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Schulden
Inkasso mit Herz?

Inkasso ist ein wildes, unreguliertes Business. Damit das so bleibt, setzt die Branche jetzt ausgerechnet auf Moral.

Es gibt sie noch, die harten Kerle unter den Geldeintreibern. Zum Beispiel Rolf Schmidt, ein Mann um die fünfzig mit kurz geschorenen Haaren, Lederjacke und grimmigem Blick. Die Arme vor sich auf dem Tisch ausgebreitet, rümpft er die Nase, legt sein Gesicht in Falten und wirbt für «kreative Massnahmen» im Umgang mit Schuldner*innen. Unangemeldete Hausbesuche, den Klarnamen des Schuldners ins Internet stellen, dessen Verwandte besuchen. «Man muss den schwachen Punkt beim Schuldner finden», sagt Schmidt in einem Video auf seiner Webseite.

«Moskau Inkasso», so nennt sich jene besonders brachiale Art des Geldeintreibens, bei der die Beteiligten auch mal die Fäuste schwingen. Schmidt wirbt auf Google mit dem Begriff, nur um sich dann auf seiner Webseite wieder davon zu distanzieren. Hart und trickreich gehe er vor, jedoch im legalen Bereich. Und legal ist im Inkasso abgesehen von physischer Gewalt und sonstigen Straftaten eigentlich alles. Denn die Branche ist nicht reguliert, will heissen: Wer professionell Geld eintreiben will, nagelt ein Schild an die Türe und legt einfach los. Und «einschüchternde Wildwest-Methoden», wie Pascal Pfister vom Dachverband Schuldenberatung Schweiz sie nennt, sind nach wie vor verbreitet.

Typen wie Schmidt werden in der Branche allerdings nicht mehr gern gesehen, wie Gespräche mit Insidern zeigen. Die meisten Inkassofirmen tun derzeit alles, um vom Schläger-Image wegzukommen. Den Ton gibt der Verband der Schweizer Inkassofirmen (VSI) an. Dieser hat kürzlich einen Verhaltenskodex für ein «ethisches Inkasso» verabschiedet sowie die frühere Beschwerdestelle zu einer Ombudsstelle ausgebaut. «Dahinter steckt eine simple menschliche Überzeugung», sagt Sprecher Michael Loss. «Wenn man anständig miteinander umgeht, profitieren alle.» Der Kodex verbietet zum Beispiel Hausbesuche. Wer trotzdem sogenanntes Street Collecting betreibt, wird verwarnt oder aus dem Verband ausgeschlossen.

Im Inkassogeschäft geht es um viel Geld. Alleine die rund dreissig Firmen, die Mitglied beim VSI sind, sitzen auf offenen Rechnungen in der Höhe von über 13 Milliarden Franken. Geld verdienen Inkassofirmen aber nur, wenn Schuldner*innen zahlen – ihr Ruf spielt für den Erfolg erst einmal keine Rolle. Warum also setzen sie nun plötzlich auf Moral?

Dick Wolffs Büro befindet sich im Industriegebiet von Triesen, einem 5000-Seelen-Ort in Liechtenstein. Ein Geschäftsgebäude neben Autohändlern und Kieswerk. Nicht unbedingt die kundenfreundlichste Adresse. Ausserdem ist die Klingel kaputt. Wobei sich hierher ohnehin nicht viele Leute verirren. Das moderne Inkassogeschäft findet hauptsächlich am Computer und am Telefon statt. «Die Zeit der Hausbesuche ist vorbei», sagt Wolff, Inhaber der dort ansässigen Inkassofirma IB Score. 

Wolff, ein gesprächiger und charmanter Mittfünfziger mit holländischem Akzent, ist eine Ausnahme in einer sonst verschwiegenen Branche. Er möchte das öffentliche Bild von Inkassofirmen korrigieren. Denn unter dem schlechten Image würden seine Mitarbeitenden leiden. «Dabei sind wir liebe Leute und machen einen anständigen Job», sagt er.

Wolff verkörpert das neue, freundliche Gesicht der Branche. Kürzlich brachte er seinen Mitarbeitenden eine Tasche mit der Aufschrift «Inkasso mit Herz» aus Berlin mit. «Der Trend geht Richtung soziales Inkasso, ganz klar», sagt er. Gerne stellt er sich auch als «Brückenbauer» zwischen Schuldner*in und Gläubiger*in ins Licht. «Wir lösen Probleme, bevor sie vor Gericht landen.» Dass Wolff nett ist und anständig, dass er Schuldner*innen nicht unnötig plagt, das nimmt man ihm ab. Aber ist das schon sozial? 

Eines wird im zweistündigen Gespräch deutlich: Schuld an der Verschuldung tragen für Wolff vor allem die Betroffenen selbst. «Viele haben ihre Finanzen nicht im Griff. Sie verdienen 4000 Franken im Monat, geben aber 6000 aus.» Begriffe wie «Schuldnererziehung», «Elternhaus», «Schulbildung» fallen, wenn man ihn nach Lösungen fragt. Verlockende Kredite, die man sich nicht leisten kann? Eine Gesellschaft, die das Verschulden geradezu fördert? Solche Einwände wischt er beiseite, appelliert an die Eigenverantwortung. «Ich komme aus Amsterdam, mir wurden immer wieder Drogen angeboten. Ich habe Nein gesagt.» 

Was also steckt hinter der neuen Moral? 

Schuldenberater*innen gehen davon aus, dass die Selbstregulierung vor allem verhindern sollte, dass die Politik mit Gesetzen die rechtliche Grauzone aufhebt, welche Inkassobüros zum Leben brauchen. Doch der neu geschaffene Verhaltenskodex weckt auch Hoffnungen. «Er ist ein Schritt in die richtige Richtung», sagt Schuldenberater Pfister. «Die Regeln müssen sich nun aber in der Praxis bewähren.» In einer Sache bleiben die Inkassobüros aber stur: Nach wie vor verrechnen sie unter dem Titel «Verzugsschaden» hohe Zusatzgebühren. Das sei aber nur dann erlaubt, wenn exakt nachgewiesen wird, dass die entstandenen Kosten den Verzugszins von fünf Prozent überschreiten, so die spezialisierte Anwältin Rausan Noori. «Das ist praktisch nie der Fall.» Üblicherweise würden pauschale Gebühren verrechnet. Diese seien nicht geschuldet (siehe Interview).

Der Trick beim neuen «Inkasso mit Herz»: Wer von Anfang an zu viel verlangt, kann sich hinterher grosszügig geben. Das machte Branchenriese Intrum kürzlich vor. Er machte jungen Erwachsenen mit Schulden ein «Geschenk». Wer sich auf einer Beratungsstelle melde, müsse keine Inkassogebühren zahlen. Der Werbegag gelang: Die Zeitung 20 Minuten publizierte eine Anleitung, wie Betroffene vorgehen müssen. Ob Schuldner*innen die Doppelmoral erkannten? Auf den Beratungsstellen blieb es nämlich ruhig. Es sei kein Einziger aufgetaucht, heisst es aus Bern.