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Aktuell
Der Beschatter

Am 25. November stimmen wir darüber ab, ob Behörden Versicherte überwachen lassen dürfen. Doch wer sind eigentlich die Leute, die auf IV-Bezüger und Arbeitslose losgelassen würden? Zu Besuch in einer Detektivschule.

Text: Andres Eberhard
Fotos: Philipp Baer

Erich Wunderlis Stimme ist leise, aber triumphierend. «Wollen wir mal sehen, wo er heute schon überall war», sagt er. Auf der Leinwand sehen wir, wie sich ein roter Punkt auf einer virtuellen Karte bewegt. Es handelt sich um einen GPS-Tracker, den Wunderli unter einem Auto angebracht hat. Der rote Punkt ist in Realität ein Mercedes, der gerade mit 79 Stundenkilometern in Richtung Katzensee fährt. Wunderli zoomt etwas heraus, damit zu sehen ist, wo der Wagen an diesem Tag schon überall war. «Hier, in Affoltern hat er 23 Minuten parkiert», fährt er fort. «Um 14 Uhr 28 hielt er erneut, an der Pumpwerkstrasse in Regensdorf, dieses Mal für 32 Minuten.»

Erich Wunderli ist Privatdetektiv und Leiter der Detektivschule «Schweizer Agenten Organisation» in Dübendorf. Mit dem GPS-Tracker möchte er seinen Schülern zeigen, was heutzutage mit technischen Hilfsmitteln alles möglich ist – wenn es denn nur erlaubt wäre. Viel Zeit verliert er aber nicht, denn an diesem Tag steht auch noch eine Übung auf dem Programm: «Observation mit Auto und zu Fuss».

Eines vorweg: Erich Wunderlis Detektivschule hat in der Branche nicht den besten Ruf. Doch wohin sonst hätten wir gehen sollen, um etwas Licht in dieses Schattengewerbe zu bringen? Es gibt hierzulande keinen offiziell anerkannten Beruf «Privatdetektiv» und entsprechend auch keine beglaubigte Ausbildung. Auflagen zur Aufnahme der Tätigkeit gibt es vielerorts entweder gar keine (so etwa in Bern und Zürich) oder nur formaler Art (zum Beispiel in Aargau, Solothurn und den beiden Basel). Kantone wie Thurgau und St. Gallen, wo Detektive eine Prüfung ablegen müssen, sind die Ausnahme. Kurz: Wer Privatdetektiv werden möchte, kann in vielen Kantonen ein Schild an die Tür nageln und loslegen. Erstaunlich, dass solche Leute bald mit GPS-Trackern oder Drohnen zur Überwachung von IV-Bezügern, Arbeitslosen und Krankenversicherten eingesetzt werden sollen.

«Weiss jeder, was er zu tun hat?», fragt Erich Wunderli in die Runde. Wir stehen in drei Vierergruppen bereit und warten, dass die Übung losgeht. Jeden Samstag während eines halben Jahres treffen sich die acht Schüler in Dübendorf zur praktischen Detektiv-Ausbildung. Für die heutige Übung sind zusätzlich zwei Instruktorinnen angereist, die den Kurs in früheren Jahren absolviert haben.

Den Tagesablauf nahtlos protokollieren

Das Szenario: Ein IV-Bezüger steht unter Verdacht zu betrügen. Die Behörden haben private Detektive engagiert, um seinen Tagesablauf nahtlos zu protokollieren. Fährt er Auto? Wohin fährt er? Wo lebt er? Arbeitet er? Kann er alleine gehen oder braucht er Hilfe? Hebt er schwere Gegenstände auf? Und so weiter. Die Protokolle werden dann vor Gericht gegen die Versicherten verwendet. Die Zielperson ist in unserer Übung der braune Hyundai mit Instruktorin Milli und drei Detektivschülern an Bord. Schülerin Petra setzt sich als erste Verfolgerin ans Steuer eines schwarzen SUV. Auf dem Beifahrersitz nimmt eine Schülerkollegin Platz, den Rücksitz teile ich mir mit Detektiv Wunderli. Rico Giger, ein Detektivschüler im Muskelshirt und mit aufgeschlagener Oberlippe, öffnet das Dach seines grünen BMW-Cabriolets und wird unserem Wagen hinterherfahren – als Beschatter der Beschatter sozusagen.

