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Armut
Das einsame Leben eines Sozialhilfebezügers

Vor drei Jahren verlor Daniel Krähenbühl Arbeit und Partnerin. Wegen seines speziellen Werdegangs fiel er durch alle Maschen. Dank der Sozialhilfe bleibt er über Wasser. Doch er gehört nicht mehr dazu.

Herr Krähenbühl, warum erzählen Sie uns Ihre Geschichte? «Ich habe nichts zu verlieren. Es gibt da eine Brücke hoch über der Schlucht, über die ich manchmal nachdenke.»

Jeden Tag um 7.05 Uhr klingelt sein Wecker, doch meist ist Daniel Krähenbühl schon wach, bevor das Handy die Melodie einer Akustikgitarre abspielt. Er geht in die offene Küche seiner Einzimmerwohnung, kocht Wasser auf für eine Tasse Instantkaffee und eine Kanne Tee. Dann baut er das Bett zum Sofa um, damit er, wenn er aufgeräumt und die Katze gefüttert hat, darauf das Frühstück einnehmen kann.

Krähenbühl ist 42 Jahre alt, kommt ursprünglich aus der Ostschweiz, seit zwei Jahren lebt er am Rand der Altstadt von Chur. Er hat die schlimmsten drei Jahre seines Lebens hinter sich. Doch wer weiss schon, wie weit ihn die Abwärtsspirale noch trägt. Heute lebt Krähenbühl, ein sympathischer Mann mit Brille und kurzen, dunkelblonden Haaren, von der Sozialhilfe. Und bekommt zu spüren, was der Preis für die finanzielle Überlebenshilfe ist: soziale Ausgrenzung.

Herr Krähenbühl, sind Sie einsam? «Ich bin ein Einzelkind, ich kenne das. Aber keiner braucht niemanden.»

Die Vormittage verbringt Krähenbühl meist zuhause in seinen 28 Quadratmetern. Neben dem Schlafsofa hat es gerade noch Platz für eine kleine Kommode mit ein paar Kleidern, alles andere steht in Plastikboxen und Zügelkisten verstaut an der Wand. Krähenbühl hat sie pyramidenförmig angeordnet, sodass der 7-jährige Stubenkater Buri darauf herumklettern kann. In einigen der Boxen befinden sich kleine Spielzeugund Modellbaumaschinen, eine weitere ist gefüllt mit Sand. Bagger, Kräne und Stapler sind seine Leidenschaft, Krähenbühl wäre gerne wieder Baumaschinenführer, wie er es früher einmal war. Doch dafür fehlen ihm die Papiere und das Geld.

Nach dem Aufstehen telefoniert Krähenbühl mit Behörden, geht zum Arzt oder auf die Ämter, kümmert sich so gut es eben geht per Telefon um seine demenzkranke Mutter zuhause am Bodensee. Er saugt die Wohnung gründlich, liest eine alte Ausgabe von 20 Minuten, die er vom letzten Ausflug in die frühere Heimat mitgenommen hat. Danach macht er sich etwas zu essen, am Mittag etwas Einfaches, Brot und Wurst, Spaghetti mit Tiefkühlgemüse, gleich im Nudelwasser mitgekocht, oder eine Fertigpizza, die aus dem Denner seien gut als Grundlage, belegt mit scharfer Peperoni, Mais oder Gemüse.

Die Frage, was du beruflich machst

Die Nachmittage verbringt Krähenbühl in der Bibliothek, bis zum Tonsignal, das die Schliessung um 17.30 Uhr ankündigt. Abends, wenn das Brot bei Aldi nur noch die Hälfte kostet und der Liter Apfelsaft in der Migros nur einen Franken, geht er einkaufen. Montag bis Freitag ist das sein Alltag, Samstage und Sonntage unterscheiden sich nur wegen anderer Öffnungszeiten von Bibliothek und Läden.

