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Schenken
Die Tante, die ich hatte

Schenken macht Freude. Oder gar glücklich. Wir haben es vernommen. Und es ist wahr. Wir wissen es aus eigener Erfahrung. Wir.

Nicht so hingegen die Tante, die ich hatte. Sie war in dieser Sache vollkommen unwissend. Es dauerte allerdings ein paar Jährchen, bis wir ihr auf die Schliche gekommen sind. Der Anlass zu ersten Spekulationen ergab sich eher zufällig. Es war an einem Sommertag anno dazumal. Meine Mutter weilte für einen Tag bei der Tante, die ich hatte, um nach dem Rechten zu sehen, da dort die ganze Familie mit einer Sommer-Grippe im Bette lag. Am Abend erzählte uns meine Mutter, die Tante, die ich hatte, habe in einem Schrank, fein säuberlich in Weihnachtspapier verpackt, schon viele Weihnachtsgeschenke parat. Und das mit-ten im Sommer! Weiter meinte meine Mutter, sie habe ganz sicher das Geschenk erkannt, welches sie der Tante, die ich hatte, auf letzte Weihnachten geschenkt habe. Grösse und Form, Papier, den weihnächtlichen Zierrat auf dem Päckli, halt das ganze Aussehen sei unverkennbar, sie könne sich genau daran erinnern, sie sei sich da ganz sicher, sie könne sich da nicht irren. Wir zweifelten keinen Augenblick an der Wahrnehmungsfähigkeit und an der Kompetenz des Gedächtnisses meiner Mutter und stellten die skurrilsten Mutmassungen zu ihrer Entdeckung an. Denn zugegeben, etwas sonderbar war die Tante, die ich hatte, ja schon.

An Weihnachten desselbigen Jahres geschah das Malheur. Wie üblich gab es an Heiligabend ein Rollschinkli und Kartoffelsalat zum Abendessen, zum Dessert eine Eistorte. Danach schellte lieblich das Glöcklein, das Zeichen für uns Kinder, dass wir in die gute Stube durften. Der Christbaum festlich geschmückt, die Kerzen brannten froh, unter dem Baum die Geschenke, die allerdings noch eine geraume Weile warten mussten. Weihnachtslieder wurden gesungen, Flötenspiel meiner Schwester, Vorlesung der biblischen Weihnachtsgeschichte mit Maria und Joseph und dem Jesuskind im Stall, dann die drei Weisen aus dem Mor-genland mit ihren mitgebrachten Geschenken. Irgendwann waren dann unsere Geschenke an der Reihe. Und jetzt kommt das Malheur. Schenkt doch die Tante, die ich hatte, meiner Mutter genau denselbigen Knirps-Regenschirm, den meine Mutter der Tante, die ich hatte, auf vorige Weihnachten geschenkt hat. Die Empörung meiner Mutter war gross. Die nächsten Tage liefen die Telefondrähte heiss. Das stimmt so wortwörtlich, denn damals waren auf hohen Masten über das ganze Land noch Telefondrähte gespannt. Dabei stellte sich heraus: Eine andere Tante, die ich hatte, hat von der Tante, die ich hatte, auf Weihnachten das-selbige Seifenset geschenkt bekommen, das die andere Tante, die ich hatte, der Tante, die ich hatte, auf vorletzte Weihnachten geschenkt hat. Die Seife war dann auch schon etwas brüchig.

Im Weiteren stellte sich heraus, dass die Tante, die ich hatte, seit Jahren alle Geschenke, die sie bekam, ohne sie auszupacken aufbewahrte, um sie dann bei Notwendigkeit weiterzuverschenken. Die Tante, die ich hatte, war nicht nur etwas sonderbar, sie war eben auch knausrig. Heja, warum Geld für Geschenke ausgeben. Es geht auch so. Das ging auch gut so, solange die Tante, die ich hatte, diesbezüglich fein säuberlich Buch führte. Aus Nachlässigkeit verlor die Tante, die ich hatte, dann aber die Kontrolle über ihre umfangreiche Geschenksammlung. So kam es zu diesen ersten Verwechslungen. Es sollten nicht die einzigen bleiben.

Obwohl die Tante, die ich hatte, entlarvt wurde, liess sie sich in ihrem Tun nicht beirren. So hat die Tante, die ich hatte, mir, dem halbwüchsigen Jungen, der ich damals war, an Weihnachten danach aus ihrem erklecklichen Fundus an gesammelten Geschenken per Versehen ein Negligé geschenkt. Das war dann selbst der Tante, die ich hatte, peinlich.

Wie viel Freude Schenken auch gerade dem/der Schenkenden machen kann, hat die Tante, die ich hatte, nie erfahren. Sie weiss nicht, was sie verpasst hat.

Ein Sprichwort besagt: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Damit hat die Tante, die ich hatte, aber so weit nichts zu tun. Was wäre gewesen, wenn die Tante, die ich hatte, damals der anderen Tante, die ich hatte, oder meiner Mutter oder mir aus purem Versehen einen Gaul zu Weihnachten geschenkt hätte? Dazu ist es nie gekommen. Aber mal angenommen, wenn. Was hätte zum Beispiel ich mit dem Gaul machen sollen? Meine Mutter hätte einen schönen Aufstand gemacht. Die Telefondrähte wären geschmolzen. Ehrlich gesagt und ganz nüchtern gesehen; das wäre eine schöne Schnapsidee gewesen, Versehen hin oder her. Ein Negligé ist leicht weiterzuverschenken. Hingegen ein Gaul! Wer von uns kann schon so ganz auf die Schnelle einen Gaul gebrauchen. Mit dem Gaul alleine ist es ja nicht getan. Wo soll er leben, dieser Gaul? Wir hatten kein Zimmer frei. Und wenn auch, da muss ein Stall her. Und Auslauf. Und eine Weide. Und Futter. Und ein Stallbursche. Es ist also gar nicht so einfach, jemandem einen Gaul zu schenken. Denn so ein Gaul braucht allerhand Equipment. Und sei der Wille noch so gross und die Motive noch so lauter: Wenn jemand jemandem einen Gaul schenken will, muss das schon gut überlegt sein, zum Wohlbefinden des Gauls und zum Wohlbefinden der frischgebackenen Gaulbesitzer. Aber wie gesagt; es muss ja nicht gleich ein Gaul sein. Ein handlicheres Geschenk tut’s auch. Wie sagt ein anderes Sprichwort doch so schön: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Hingegen ein geschenkter Gaul kann eine Freundschaft schon ruinieren. Also Hände weg von Gäulen! Gäule sind als Geschenk tabu. Es gibt Geeigneteres.