Erst DJ und Hypnotiseur, dann Detektiv

Detektiv Erich Wunderli, 60, Apple Watch am Handgelenk, das neuste iPhone in der Hemdtasche, tourte früher als DJ einer Wanderdiskothek durchs Zürcher Oberland und führte danach eine Hypnose-Praxis in Burgdorf. Als Privatdetektiv hatte er nebenamtlich gearbeitet, irgendwann stieg er um, gründete seine eigene Detektei und übernahm 2004 die Schule, die Vorgänger waren nach Tschechien ausgewandert. Rund 200 Schüler haben seither die 2682 Franken Aufnahmegebühr bezahlt. Sie erhalten zwei dicke Ordner und werden zur Theorieprüfung eingeladen. Parallel dazu erfolgt das Praktikum. Bis anhin haben lediglich 21 mit Diplom abgeschlossen. Davon wiederum arbeitet bloss eine Handvoll weiterhin als Detektiv. «Ich verdiene an jenen Schülern, die nicht abschliessen», sagt er offen.

In der Branche gilt Wunderli als Aussenseiter. In den Fachverband Schweizerischer Privatdetektive (FSPD) nahm man ihn nicht auf. Verbandspräsident Fritz Nyffeler, Basler Privatdetektiv, warf ihm wegen der Detektivschule schon mehrfach Abzockerei vor. Und der Zürcher Privatdetektiv Daniel Senn sagt: «Ich kenne keinen einzigen Absolventen dieser Schule, der sich auf dem Markt etabliert hat.» Wunderli kümmert das wenig: Um Detektei und Schule einen offiziellen Anstrich zu verleihen, gründete er kurzerhand einen eigenen Detektivverband, dem sich seine Gefolgschaft anschliesst, den Schweizerischen Verband ausgebildeter Privatdetektive (SVAPD).

Die Detektivschule als neue Berufsperspektive

Wunderli ist nicht der Einzige, der davon profitiert, dass in der Branche Chaos herrscht: Immer wieder werden neue Schulen und Verbände gegründet, die teilweise noch viel dubioser sind als jene von Wunderli, der immerhin glaubhaft machen kann, dass er sein Bestes versucht. Den Überblick über die Branche zu gewinnen, in der schätzungsweise 500 Privatdetektive tätig sind, ist schwierig. Schuld daran, dass hier totaler Wildwuchs herrscht, ist vor allem die Politik: Diese bremste zahlreiche Anläufe aus, die Branche zu regulieren. Der letzte Versuch scheiterte erst im vergangenen Jahr, als die Kantone das Konkordat über private Sicherheitsdienstleistungen (KÜPS) fallen liessen. Dieses hätte auch die Detektivbranche geregelt.

Zielperson Milli macht es uns nicht einfach. Sie fährt zweimal um einen Kreisel, hält am Strassenrand, steigt aus und wieder ein, macht U-Turns, beschleunigt schnell und bremst dann abrupt wieder ab. Doch wir bleiben dran. Vor einem Keramikladen stellt Milli das Auto schliesslich ab, steigt aus und nimmt in einer nahen Gartenwirtschaft Platz. Unsere Fahrerin Petra stoppt den SUV mit sicherem Abstand. Wir springen aus dem Wagen, steigen über einen Zaun und umkreisen die Beiz in weitem Bogen. Bevor wir das Restaurant durch den Hintereingang betreten, sagt Wunderli: «Wir teilen uns auf zwei Tische auf, das ist unauffälliger.» Am besten sei ein 45-Grad-Winkel zur Zielperson, meint er noch, bevor er sich mit der Schülerin an einen freien Tisch setzt. Mit Fahrerin Petra, einer Frau mittleren Alters, setze ich mich ebenfalls, wir bestellen Espresso.

Sie habe, erzählt Petra, ursprünglich in der Pflege gearbeitet und zuletzt am Flughafen. Da seien die Arbeitsbedingungen aber schlimm gewesen. «Wenn meine Schicht um 5 Uhr begann und ich um 4.56 Uhr bereitstand, hiess es, ich sei zu spät», sagt sie, «und das bei einem Stundenlohn von unter 20 Franken pro Stunde.» Heute ist sie arbeitslos. Von der Detektivschule erhofft sie sich eine Perspektive. «Verglichen mit anderen Ausbildungen ist die Schule günstig.» Während Freunde sie gefragt hätten, ob sie spinne, habe sie sich gedacht: Warum nicht? Schliesslich klangen die 80 Franken Stundenlohn, mit denen in Anzeigen gelockt wird, lukrativ.

