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Strassenverkaufende
«Durch meine Adern fliesst Musik»

Ahmed Moustaghni, 58, verkauft Surprise beim Central in Zürich und spielt am liebsten auf seiner marokkanischen Laute, der Oud.

«Als ich das erste Mal für Surprise im Einsatz war, nahm ich meine marokkanische Laute mit und spielte mehr, als dass ich Hefte verkaufte. Meine Musik gelangte ziemlich schnell zu den Verantwortlichen bei Surprise und man mahnte mich belustigt: ‹Ahmed, du bist Surprise-Verkäufer, nicht Strassenmusiker. Strassenmusiker sieht man am Central nicht gerne, schon gar nicht in Surprise-Montur.› Seither lasse ich meine Oud wohl oder übel zuhause.

Vor meiner Tätigkeit als Surprise-Verkäufer habe ich so manchen Job ausprobiert. Meine erste feste Stelle erhielt ich in einem türkischen Restaurant. Der Besitzer, ein alter Bekannter, hatte eine marokkanische Sängerin gesucht und mich kontaktiert. Damals war ich in Marokko mit verschiedenen Musikgruppen unterwegs. Ich habe ihm eine passende Sängerin samt Musikgruppe organisiert und bin dann spontan mit der Truppe in die Schweiz gereist, um in seinem Restaurant zu arbeiten. Leider ging das Lokal bankrott und ich stand nach nur sieben Monaten in der Schweiz ohne Job da. Also suchte ich eine Arbeit, die ich ohne Deutschkenntnisse und Schulbildung ausüben konnte. Schlussendlich habe ich alles Mögliche gemacht – ich arbeitete in der Küche von Altersheimen, in der Reinigung von Spitälern oder eben in der Gastronomie. Die Musik hat mir dabei immer gefehlt.

Als ich das erste Mal auf das Sozialamt musste, erkundigte ich mich nach Berufsmöglichkeiten in der Musikbranche. Die Leute vom Amt haben gelacht und gemeint, dass sich in der Schweiz mit Musik schwer Geld verdienen lasse. Ich durfte jedoch bei einem sozialen Projekt im Kulturhaus mitarbeiten. Das hat mir sehr gut gefallen. Acht Monate lang konnte ich bei der Programmgestaltung, dem Auf- und Abbau und allen Veranstaltungen mit anpacken. Diese Tätigkeit hat mich sehr an meine Kindheit in Marokko erinnert.

Mein Vater starb kurz nach meiner Geburt. Da ich eines von vier Kindern war, hat das Geld nur für vier Schuljahre gereicht. Ich begann früh zu arbeiten, nähte schon als Junge Kostüme für einen Veranstaltungsort. Oft blieb ich am Abend, um Zigarrenstummel und alte Glasflaschen aufzuräumen, dafür konnte ich den Musikern beim Spielen zuhören. Dies hat mich motiviert, selbst Musik zu machen. Auf der Oud eines Freundes durfte ich ab und zu experimentieren. Als Jugendlicher schloss ich mich einer Musikgruppe an und brachte mir die Instrumente selbst bei. Heute spiele ich fünf Instrumente, aber die Oud ist meine grosse Liebe geblieben.

Mit der Musikgruppe sind wir einige Jahre durch das ganze Land gezogen und haben an Hochzeiten und Festen gespielt. Das erste Mal mitmachen durfte ich, als ein anderes Mitglied krank wurde. Da ich den Job überraschend gut meisterte, hatte ich von da an einen fixen Platz in der Truppe. Irgendwie scheint die Musik in meinen Adern zu fliessen.

Ich war schon sehr viel früher einmal in der Schweiz, ich kam damals mit einer Musikgruppe. Zusammen mit dem Sänger Said El Hawat tourten wir drei Monate lang von Zürich nach Genf und präsentierten in verschiedenen Hotels traditionelle marokkanische Musik. Damals lebte ich von der Musik. Aber ich wollte nicht in der Schweiz bleiben, alles schien mir teuer und kalt. Als mich mein Bekannter einige Jahre später kontaktierte und mir einen fixen Job in seinem Restaurant anbot, habe ich es mir anders überlegt. Ich dachte, es wäre irgendwann wieder möglich, als Musiker zu arbeiten. Doch leider behielten die Leute vom Sozialamt Recht. Nach meiner Stelle beim Kulturhaus habe ich nie mehr eine Arbeit gefunden, die etwas mit Musik zu tun hatte. Irgendwann wurde ich aufgrund psychischer Überlastung teilweise krankgeschrieben. Seit zwei Jahren verkaufe ich nun Surprise, wenn auch ohne Oud. Langsam habe ich mich an diesen Job gewöhnt. Es tut mir gut, wieder unter Leuten zu sein – aber im Herzen bin und bleibe ich eben doch ein Strassenmusiker.»