Es ist ein eintöniger, monotoner Alltag. Er sagt, bald halte er es nicht mehr aus. Aber ausbrechen geht nicht. «Ich wäre gerne spontan. Aber mache ich einen Ausflug oder gehe mit Leuten etwas trinken, gehen schnell zwei Tagesrationen drauf.» Eine Tagesration, das sind 30 Franken, der Betrag, der Krähenbühl aus dem Grundbedarf der Sozialhilfe zur Verfügung steht und mit dem er auch Essen, Kleider, Halbtax oder Handyreparatur zahlen muss – alles, ausser Miete, Krankenversicherung und Arztkosten. «Man kann damit halbwegs anständig leben», sagt Krähenbühl. Aber man müsse wissen: «Die Sozialhilfe ist zum Überleben, nicht zum Leben. Für Soziales bleibt kein Geld.»

Leute treffen? «In der Schweiz kostet alles, was man in der Freizeit tut, ob Cafeì, Fitness, Kino oder Disco.» Alte Freunde? «Ich lasse mich zwei-, dreimal einladen. Aber irgendwann fühle ich mich als Schmarotzer und gehe nicht mehr mit.» Neue Liebe? «Die Frage, was du beruflich machst, kommt sehr schnell. Und dann ist es meistens auch schon vorbei. Die inneren Werte gelten offenbar nur fürs Portemonnaie.»

Dass Krähenbühl heute darüber nachdenkt, ob das alles noch Sinn macht, hat mit ein paar mutigen Entscheiden zu tun, die sich später als falsch herausstellten – aber auch mit der Entwicklung der Baubranche und nicht zuletzt auch mit Pech.

Es begann damit, dass Krähenbühl im praktischen Teil der Lehrabschlussprüfung als Gartenlandschaftsbauer scheiterte. Da war er 19 Jahre alt. Unwissend darüber, dass ihm bei der Erstausbildung finanzielle Unterstützung zugestanden wäre, fing er an zu arbeiten, statt das Lehrjahr zu wiederholen. Warum auch nicht? Mit seinem Chef verstand er sich nicht, er brauchte Geld, und die Baubranche boomte. Es war ein Leichtes.

Herr Krähenbühl, waren Sie naiv?

Krähenbühl heiratete früh, liess sich aber auch bald wieder scheiden. Mit 31 zog er von Kreuzlingen über die Grenze nach Konstanz, von wo aus er freiberuflich arbeitete. Er verdiente nicht viel, etwa 10 000 Euro im Jahr, aber er brauchte auch nicht viel, er war ja alleine, je 300 bis 350 Euro pro Monat für WG-Zimmer und Krankenversicherung. «Ich habe gearbeitet, um zu leben, und nicht gelebt, um zu arbeiten.»

Ein paar Jahre später lernte er eine Frau aus dem Engadin kennen, zog mit ihr nach Scuol, fand dort aber keine feste Arbeit mehr. Die Zeiten hatten sich geändert, mit der globalen Wirtschaft kriselte plötzlich auch die Baubranche. Und im kleinmaschigen Engadin, wo jeder jeden kannte, tat sich der Exot aus dem Thurgau schwer.

Krähenbühl, ein geselliger und redseliger Mensch, nahm, was er kriegen konnte: Den Sommer über arbeitete er ein paar Monate aushilfsmässig für eine Baufirma, im Winter für ein Fünfsternehotel, für 3400 Franken brutto, stets übermüdet und überarbeitet. Doch Ende März war die Saison vorbei und keine weitere Arbeit in Sicht. Krähenbühl suchte staatliche Hilfe. Weil er lang in Deutschland gelebt und nie in die Schweizer Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatte, landete er direkt im untersten Netz, der Sozialhilfe. Er bekam nur die Hälfte, weil er mit seiner Partnerin zusammenlebte.

