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Gefängnis
Heiligabend hinter Gittern

Insgesamt vier Mal hat Tito Ries die Feiertage in Unfreiheit verbracht – und sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Der Surprise-Stadtführer schildert seine Erinnerungen.

2017 Vorzeitiger Vollzug im Bässlergut, Basel

Nach drei Monaten U-Haft im Waaghof, mit unerträglichen Schmerzen in Bein und Gesässmuskel (konnte mich nur noch mit Stöcken fortbewegen) und Schlafstörungen auch infolge des Alk-Entzugs, beantragte ich eine Versetzung in den «vorzeitigen Vollzug». Zwei Wochen später landete ich im Bässlergut. Die Vorteile des «vorzeitigen Vollzugs» sind bemerkenswert: Die Zellentür bleibt den ganzen Tag offen, man kann tagsüber immer telefonieren, solange das Geld reicht. Zwei Mal pro Woche bekam ich Besuch von meiner Freundin Hirijet und meiner Familie. Die Zellen haben eine Dusche – ich liebe ausgiebiges Duschen und die Wärme. Und ich konnte arbeiten, was im Waaghof eher schwierig ist. Taschengeld ist wichtig.

Wie schon die drei Monate zuvor im Waaghof kam ich in den Genuss einer Einzelzelle. Diesmal war’s mir nur recht, ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. Mir war klar, dass ich’s diesmal wirklich selber verkackt hatte. Hirijet würde nun meinetwegen durch die Hölle gehen ... ich brauchte nun echt viel Zeit für mich, das zu verarbeiten. Ich ging jede einzelne Situation der letzten Jahre nochmals durch. Meine Gedanken kreisten hauptsächlich um meine Liebste und wie ich dies alles wieder geradebiegen könne. Mir war bewusst, dass ich diesmal von der Justiz so richtig hart rangenommen werden würde, dass sie alle Trickkisten einsetzen würden, um mich möglichst lange festzuhalten.

So ein Vollidiot, sagte ich mir, wie konnte ich mich nur derart gehen lassen? Vier Tage am Stück hatte ich mich mit Hochprozentigem volllaufen lassen, dazu gekifft und rumgetobt wie ein Irrer. Nun gab es nur einen Weg: Den Kontakt zur Gasse abbrechen und was Sinnvolles arbeiten, das Leben geniessen ohne Alk. Der erste Schritt war eine feste Tagesstruktur – Planung ist die halbe Miete. Training, Lesen, Stichworte aufschreiben, was ich besser machen kann/muss/will, und ab sofort umsetzen. Einen konstruktiven Austausch mit anderen Inhaftierten aufbauen. Arbeiten, alle Pendenzen der Reihe nach angehen – dabei immer positiv bleiben. Und an mir arbeiten, egal, wieviel Kraft es mich kostet.

Die Anklageschrift rauschte in meine Zelle – oje, ich hatte es geahnt, diesmal würden sie mich richtig «ficken», wie wir es nannten, wenn sie einen hart bestrafen wollten. Fast gleichzeitig und zu meiner Überraschung kam der Chef vom Hausdienst auf uns zu: Wollt ihr an Weihnachten gemeinsam für die ganze Station kochen? Die Ablenkung kam gelegen. Allerdings war mir nicht ganz wohl bei der Sache. Lauter Kriminelle mit riesigen Messern allein in der Küche? Die meisten waren doch wegen Körperverletzung hier! Mein Stress hing direkt mit meiner Inhaftierung zusammen: Ich war auf der Strasse von zwei Typen angegriffen worden – einer davon stach zwanzig bis dreissig Mal mit einem Messer auf mich ein, doch die Polizei liess beide laufen. Deshalb war ich damals vier Tage ausgerastet, meine Nerven lagen sowieso schon blank, weil mir zu dem Zeitpunkt erneut Obdachlosigkeit drohte. Und nun liess man uns mit Messern in der Küche rumhantieren. Zu meinem Erstaunen blieb alles ganz friedlich.

