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Spuren des Krieges: Der Waffenstillstand mit Aserbaidschan vom November 2020 ist brüchig und Armenien politisch gespalten.

Armenien
Das Zufluchtsland wird Konfliktgebiet

Der Krieg in Bergkarabach von letztem Herbst lässt Armenien in einer angespannten Lage zurück. Besonders syrische Armenier*innen, die seit 2011 vor dem Bürgerkrieg aus Syrien flohen, sehen sich erneut existenziell bedroht.

«Ich fühle mich hier nicht sicher», sagt Arek Yeziyan, 27, aus Aleppo. Seitdem es im letzten September erneut zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan kam, fühlt sich der Armenier aus Syrien bedroht. Denn auch wenn sich die Konfliktparteien Anfang November auf einen Waffenstillstand geeinigt haben, bleibt der Konflikt ungelöst. Diese Unsicherheit macht Yeziyan und vielen anderen Armenier*innen im Land grosse Angst. «Ich habe keinen Pass, der mich schützt und zu wenig Geld, um mich selbst zu schützen», sagt er. Wie soll er ins Ausland reisen können, falls es zu einem grösseren Krieg im Land kommen sollte, fragt er sich. Yeziyan lebt mit seinen Eltern und seiner Schwester in einer kleinen Wohnung im Zentrum der armenischen Hauptstadt Yerevan. Seit er sein Medizinstudium vor zwei Jahren abgeschlossen hat, arbeitet er unbezahlt im staatlichen Forschungsinstitut für Molekularbiologie und verdient nebenbei Geld in der Administration einer privaten Institution für Sterbebegleitung. Seit Jahren träumt Yeziyan davon, in Europa einen Master in Neuropsychologie zu machen und eines Tages seinen Traumberuf als Musiktherapeut zu verwirklichen.

Auch wenn er die Möglichkeit hatte, sich in Armenien einbürgern zu lassen, hat Yeziyan darauf verzichtet. Der armenische Staat bürgert Armenier*innen über ein vereinfachtes Verfahren ein, wenn diese ihre ethnische Zugehörigkeit beispielsweise durch ein Taufzertifikat einer armenischen Kirche bestätigen können. Für armenischstämmige Syrer*innen hat die Regierung zudem die Möglichkeit geschaffen, sich auch mit einer zehnjährigen Aufenthaltsbewilligung, «Spezialpass» genannt, in Armenien niederzulassen. Der Grund, weshalb sich Yeziyan gegen die armenische Staatsbürgerschaft entschieden hat, ist der obligatorische Militärdienst für Männer bis 27 Jahre, den er als Bürger hätte leisten müssen. «Ich kann mir einfach nicht vorstellen, Teil einer Armee zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Waffe zu halten oder gar jemanden umzubringen», sagt Yeziyan.

Yeziyan ist einer von ungefähr 14 000 Armenier*innen, die seit 2011 aus Syrien nach Armenien geflüchtet und geblieben sind. Ganze Familien und Freundeskreise haben ihr Leben in das Land transferiert, das sie ihr historisches Heimatland nennen. Sie haben sich dort ein neues Leben aufgebaut. Anfängliche kulturelle und soziale Differenzen wurden abgebaut, man hat gelernt, miteinander zu leben. Offenbar haben sich die wirtschaftlichen Unterstützungsprogramme von UNHCR und Regierung bewährt: Die meisten Armenier*innen aus Syrien stehen heute auf eigenen Beinen. Die Menschen aus der Levante prägen auch das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben in Armenien spürbar mit. Während die Gastronomie im Land früher beispielsweise weitgehend kaukasisch-russisch geprägt war, gehören heute Falafel und Hummus zur kulinarischen Norm.

