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Aktuell
Alles für die Kuh

Armin Capaul ist stolzer Bergbauer und Alt-Achtundsechziger. Mit einer Volksinitiative will er die Protagonistin der Postkarten-Schweiz retten: die horntragende Kuh.

Im Hinblick auf die Abstimmungen vom 25. November 2018 stellt Surprise diesen Artikel aus der Ausgabe 368 (2016) zur Verfügung.

Der Nebel klebt noch dick zwischen den Gipfeln, als Armin Capaul seinen Subaru durch das Tal hinter Moutier steuert. Doch, der Jura sei schön, bejaht Capaul, der als Bauernjunge in der Surselva geboren und im Zürcher Industriequartier aufgewachsen ist. Und dann, nach einer kurzen Pause: «Aber die Alpen sind auch nicht schlecht. Da kommt nicht grad jeder Dahergelaufene so einfach drüber.» Von der Strasse zweigt eine kalksteingeschotterte Forstpiste ab. Im ersten Gang geht es hoch zum Hof, genannt Valengiron, was so viel heisst wie: das Tal im Schoss. Eine grosse Lichtung am Südhang, 930 Meter über Meer, was ihn zum Bergbauern mache, sagt Capaul, die Stimme sanft, schüchtern fast, aber man merkt: Da legt er Wert drauf. Seit 20 Jahren ist er hier zuhause. Und spricht kein Wort französisch. «Das ist auch besser so», grinst er aus seinem schütter-struppigen Bart hervor, «sonst würde ich mich nur überall einmischen.» Über Valengiron liegt ein Streifen Wald, ganz oben schroffer Fels und der Himmel, der an diesem Dezembervormittag als weisse Brühe nach unten drückt. Krähen rufen von einer Stromleitung, die sich im Nichts verliert. «Ich habe mich hier oben versteckt», sagt Capaul. Später, bei einer Selbstgedrehten auf dem Balkon des Stöckli, in das er mit seiner Frau vor Kurzem umgezogen ist, erzählt er von der Suche nach dem tieferen Sinn, die ihn ein Leben lang von Drogen-WGs über Reisen im bemalten Döschwo bis auf die Alp führte. Capaul suchte den Einklang von Körper, Geist und Seele. «Hier oben dann war endlich gut. Hier komme ich dem ziemlich nahe.»

Armin Capaul, der in seiner speckig gewordenen Öljacke im Nieselregen steht, eine geringelte Wollkappe mit Pompon auf dem Kopf, will die Schweizer Agrarpolitik aufmischen. Er kämpft dafür, dass Kühe und Ziegen ihre Hörner behalten dürfen. Nicht nur in der Werbung und im Heidi-Film, sondern auch in den Ställen und auf den Weiden einer durchökonomisierten Landwirtschaft. Vor fünf Jahren schrieb Armin Capaul den ersten Brief ans Bundesamt für Landwirtschaft. Sein Vorschlag: ein Franken pro Tag und behornter Kuh. «Ich dachte, das leuchte denen ein, und fertig», sagt Capaul. Es kam anders. Capaul ging durch alle direktdemokratischen Instanzen. Die Petition blieb ohne Antwort, die Motion scheiterte im Ständerat. Seit September 2014 läuft die Unterschriftensammlung zur «Volksinitiative für die Würde der landwirtschaftlichen Nutztiere», kurz: Hornkuh-Initiative. Das Anliegen: Bauern, die ihren Tieren die Hörner lassen, sollen dafür Direktzahlungen erhalten. Bis März müssen die 100000 gültigen Unterschriften beisammen sein. Spätestens seit Weihnachten ist klar, dass es knapp werden dürfte – auch wenn Armin Capaul fast jeden Tag runterfährt zum Unterschriftensammeln in Zürich, Basel, Bern und auf dem Weissenstein.