Als wir das Essen servierten, fielen alle wie Raubtiere darüber her – doch es kamen keinerlei Festtagsgefühle oder Freude am Zusammensein auf. Jeder zog sich in seine Zelle zurück und war in Gedanken bei seinen Liebsten. Ein trauriges Festmahl, aber es hat wunderbar geschmeckt – und das zählt ja auch. Was mir Nähe gab, waren die täglichen Telefonate mit Hirijet. Mit meinen Söhnen und meinem Vater hatte ich auch oft Kontakt. Die vielen Besuche ohne Panzerglas und der Besuch vom Beistand meiner Liebsten sowie von der Gassenarbeit Schwarzer Peter gaben mir etwas Vertrauen, nicht ganz verloren und vergessen zu sein. Dies hat mir Kraft gegeben, weiter zu kämpfen und trotz aller Widrigkeiten zu versuchen, das Beste aus meiner Misere zu machen.

2018 Vollzug in Lenzburg

Beim Betreten dieser Hardcore-Vollzugsanstalt bekam ich das allererste Mal seit Jahren weiche Knie ... mir drehte es den Magen um. Dort kommt man durch einen unterirdischen Gang direkt ins Zentrum eines sternförmig angelegten Gebäudes. Erst glaubte ich mich in einem Albtraum, doch auch Augenreiben half nicht weiter. Der erste Typ, den ich zu sehen bekam, glich Godzilla mit seinen aufgepumpten Muskeln. Später lernte ich ihn als gemütlichen, hilfsbereiten Copain kennen, der mir im Fitness auf die Sprünge half. Der zweite Typ starrte mich mit durchdringendem Blick an. Dieselbe Figur wie der erste, und dieser Blick – war das ein Killer?, fragte ich mich. Später übte er mit mir Spanisch.

Erstmal war ich froh, in meine Zelle eingeschlossen zu werden, 15 cm Stahl zwischen mir und allen anderen. Wo war ich hier bloss gelandet? Die Zelle war 7,5 m2 gross, zweckmässig, bis ins Detail durchdacht möbliert und erst kürzlich renoviert. Dort war ich zufrieden. Es erinnerte mich an meinen kleinen Camper – alles in unmittelbarer Reichweite, und zu putzen gab’s auch nicht viel.

Auch zu essen gab es was Anständiges: Aufschnitt, Käse, Gurken, Eier. Ich war in Hochstimmung. Nun interessierten mich zwei Dinge brennend: die Hausordnung und das Freizeitangebot. Die Hausordnung las ich in einem Zug durch und fand darin den Schlüssel zum Aufgleisen meines schnellen Austrittes. Mein Ziel: in neun Monaten würde ich hier raus sein. (Ich brauchte letztlich fünf Tage länger.) Mein Plan: sechs Monate durchhalten, die Appellation zurückziehen (ansonsten würde es keine Vollzugslockerungen geben) und einen Antrag auf Versetzung stellen. Also Klappe halten, sagte ich mir, jeden Tag arbeiten, Freizeitaktivitäten buchen, soviel ich konnte, und mich von negativen Personen fernhalten. Punkt, Ende der Durchsage. Also zwei Mal Fitnesstraining, ein Spanischkurs, Tiffany-Arbeiten mit Glas und Yoga (mein Rücken und meine Seele «juckten»). Mit viel Glück und aufgrund meiner handwerklichen Kompetenzen ergatterte ich einen Superjob: alte Spielzeuge restaurieren, das älteste war von 1936 (wie mein Vater). Die Arbeit war sehr anspruchsvoll, das gefiel mir.

Dann nahte Weihnachten, ich hatte die ersten sechs Monate hinter mir, und ich wusste nicht, ob meine Versetzung bewilligt werden würde. Ich blieb cool, was nicht einfach war. Für Weihnachten hatte ich etliche Briefe versandt und erhalten, die Telefonate waren beschränkt auf drei pro Woche je zehn Minuten (2x Hirijet, 1x Familie). Zu dieser Zeit hatte meine Ex-Frau und Mutter meiner Söhne eine Brustkrebs-OP und war auch finanziell am Ende – mir stank gehörig, dass ich sie und die Kids nicht unterstützen konnte. Ich schämte mich in Grund und Boden.

Unerwartet lud mich mein kongolesischer Zellennachbar zum Weihnachtsessen ein. Mit dabei war auch ein Schweizer mit palästinensischem Hintergrund. Wir genossen die wenigen Stunden, immer auf drei bis vier Sprachen gleichzeitig lachten wir unentwegt und vergassen für einen kurzen Moment, in welcher Situation wir uns befanden. Hast du gute Menschen um dich herum, spielt es keine Rolle, wo du bist.