Was zunächst nach erfolgreicher Integration klingt, ist auf der individuellen Ebene durchaus von Brüchen geprägt. So sagt Yeziyan, sein Leben lang sei ihm zwar beigebracht worden, dass Armenien sein Heimatland sei. Doch als er nach Armenien zog, fühlte er, dass er auch da nicht hingehört. «Ich habe mich in meinem Leben nie als Syrer und nur für einen Teil meines Lebens als Armenier gefühlt.» Heute, kurz nach dem letzten Bergkarabach-Krieg, möchte Yeziyan sich keiner Nation mehr zugehörig fühlen und auch keine solche verteidigen müssen. «Während der Kriegstage ging mir durch den Kopf, dass ich eines Tages vielleicht eine Waffe werde tragen müssen. Aber nicht, weil ich mich als Armenier fühlte oder ich Armenien verteidigen wollte, sondern weil es eine menschlich ungerechte Situation war.» Die Frage, ob er sich während des Krieges für das Land Armenien hätte einsetzen müssen, beantwortet er mit Nein. Dabei spielt das fehlende Zugehörigkeitsgefühl eine grosse Rolle. «Ich habe mich in Armenien nie akzeptiert gefühlt. Aber ich habe jeden Tag dafür gearbeitet.» Unabhängig vom Staat Armenien allerdings fühlt Yeziyan sich in der aktuellen politischen Lage aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit bedroht. Momentan wartet er auf ein Visum, um in Spanien seinen Master in Kognitiver Neuropsychologie beginnen und sich andere Perspektiven für seine Zukunft schaffen zu können.

Trügerische Normalität

In vielen Geflüchteten hat der Bergkarabach-Krieg (siehe Surprise 483/20) existenzielle Ängste ausgelöst. Dabei ist besonders der obligatorische Militärdienst problematisch. Menschen wie Yeziyan, die erst kürzlich einem Krieg entkommen sind, in den nächsten Konflikt zu schicken, ist aus menschenrechtlicher Sicht unverantwortlich. Doch nicht erst durch Bergkarabach gehören Konflikt und Flucht zur Familiengeschichte nahezu aller Armenier*innen. Das armenische Sprichwort «Vortegh hay, ayntegh vay» bedeutet so viel wie «Wo ein*e Armenier*in ist, dort ist das Leid». Der Genozid von 1915 unter der Regierung der Jungtürken im osmanischen Reich kostete nicht nur 1,5 Millionen Armenier*innen das Leben, sondern zwang auch Tausende zur Flucht. Die meisten liessen sich in der unmittelbaren Umgebung nieder, in den heutigen Ländern Syrien, Libanon, Armenien und Irak, aber auch im rund 2000 Soldaten in die Region verlegt. Russische Sicherheitskräfte sind zudem seit Jahren an den armenischen Grenzen zur Türkei und zum Iran präsent. Während des Krieges habe es grossen Bedarf an Winterjacken, Schlafsäcken und anderem Material gegeben und die Produktion der Fabrik lief auf Hochtouren, erzählt Sargsyan. Der armenischen Armee fehlte es an allen Ecken und Enden. Neben gut ausgebildeten Soldat*innen mangelte es auch an zeitgemässer militärischer Ausstattung. Beim Versuch, diese Lücken zu schliessen, versammelten sich Mütter in den Schulen ihrer Kinder und produzierten als Freiwillige, was auch immer an der Front gebraucht wurde. Nach der Arbeit in der Fabrik schloss Sargsyan sich den Müttern an. Sie flochten bis spätabends Camouflagedecken aus den Stofffetzen alter Kleidungsstücke.

Anfang November, kurz vor Kriegsende, wurde die für Bergkarabach strategisch wichtige Stadt Schuschi (aserbaidschanisch Schuscha) von aserbaidschanischen Streitkräften eingenommen. Danach war es für Sargsyan kaum noch auszuhalten, im Fernsehen die Nachrichten zu verfolgen. Denn bevor Sargsyan aus Syrien nach Armenien kam, flüchtete sie schon einmal: aus Aserbaidschan nach Armenien, während der Anfänge des ersten Bergkarabach-Kriegs 1988. Mit 26 heiratete sie ihren Mann, einen Armenier aus Syrien, und zog nach Aleppo. Nun ist sie wieder in Armenien. Seither ist die Angst, Aserbaidschan könnte auch nach Armenien vordringen, wieder Sargsyans ständige Begleiterin.

«Ich bin mein ganzes Leben lang auf der Flucht.» Sie lacht, ihr Zynismus wirkt wie der einzige Weg, mit diesem Schicksal umgehen zu können. «Das Schicksal einer Armenierin», ergänzt sie in abgeklärtem Ton. Sargsyans Angst ist nicht unbegründet: Die Waffenstillstandsvereinbarung wurde bereits wiederholt verletzt, ein solider Friedensschluss ist bisher nicht in Sicht.