Die Rechnung ist einfach: Eine Kuh ohne Hörner braucht weniger Platz, was den Ertrag pro Quadratmeter Stall steigert. Deshalb werden zwei von drei Kälbern in der Schweiz kurz nach der Geburt unter lokaler Narkose die Hornansätze weggebrannt. Laut einer repräsentativen Umfrage sinkt die Zahl der horntragenden Kühe, je grösser der Hof ist: Auf kleinen Betrieben mit weniger als 20 Tieren sind über 40 Prozent behornt, bei mehr als 50 Kühen gerade noch 4 Prozent. Das Kuhhorn ist keine tote Materie. Nur die äusserste Schicht ist aus Horn. Im hohlen Inneren wächst ein Kuhleben lang ein Knochen, durch den sich die Ausläufer der Stirnhöhlen mitsamt Schleimhaut bis in die Hornspitzen ziehen. Mit jedem Atemzug der Kuh zieht Luft bis ins Horn. Und die Hörner sind Statussymbole, die in der Rangordnung einer Kuhherde eine wichtige Rolle spielen. Die Frage nach Verletzungen wischt Capaul mit einer Handbewegung weg: Habe die Kuh genügend Platz und der Bauer ein gutes Verhältnis zur Herde, dann passiere nichts.

Armin Capaul will den Tieren «ihre Würde zurückzugeben», wie er sagt. Die Initiative ist auch ein subversiver Protest gegen eine Landwirtschaft, in der Betriebe und Maschinenpärke immer grösser und effizienter werden, die Beziehung zwischen Mensch und Tier hingegen auf der Strecke bleibt. Capaul lässt sich den einen oder anderen Seitenhieb nicht nehmen: In der Jodler-Zeitung Stubete habe er ein Inserat für die Initiative geschaltet. «Die singen doch so schöne Liedli über Kühlein mit Hörnern», sagt er belustigt, «da können sie ja auch unterschreiben.» Der Bergbauer wurde also zum Aktivisten, und die Familie ist sein Stab. Ehefrau Claudia beantwortet Telefonanrufe, nimmt Bestellungen für Unterschriftenbögen und Informationsmaterial entgegen. Die Tochter kümmert sich um den Facebook-Auftritt, der eine Sohn um die Webseite, der andere hält ihm auf dem Hof den Rücken frei. Und der Hof ist die perfekte Kulisse für Capauls Medienarbeit: Jede Woche schreibt irgendwo jemand über die Initiative, der Schweizer Bauer, die NZZ, der Spiegel in Hamburg. Gegen 2000 Zeitungsartikel sind es bis jetzt, Capaul hat eigens einen Dienst abonniert, der nachzählt. «Das haben sie jetzt davon, dass alle nur noch von Kühen und Hörnern reden.»

Natürlich holt er die Kühe für das Bild nochmals aus dem Stall, obwohl sie schon draussen waren. «Das ist die Marianne», stellt Capaul das Braunvieh vor, «die war schon im Tele-Heftli.» Er streicht über das Horn, «da hat’s Blut drin und Nerven, fass mal an, das ist warm.» Auch die Schafherde lässt er auf die Weide im Talschoss, die beiden Esel bimmeln mit, die Ziegen hüpfen dem Waldrand entlang, der Hund schleicht hinterher. Und mittendrin Armin Capaul im blauen Stallhemd, den Hirtenstock in der Hand. Hier ist die Schweiz noch in Ordnung, wo Capaul auf dem Stallbänkli jeweils eine Selbstgedrehte raucht und Pink Floyd hört, während die Kühe kauen und wiederkäuen. Die Kassetten für das Stallradio mischt Capaul selber, oben in seiner Kulturecke im Estrich des Hauses. Dort archiviert er auch die Dokumente und Korrespondenzen: Dutzende Ordner, Briefe von Unterstützern, von Ämtern und Politikern. An den Wänden hängen zwei Plakate. «Der Weg zur Quelle führt gegen den Strom», steht auf dem einen. «Allen Leuten Recht getan, ist eine Kunst die niemand kann», auf dem anderen. Armin Capaul hat sich das zu Herzen genommen. «Ich wollte nie Politik machen», sagt er. «Ich tue das nur für die Kühe.»

Text: AMIR ALI
Bild: ANNETTE BOUTELLIER