vier Monaten lebte ich alleine, aber jetzt ist mein Mann jetzt in die Schweiz gekommen, und wir leben endlich wieder zusammen. Ich habe ihn vier Jahre lang nicht gesehen. Wir haben noch keine Kinder, ich war in dieser Zeit alleine und habe ihn sehr vermisst. Er ist Äthiopier, wir haben uns dort kennengelernt, verliebt und sofort geheiratet. Deshalb durfte er erst nachkommen, als ich in der Schweiz Arbeit gefunden hatte. In Äthiopien war er Pastor in einer Kirche, das möchte er auch hier in der Schweiz wieder sein. Doch zuerst muss er besser Deutsch lernen. Wir sind beide gläubige Christen, und wenn ich keinen Sonntagsdienst habe, gehen wir zusammen in Strengelbach in die Kirche. Es gibt in Aarau ausserdem einen äthiopischen Gottesdienst mit Chor, meine Schwester und ich singen dort beide mit.

Ich lebe sehr gerne in der Schweiz. Praktisch alle Schweizer*innen, die ich kennengelernt habe, haben ein gutes Herz. Ein Schweizer Paar, sie heissen Kathrin und Peter, hilft mir sehr viel. Ich habe sie kennengelernt, als ich vor dem Coop Surprise verkauft habe. Mit Kathrin habe ich hier so etwas wie eine Schweizer Mutter gefunden. Ich muss viel weinen, wenn ich daran denke – auch, weil ich meine eigene Mutter fest vermisse, mein Vater ist schon länger gestorben. Ich habe meine Mutter seit zehn Jahren nicht gesehen, aber wir telefonieren so oft wir können miteinander. Es geht mir hier aber sehr gut, ich bin so dankbar für alles: Meine Schwester lebt hier, ihr geht es gut, ich bin jetzt mit meinem Mann zusammen, habe Arbeit und bin zufrieden. Eigentlich möchten wir gerne noch Kinder – aber die sind ein Geschenk Gottes, ich hoffe einfach fest darauf!»