Anlässlich von Weihnachten nahm ich auch an zwei Veranstaltungen des Gefängnisses und der Seelsorgerin teil. Es war ungewöhnlich, nun mit den Angestellten bunt durchmischt am selben Tisch zu sitzen, ganz ungezwungen zu plaudern und Geschenke entgegenzunehmen – diese waren sehr grosszügig. Gleichzeitig freute es mich, die Jungs zu sehen, die ich sonst nur ab und zu bei den Freizeitaktivitäten treffen konnte, denn die einzelnen Flügel haben keinen Zutritt zueinander. Die Afrikaner waren unglaublich: Tabak, Paper, Filter ... sie wussten genau, was ich dringend brauchte. So viel Herz. Ich war gerührt. Trotz der Härte des Regimes in dieser Anstalt und der vielen verwahrten Insassen kam Wärme, gegenseitige Anerkennung und Verständnis rüber. Man besann sich, dachte gemeinsam an die Familie und wie es sein würde, wenn man wieder draussen ist. Du schaffst das, erklärte man sich gegenseitig. Dann teilte uns die Seelsorgerin ihre Pensionierung mit, was mich etwas traurig stimmte. Lange hatte ich Hemmungen gehabt, mich auf ein Gespräch mit ihr einzulassen. Doch nach einigen witzigen Situationen mit ihr begann ich ihr zu vertrauen. Sie hat später in Bezug auf meine bedingte Entlassung im März 2020 indirekt sehr viel positiven Einfluss genommen. Sie hat ein goldenes Herz.

2019 im halboffenen Vollzug in Witzwil

Weil ich mich gut verhalten hatte, wurde meinem Antrag auf Vollzugslockerung stattgegeben und ich kam in den halboffenen Vollzug nach Witzwil. Ein späteres Gesuch für ein Arbeitsexternat wurde aber abgelehnt. Als es nicht bewilligt wurde, machte ich in Gedanken kurzen Prozess: Ich entschied mich, darauf vorbereitet zu sein, eventuell doch die gesamte Haftzeit absitzen zu müssen. Keine Bewährung, keine Diskussion und vor allem: keine falschen Hoffnungen mehr! Ich war sauer, und wie – und wenn ich sauer bin, dann geht’s ab.

Ihr wollt mich ficken?, dachte ich im Stillen. Ok, dann finden wir mal heraus, wer mehr bestraft ist: Ich hier im Knast oder ihr hier mit mir? Diesen Satz platzierte ich immer und immer wieder. Oh ja, ich kann nerven. Und nun machte ich es mir zum ersten Mal so richtig gemütlich in meiner Zelle. Ich verschwendete keine Minute mehr. Mir war bewusst, dass ich damit nicht nur meine Laune wieder in Griff bekäme, sondern dass dies auch ein gutes Training für die Zeit nach meinem Austritt sein würde. Ich musste wieder lernen, alles selber in die Hand zu nehmen. Ich düste allen mit gefühlten 300 km/h um die Ohren, war quietschfidel und tat, als könnte nichts meine gute Laune trüben. Wenn du immer nur positiv bist, gehst du negativen Menschen massiv auf den Sack, und genau diesen Kollateralschaden wollte ich bewirken. So kam es innert kurzer Zeit so weit, dass meine Chefin meinte, so könne das nicht weitergehen. Da ich das provoziert hatte, antwortete ich: Ich schlage vor, Sie schmeissen mich raus, ich akzeptiere und der Fall ist erledigt. Ein ähnliches Prozedere spielte sich bei der Therapeutin ab. Sie schmiss mich raus mit den Worten: Ich werde dafür sorgen, dass Sie ewig hier bleiben. Doch Wochen später gab sie meinen Fall ab. Kurz darauf wurde ich entlassen – wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Am Mittwoch, den 18.12.2019, gab es ein Weihnachtsfest mit Gospel-Live-Gesang und ausgiebigem Menu, doch ich war nicht wirklich in Stimmung. Der erste und wichtigste Schritt war zwar geschafft: Jobwechsel, so gesehen das schönste Weihnachtsgeschenk der Angestellten von Witzwil! Doch mir war bewusst, dass ich noch einen weiten Weg bis zu meinem Austritt vor mir haben würde. Es kam keinerlei positive Stimmung auf, obwohl sich alle Mühe gaben.

