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All Inclusive
Bitte lächeln!

Vielleicht haben Sie den Satz auch schon irgendwo gelesen: «The only disability in life is a bad attitude.» Auf deutsch: «Die einzige Behinderung ist eine schlechte Einstellung.» In den sozialen Medien kursiert diese Aussage oft in Kombination mit dem Foto eines niedlichen Mädchens, das mit zwei Beinprothesen auf einer Rennbahn rennt. Ein ähnliches Meme ist das Foto eines ebenfalls sehr herzigen Buben, der Rollstuhlbasketball spielt, dazu die Überschrift: «Your excuse is invalid» («Deine Entschuldigung gilt nicht»). Nach der Häufigkeit zu schliessen, mit der diese und ähnliche Bilder in den sozialen Medien geteilt werden, finden viele Menschen Gefallen an solchen Darstellungen. Fragt man, warum, lautet die Antwort oft: Diese Kinder lachen trotz ihrer Behinderung. Das ist so inspirierend!

Die mittlerweile verstorbene australische Behindertenrechtsaktivistin Stella Young hat deshalb vor einigen Jahren für solche Bilder den Begriff «Inspiration Porn» geprägt. Sie erklärte in einem Ted Talk: «Beim ‹Inspiration Porn› werden Menschen mit einer Behinderung gezeigt, oft Kinder, die etwas ganz Normales tun, beispielsweise Spielen, Rennen oder Lachen. Diese Darstellungen dienen dazu, dass nichtbehinderte Menschen ihre eigenen Sorgen relativieren können. Damit sie sich sagen können: Wenn das Kind ohne Beine lachen und eine gute Zeit haben kann, sollte ich mit meinem Leben niemals unzufrieden sein. Nichtbehinderte können uns ansehen und denken: Es könnte schlimmer sein ... ich könnte diese Person sein.»

Wie bei Pornografie geht es nicht darum, was die darstellende Person denkt oder empfindet, sondern um die positiven Gefühle, die beim Betrachter ausgelöst werden. Wenn man aber keine Beine oder Arme hat, ist es schlicht vernünftig, Prothesen zu tragen oder Bilder mit dem Mund zu malen. Menschen mit einer Behinderung benutzen Hilfsmittel oder tun etwas auf eine bestimmte Art und Weise, weil das für sie am praktischsten ist. Und nicht, weil sie besonders stark sind oder um für andere eine Inspiration zu sein. Sie haben Spass an denselben Dingen wie Nichtbehinderte, sie machen sie einfach etwas anders. Doch der Fokus dieser Memes liegt nicht darin, Menschen mit einem Handicap als ganz normale Menschen zu zeigen, sondern sie implizieren durch die zugehörigen Texte, dass eine Behinderung einzig eine Frage der Einstellung sei. Dazu nochmal Stella Young: «Was mich in meinem Leben am meisten behindert, ist die Gestaltung der Umgebung. Sie gibt mir vor, was ich kann oder nicht kann. Aber wenn ich den klugen Sprüchen glauben soll, muss ich die Treppe nur anlächeln und sie verwandelt sich auf wundersame Weise in eine rollstuhlgängige Rampe. Und ich kann barrierefreie Toiletten aus dem Nichts erscheinen lassen, einfach mit meiner positiven Ausstrahlung! Ich bin wirklich eine Optimistin, aber das hat bei mir noch nie funktioniert.»

Natürlich erscheinen keine Untertitel, wenn eine gehörlose Person den Fernseher einfach anlächelt. Ein Buch verwandelt sich auch nicht automatisch in Brailleschrift, wenn man es mit der richtigen Einstellung betrachtet. «Inspiration Porn» vermittelt nicht nur ein einseitiges Bild des Themas Behinderung, sondern auch aller anderen Schwierigkeiten, die einem im Leben begegnen können. Wenn man sich nicht genügend anstrengt – und dabei immer schön lächelt –, liegt es halt einfach an einem selbst, dass man überhaupt Probleme hat. Behinderung, Krankheit, Armut und viele andere Probleme sind aber komplexe Sachverhalte, die nicht allein von der Eigenverantwortung der betroffenen Person abhängen. Es so darzustellen, beschämt nicht nur die Betroffenen, sondern entbindet die Gesellschaft von der Verantwortung. Wozu braucht es Barrierefreiheit oder Unterstützungsangebote, wenn Betroffene doch einfach nur die richtige Einstellung haben müssen?

MARIE BAUMANN, 1.2.19