Es ging, die Freundin verdiente gut – die Miete und alle privaten Ausgaben konnte Krähenbühl gerade so selbst bezahlen. Doch die Beziehung ging in die Brüche. «Das Geld», sagt Krähenbühl und meint damit, dass ihr unterschiedliches Einkommen der Hauptgrund für die Trennung gewesen sei. Er verliess das Engadin daraufhin in Richtung Stadt. Seit zwei Jahren lebt Krähenbühl nun in Chur, findet keine Arbeit, keine Partnerin, keine Freunde. Es waren zwei lange Jahre, aus Frustration wird zunehmend Resignation. «Andere machen erst ihr Ding und haben dann Kinder. Andere haben Kinder und machen dann ihr Ding. Bei mir ist es weder noch.»

Herr Krähenbühl, waren Sie naiv? «Ich war mir etwas anderes gewohnt. Bis 2008 konntest du bei einer Baufirma zur Tür reinlaufen und gingst mit Arbeit wieder raus.»

Hilfsjobs statt Weiterbildung

Nachmittags in der Stadtbibliothek Chur setzt sich Daniel Krähenbühl an einen Computer, sucht nach Jobs und Adressen von Firmen, schreibt Bewerbungen und notiert sich Nummern von Behörden oder Informationen zum Staplerschein. Er checkt Facebook, Instagram und Youtube, liest Zeitungen, hört Musik. Der Kaffee am Automat kostet 80 Rappen, das Jahresabo 30 Franken – umgerechnet eine Tagesration, das lohnt sich. Und er leiht Comics aus – meistens solche für Erwachsene, manchmal aber auch Disney-Klassiker. «Der reiche Kapitalist Dagobert, der mit dem armen Donald verwandt ist. Heute lese ich sowas anders: Es gibt oben und unten und wenig dazwischen.»

Die Sozialhilfe ist keine Integrationsversicherung, das weiss Krähenbühl. Trotzdem müsse er ein paar Sachen loswerden. Es könne doch nicht sein, dass die Sozialhilfe nicht unterscheide zwischen Menschen, die können, und solchen, die nicht können. Zwischen solchen, die wollen, und solchen, die nicht wollen. Als Krähenbühl in die Sozialhilfe kam, war er noch keine 40 Jahre alt, wollte wieder arbeiten, da kann man doch noch was machen! Doch man habe ihn in den gleichen Topf geschmissen, ihm dieselben Tipps gegeben, dieselben aufmunternden Sprüche gemacht wie bei jenen, die sich schon längst aufgegeben hatten. Wenn das so weitergehe, sei er bald auch so weit. «Die Sozialhilfe zieht nicht die Leute von unten nach oben. Sie zieht die von oben nach unten.»

Pünktlich in den Aldi

Und dann ist da noch die Sache mit den Integrationsprogrammen. Die Gesellschaft bezahle ihn und habe darum ein Anrecht darauf zu wissen, was da abgehe. Regelmässig wird Krähenbühl für Arbeitseinsätze auf dem zweiten Arbeitsmarkt aufgeboten. Für Tischlein deck dich verteilte er Lebensmittel, fürs Rote Kreuz sägte er Holz auf Mass, in einem Tierheim war er Hilfsarbeiter für alles. Diese Einsätze, die eine Tagesstruktur zum Ziel haben – also rechtzeitig kommen, durchhalten – kosten die Stadt ziemlich viel Geld. 1 500 bis 2 500 Franken pro Monat überweist sie den Anbietern monatlich – meist Nonprofits oder öffentliche Institutionen. Die Öffentlichkeit zahlt also ziemlich viel Geld dafür, dass Krähenbühl weitgehend anspruchslose Jobs ausübt. Dafür fehlt das Geld für Weiterbildungen, die seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern würden. Einen Baggerkurs beispielsweise wollte ihm niemand bezahlen.