Am Heiligabend erfuhr ich, dass mein Papi operiert wurde. Mir steht jedes Mal das Herz still bei solchen News – und dann noch an Weihnachten, oh je. Aber er war bald schon wieder topfit und ich erleichtert. Am ersten Weihnachtstag fühlte ich mich total schlapp. Ich arbeitete zu der Zeit im Abwasch in der Küche. Mein neuer Chef war wie geschaffen für mich. Immer sympathisch lachend, meist einen guten Spruch auf Lager. Ich gab alles. Ich konnte den ganzen Tag rumwirbeln, das beste Training überhaupt. Dass der Chef meinen Einsatz entsprechend zu würdigen wusste, schätzte ich sehr. Doch total verschwitzt in die Rauchpause nach draussen zu gehen, war eine dumme Idee von mir. Schon am Tag darauf hatte ich abartigen Husten, erstickte nachts beinahe und fand keinerlei Schlaf. Die Medi-Station versorgte mich. Ich musste jedoch zurück an die Arbeit, ansonsten wäre am nächsten Tag der geplante Urlaub geplatzt . So ein Mist – sollen so meine Weihnachten enden?

Einen Tag später trat ich nach der Arbeit den Hafturlaub an. Ich war kaputt, röchelte und rang bei jedem Atemzug nach Luft. Erst traf ich meinen jüngeren Sohn am Bahnhof in Basel. Dann den zweiten an der Busstation bei meiner lieben Hirijet, die ich abholen wollte. Den Abend verbrachten wir mit Freunden. In meinem letzten Hafturlaub hatte ich wegen des abgelehnten Arbeitsexternats kurz vor einem Nervenzusammenbruch gestanden, dieses Mal war ich total erkältet. Aber ich lebte und wir genossen den Abend, bevor wir uns ins Hotel zurückzogen. Mein Freund schenkte mir 200 Franken, «damit ich wenigstens finanziell etwas mehr Luft habe», wie er scherzend bemerkte. Mir hätte ein Beatmungsgerät besser geholfen, scherzte ich zurück. Wir kennen uns schon über vierzig Jahre, es gibt nicht viel, was wir noch nicht zusammen durchgemacht haben.

Am 28.12.2019 besichtigten wir das Talhauscamping, da ich nach der Haft eventuell keine Wohnung finden würde. Dies könnte im Notfall (und nicht während des Winters) eine Alternative sein. Danach assen wir am Marktplatz eine Bratwurst. Am nächsten Tag versuchte ich auszuschlafen, doch mein Husten machte mich fertig. Zum Mittagessen trafen wir uns mit meinen Kids, meiner Schwester und ihren Söhnen bei meinem Vater. Wir genossen die Besuche bei meinem Vater. Er war mittlerweile im Altersheim, zwar nicht eingeschlossen wie ich im Knast, aber genauso von der Gesellschaft isoliert. Dann der Abgang: Hirijet – die wegen ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung im Rollstuhl sitzt – musste zurück ins betreute Wohnen und ich wieder in den Knast.

Immerhin hatten wir Weihnachten und Neujahr zusammen mit der Familie geniessen können. Ein schönes Erlebnis für uns alle. Nach der Rückkehr war ich total krank, ich hatte starke Atemnot – Medis und ab ins Bett. Ich schämte mich ein wenig. Ich war im Urlaub gewesen und lag nun im Bett. Doch mein Chef beruhigte mich: Hauptsache, Sie hatten einen guten Urlaub. Erholen Sie sich ein paar Tage, dann bin ich froh, wenn Sie wieder dabei sind. So ein Goldschatz. An Silvester arbeitete ich wieder. Ich rang zwar noch bei jedem Atemzug nach Luft, andererseits fühlte ich mich im Abwaschraum am wohlsten. Die warme und extrem feuchte Luft half mir, meinen trockenen Husten zu ertragen. Also hopp dr Bäse. Ich gab noch mehr Gas als zuvor und schwitzte den ganzen Dreck raus. Den Jahreswechsel habe ich dann verpennt – so liebe ich das: Es gibt nichts Wohltuenderes, als ins neue Jahr zu schlafen und dann wieder mit voller Energie zu starten.

TERSITO «TITO» RIES, 58, war einst erfolgreicher Unternehmer, dann verschuldete er sich, verfiel dem Alkohol und wurde obdachlos. Heute ist er Surprise-Stadtführer in Basel. Warum Tito Ries Gefängnisstrafen zu verbüssen hatte, möchte er in einem kurzen Text über Weihnachten nicht weiter erläutern. Für diese Geschichte bräuchte es mehr Platz, und er behält sich vor, irgendwann ein Buch darüber zu schreiben.