Vor etlichen Jahren befand sich in der Vorweihnachtszeit ein Geschenke-Prospekt der besonderen Art in meiner Post. Die Tante, die ich hatte, hat damit rein gar nichts zu tun. Aber der Titel des Prospektes weckte mein Interesse. «Die moderne Hausfrau» stand da auf Glanzpapier in grossen, gelben, schattierten Lettern, flankiert von Christbaum, Kerzen und Lametta. Als Junggeselle, der den Haushalt autonom, also ganz ohne Dienstboten besorgte, war es mein Bestreben, mich in die Geheimnisse der modernen Hausfrau einweihen zu lassen. Ausserdem war ich auf der Suche nach Geschenkideen für Weihnachten. Sie verstehen. So stöberte ich neugierig in besagtem Prospekt, den ich bis heute aufbewahrt habe. Ein wahrhaftiges Kuriositätenkabinett. Ein Sammelsurium von Kitsch, Ramsch und Klimbim. Aber köstlich amüsant.

Gerne nehme ich besagten Geschenke-Prospekt hervor, blättere darin, stöbere, rapportiere dann, und lasse Sie so an meinem Amüsement teilhaben. Also, aufgepasst: Als Erstes lese ich vom Winter-Lichterbaum aus Metall, der die Herzen der künftigen Besitzer mit drei Teelichtern in orangefarbenen Glasschälchen erleuchtet. Aber damit nicht genug, denn dessen Blättchen und Beeren aus Kunststoff beginnen im Lichterglanz wunderschön zu funkeln. Empfohlen wird, besonders den Feierabend im Glanz des Winter-Lichterbaums zu geniessen. Na also! Das ist doch schon mal was ganz Verlockendes, zumal das Ding ganz günstig zu haben ist. Schon auf Seite zwei wird mir Glückspilz ein «dekoratives Duftkännchen», dessen Potpourri an Düften die Sinne belebt, als zusätzliches Geschenk versprochen, wenn ich bestelle.

Als Nächstes stolpere ich über Dekosteine und lese interessiert deren Begleittext, der da lautet: «Mit Fantasie bringen Sie die Steine ins Rollen! Sicher die meiste Zeit im Leben ist man damit beschäftigt, Steine aus dem Weg zu räumen. Doch wer kreativ ist, dreht den Spiess mit den Dekosteinen jetzt einmal um.» Wohl kann ich der Logik dieser Erläuterung nicht ganz folgen, aber was soll’s! Sie kosten ja fast nichts.

Völlig überrumpelt werde ich von der Existenz der «Räucher-Pilze», die, wie ich lese, zur seltenen Gattung der Räuchermännchen gehören, die man heute, so steht es da geschrieben, leider nur noch in wenigen Gegenden findet. Das ist eigentlich höchst erstaunlich, denn wenn aus dem Schornstein im Hut des Räucher-Pilzes duftende Rauchwölkchen aufsteigen, zieht behagliche Gemütlichkeit in die Wohnung, deren glücklicher Mieter ich bin. Dann wird mir in kuriosen Worten die Puppe Xenia angeboten. Man stellt mir die Frage: «Bleibt in Ihrem Leben nur wenig Platz für Ihre persönlichen Sehnsüchte? In diesem Fall wünschen wir Ihnen, dass dieser Platz wenigstens gross genug für die Puppe Xenia ist!» Dann folgt der sicher gut gemeinte Ratschlag: «Warten Sie nicht, bis andere Ihre Wünsche erraten. Hören Sie auf Ihre innere Stimme und freuen Sie sich auf die Puppe Xenia». Na so was.

Anschliessend lerne ich den Traumfänger kennen, der, oh Wunder, die schlechten Träume über dem Bette abfängt. Der Riesenschuhlöffel gestattet mir mit seinen genau achtundfünfzig Zentimetern Länge, dass ich bei dessen Gebrauch meinen geplagten Rücken nicht mehr krümmen muss. Die unsichtbare, aber wirkungsvolle Schondecke schützt mein Tischtuch vor Flecken jeder Art. Und schliesslich wird mir eine Schachtel mit achtzehn Stühlen à fünf Zentimetern Höhe angeboten, die ich dann zu einem Turm stapeln soll. Keine Ahnung.

Obendrein erfahre ich, dass ich mir mit dem Armband-Fix ganz alleine, ohne jede fremde Hilfe, ein Armband ganz alleine anziehen kann. Super!

Haben Sie sich gut amüsiert? Also zumindest für meine Tante, die ich hatte, genauer formuliert: für ihre Geschenkesammlung, die sie hatte, wären da ein paar schöne Stücke dabei. Das Gegenteil von Schenken ist Stehlen. Aber das tun wir nicht. Wir bleiben beim Schenken. Weil Schenken Freude macht.