Auch Arbeitsversuche im ersten Arbeitsmarkt absolvierte Krähenbühl mithilfe staatlicher Programme. Doch hat er einen schlimmen Verdacht: «Davon profitieren nicht die Menschen, sondern die Firmen.» Als er zuletzt für Heineken Pfandflaschen sortierte, kostete das den Bierkonzern gemäss Arbeitsvertrag gerade einmal 13 Franken 70 pro Stunde. Krähenbühl erhielt sein Sozialgeld weiterhin von der Stadt – für seine Bemühungen wurden ihm zusätzlich 300 Franken monatlich sowie Essensgeld in Höhe von 10 Franken pro Tag zugesprochen. Diese Extras bezahlte allerdings nicht der Bierkonzern, sondern die Stadt. Krähenbühl findet klare Worte: «Das ist doch Subventionierung eines Weltkonzerns.»

Herr Krähenbühl, was hält Sie noch hier? – «Mein Kater und meine kranke Mutter.» – Ich meinte, hier in Chur, Sie kennen ja niemanden? – «Ach so, die Hoffnung, dass doch noch etwas geht mit einem Job. Dafür würde ich auch in die Westschweiz ziehen. Erst wenn es aussichtslos ist, gehe ich zurück an den Bodensee, in die alte Heimat.»

17 Uhr 30, das Tonsignal kündigt die Schliessung der Bibliothek an. Krähenbühl geht nach Hause, Reste essen oder kalt, Brot und etwas für obendrauf, die Wäsche wechseln, die Wohnung saugen, das Katzenklo machen. Dann zum Aldi und zur Migros, zwischen 19 Uhr und 19 Uhr 30, ja nicht zu früh, bevor die 50-Prozent-Punkte drauf sind, aber auch ja nicht zu spät, wenn die guten Sachen schon weg sind.

Auf dem Rückweg setzt sich Krähenbühl oft noch auf die Fensterbank draussen vor der Bibliothek, wo er mit seinem Handy WLAN-Empfang hat. Auf Youtube und Instagram schaut er sich Bilder und Videos über Baumaschinen an, schickt Massenmails weiter, ein paar Mal fragt er in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Chur, wenn ...», ob jemand Lust habe, mit ihm einen Spaziergang zu machen – stets ohne Erfolg, worauf er die Gruppe wieder verlässt.

Krähenbühl deponiert die Einkäufe, um etwa 22 Uhr geht er noch einmal aus dem Haus. Er brauche seinen täglichen Abendspaziergang, «damit ich eine Bettschwere erreiche», wie er es nennt. Drei verschiedene Routen hat er, sie dauern je rund 30 Minuten. Zwei sind Rundgänge, bei der dritten geht er geradeaus und nimmt dann den Bus zurück, was ihm die Möglichkeit für einen Schwatz mit dem Busfahrer gibt, den einen kennt er mittlerweile etwas besser, das tut ihm gut.

Zuhause duscht Daniel Krähenbühl, liest Comics oder spielt auf seinem alten Gameboy Tetris, das halte ihn geistig fit Einen Fernseher hat er nicht, das war nie sein Ding. Und den Deckel zur Box mit den Spielzeug-Baumaschinen macht er kaum noch auf, seit er in Chur lebt, er weiss gar nicht so recht, warum. Es ist Mitternacht, als er das Sofa wieder zum Bett umbaut, meistens schläft er unruhig, denn er weiss, dass dieser monotone und einsame Alltag, der ihn so zermürbt, am nächsten Morgen wieder von vorne losgeht.

Guten Morgen Herr Krähenbühl, wie geht es Ihnen? «Nicht gut. Zwei Winter sind vergangen, die Bausaison geht los, ich hätte mich weiterbilden können, stattdessen sitze ich noch immer hier, muss ich hier sitzen.» – Was würde helfen? – «Eine sinnvolle Arbeit, die meinen Fähigkeiten entspricht.» – Und jetzt gerade? «Ein Gespräch. Damit ich das Gefühl habe, ein Mensch zu sein und nicht ein buchhalterisches Komma.»