Hoffnung auf Sicherheit

Möglicherweise macht die fatalistische Akzeptanz eines «armenischen Schicksals» den aktuellen Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden besser aushaltbar. Oft überwiegt jedoch Angst: «Ich weiss nicht, ob der Krieg vorbei ist. Einige Leute sagen, dass ein weiterer Krieg käme, dass Vorbereitungen getroffen würden», sagt Areks Yeziyans Tante Aschkhen. «In dieser Kriegszeit hat sich für mich etwas verändert», meint sie. Vielleicht wäre es doch besser für sie gewesen, wenn sie aus Syrien nicht nach Armenien, sondern «als Flüchtling nach Europa oder Nordamerika» gegangen wäre. Sie malt sich aus, dass sie dort ein ruhigeres Leben hätte haben können. Gleichzeitig wiederholt sie immer wieder, dass Armenien viele Vorteile hat: Sie spricht die Sprache – wenn auch einen anderen Dialekt –, ihr Vermögen aus Syrien reiche hier zum Leben aus, und zudem habe sie in Armenien mit Familie und Freund*innen quasi ihr soziales Umfeld aus Aleppo behalten. So überzeugt sich Aschkhen immer wieder selbst von der Richtigkeit ihrer Entscheidung – und hofft, dass sich die Unsicherheit bald auflöst und dass sich ihre Angst, Armenien könnte in einen weiteren Krieg mit Aserbaidschan und der Türkei verwickelt werden, nicht bewahrheiten wird.

 

Yeziyan ist einer von ungefähr 14 000 Armenier*innen, die seit 2011 aus Syrien nach Armenien geflüchtet und geblieben sind. Ganze Familien und Freundeskreise haben ihr Leben in das Land transferiert, das sie ihr historisches Heimatland nennen. Sie haben sich dort ein neues Leben aufgebaut. Anfängliche kulturelle und soziale Differenzen wurden abgebaut, man hat gelernt, miteinander zu leben. Offenbar haben sich die wirtschaftlichen Unterstützungsprogramme von UNHCR und Regierung bewährt: Die meisten Armenier*innen aus Syrien stehen heute auf eigenen Beinen. Die Menschen aus der Levante prägen auch das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben in Armenien spürbar mit. Während die Gastronomie im Land früher beispielsweise weitgehend kaukasisch-russisch geprägt war, gehören heute Falafel und Hummus zur kulinarischen Norm.

Was zunächst nach erfolgreicher Integration klingt, ist auf der individuellen Ebene durchaus von Brüchen geprägt. So sagt Yeziyan, sein Leben lang sei ihm zwar beigebracht worden, dass Armenien sein Heimatland sei. Doch als er nach Armenien zog, fühlte er, dass er auch da nicht hingehört. «Ich habe mich in meinem Leben nie als Syrer und nur für einen Teil meines Lebens als Armenier gefühlt.» Heute, kurz nach dem letzten Bergkarabach-Krieg, möchte Yeziyan sich keiner Nation mehr zugehörig fühlen und auch keine solche verteidigen müssen. «Während der Kriegstage ging mir durch den Kopf, dass ich eines Tages vielleicht eine Waffe werde tragen müssen. Aber nicht, weil ich mich als Armenier fühlte oder ich Armenien verteidigen wollte, sondern weil es eine menschlich ungerechte Situation war.» Die Frage, ob er sich während des Krieges für das Land Armenien hätte einsetzen müssen, beantwortet er mit Nein. Dabei spielt das fehlende Zugehörigkeitsgefühl eine grosse Rolle. «Ich habe mich in Armenien nie akzeptiert gefühlt. Aber ich habe jeden Tag dafür gearbeitet.» Unabhängig vom Staat Armenien allerdings fühlt Yeziyan sich in der aktuellen politischen Lage aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit bedroht. Momentan wartet er auf ein Visum, um in Spanien seinen Master in Kognitiver Neuropsychologie beginnen und sich andere Perspektiven für seine Zukunft schaffen zu können.