«Bezahlen, Zielperson könnte verschwinden»

Spricht man mit Privatdetektiven, dann hört man immer wieder, wie schlecht das Geschäft derzeit laufe. Fritz Nyffeler, seit 49 Jahren im Geschäft und seit 18 Jahren Präsident des Verbandes FSPD, lehnt ein Gespräch erst vehement ab, holt dann aber doch zu einem Monolog aus, in dem er sich über alles Mögliche aufregt: über geizige Kunden, schwarze Schafe in der Branche und SP-Politiker, die keine Ahnung hätten, wie viel beschissen werde überall. Vor allem aber beklagt er sich darüber, dass die Branche «so gut wie tot» sei. «Ich kenne Kollegen, die rufen sich selber an, um zu kontrollieren, ob ihr Telefon noch funktioniert.»

Für die Misere gibt es zwei Gründe. Erstens das seit Anfang 2000 geltende Scheidungsrecht. Bis zur Jahrtausendwende zahlte es sich finanziell aus, wenn man beweisen konnte, dass der Noch-Ehepartner fremdging. Doch die Verschuldensfrage verschwand und damit auch das wichtigste Standbein von Privatdetektiven. «Das hatte einen massiven Einbruch an Aufträgen zur Folge», sagt der Zürcher Privatdetektiv Daniel Senn. Er schätzt ihn auf 50 bis 60 Prozent. Der zweite Grund hat mit einer IV-Rentnerin zu tun, die vor dem Europäischen Menschengerichtshof klagte.

«Das Handy», zischt die Frau, die an unserem Tisch in der Gartenwirtschaft vorbeigeht. Petra und ich haben uns etwas vergessen. Bei der Frau handelt es sich um jene Detektiv-Komplizin, die mit Erich Wunderli am Tisch sitzt. Zum Schein war sie auf die Toilette gegangen mit dem Auftrag, uns auf dem Rückweg unauffällig etwas zuzuraunen. Petra liest die eingegangene WhatsApp-Nachricht. Die Anweisung: «Bezahlen, Zielperson könnte jederzeit verschwinden».

Kurze Zeit später verlässt Milli das Lokal tatsächlich, und wir nehmen die Verfolgung wieder auf. So geht das weiter, per Auto und zu Fuss durch Dübendorf, es wird noch mit der App «Voxer» gefunkt, es werden per Handy Live-GPS-Standorte ausgetauscht, und Wunderli führt vor, wie er das Navigationsgerät mithilfe von Spracheingaben über Siri steuert. Knapp zwei Stunden nach dem Start wird die Übung auf einem Aldi-Parkplatz für beendet erklärt. Wunderli blickt auf die Uhr. «Zurück zur Schule, Schlussbesprechung».

Hoffnung, dass die Politik die Branche rettet

Vor zwei Jahren sahen die privaten Detektive ihr Geschäftsmodell endgültig zusammenbrechen. Der Europäische Menschengerichtshof urteilte 2016, dass zur Überwachung von Versicherten in der Schweiz die gesetzlichen Grundlagen fehlten. Nach den Scheidungswilligen fielen auf einen Schlag auch IV-Stellen, SUVA sowie private Versicherungen und Krankenkassen als mögliche Auftraggeber weg. Hans Ruch, ein auf Versicherungen spezialisierter Privatdetektiv aus Münsingen und ebenfalls Verbandspräsident (Schweizerischer Privatdetektiv-Verband ehemaliger Polizei- und Kriminalbeamter), sagt: «Seit dem Urteil aus Strassburg befinden wir uns in einer Warteposition und halten uns mit Aufträgen Privater oder aus der Wirtschaft über Wasser.»

Nun hoffen die Detektive, dass die Politik ihre Branche bald rettet. Denn statt sich darüber zu wundern, dass man in der Missbrauchsbekämpfung jahrelang mit illegalen Mitteln vorgegangen war, peitschte die bürgerliche Mehrheit im Eilverfahren ein neues Gesetz durchs Parlament, welches den Versicherungen – und damit auch den Detektiven – bei der Überwachung mehr Rechte zugestehen soll. Nach Widerstand aus der Bevölkerung kam ein Referendum zustande. Voraussichtlich nächstes Jahr werden wir deshalb über das Gesetz abstimmen.

Angesichts ihrer misslichen Lage ist es kein Wunder, dass Privatdetektive die Kritik am «Spitzel-Gesetz» nicht verstehen und betonen, dass alles halb so wild sei. So sagt etwa Hans Ruch, dass Versicherungen nur auf dringenden Verdacht hin und als letztes Mittel überwachen liessen. Bei den Sachbearbeitern der Schadensabteilungen handle es sich vielfach um «erfahrene, ehemalige Fahnder von Polizeikorps», die auch den Markt der Privatdetektive gut kennen würden. «Sie wissen, wer seriös arbeitet und in der Lage ist, gerichtsverwertbare, also mit legalen Mitteln recherchierte Protokolle abzuliefern.»

Zurück in Dübendorf. Die Schüler setzen sich an ihre jeweils persönlichen Plätze im Schulzimmer. Jeder hat einen eigenen Laptop vor sich, denn zur praktischen Ausbildung gehören auch Module wie «Per Internet recherchieren», «Das Rapportwesen» und «Morsen üben mit Computer-Tongenerator».

«Chapeau», sagt Wunderli in der Abschlussbesprechung, «ich bin sehr zufrieden.» Nicht vergessen: immer bei der Sache sein, schön geschmeidig bleiben, stets eine Geschichte im Hinterkopf haben, falls die Zielperson etwas bemerkt. Einmal habe er, als er bei einer Observation zu auffällig vorgegangen war, die Frau, die er observierte, direkt angesprochen mit den Worten: «Verfolgen Sie mich?» Das habe die Situation entschärft, die Frau habe geantwortet: «Dasselbe wollte ich Sie gleich auch fragen.» Danach habe er den Auftrag einem Kollegen übergeben.

«In der Schweiz darf jeder jeden observieren»

Nach Abschluss des Kurses bleibt eine Handvoll Schüler auf dem Parkplatz vor der Schule stehen, man raucht und redet. Auch Rico Giger, der Mann im Muskelshirt und mit aufgeplatzter Oberlippe. «Du kennst mich vielleicht aus dem Fernsehen», sagt er. Als ich verneine, hilft er gerne weiter: «Kampfsport, K1-Weltmeister, wie früher Andy Hug», sagt er. Beim Einlaufen spiele er immer Schwyzerörgeli, sagt er und zeigt mir dazu ein Handy-Video. Nächste Woche sei es wieder so weit, WM-Kampf. Was er denn an der Schule wolle? Weiterbildungen seien immer gut, sagt er, eigentlich möchte er Schauspieler werden, in einer Detektivserie mitspielen. «Da macht sich das Diplom sicher gut.»

Zwei Tage später treffe ich Wunderli erneut in seiner Detektei zum Gespräch. Er verdiene sein Geld vor allem mit Privatangelegenheiten, wie er sagt. In Boulevardmedien taucht sein Name hin und wieder auf, wo er dann Sätze sagt wie: «Immer mehr eifersüchtige Männer hören ihre Frauen mit Wanzen ab.» Ich frage ihn, ob es ihm je unangenehm war, im Privatleben anderer Menschen zu schnüffeln. «Nein», sagt Wunderli, «ich sehe nur die Tatsachen, ohne jegliche Emotionen.»

Auch mit Versicherungen habe er schon Erfahrung, bekräftigt Wunderli. Er spielt die Rolle der Privatdetektive herunter, indem er sagt: «Die Versicherungen handeln nur bei Verdacht. Und dieser entsteht meist durch Tipps aus der Bevölkerung.» Als ich später Hans Ruch, den Privatdetektiv mit Polizeivergangenheit, danach frage, betont auch der, dass Versicherungen immer wieder aufgrund von anonymen Hinweisen tätig werden.

Sollte das stimmen, dann wären nicht nur die Privatdetektive Spitzel, sondern wir alle, das Umfeld der Versicherten: Nachbarn, Kolleginnen, Bekannte. Tatsächlich kann man in der Schweiz bereits heute relativ weit gehen in der Beschattung, Überwachung und Verfolgung anderer, ohne dabei gegen ein Gesetz zu verstossen. Ein Stalking-Gesetz, wie es etwa in Deutschland existiert, gibt es hierzulande noch nicht. In den Worten von Privatdetektiv Wunderli klingt das so: «In der Schweiz darf jeder jeden observieren.»

Wenn wir nun also die Möglichkeiten der Überwachung für Versicherungen per Gesetz ausweiten, erhöht das den Anreiz für den Einzelnen, Nachbarinnen oder Kollegen anzuschwärzen – aus Neid, Missgunst, mangelndem Vertrauen, wie auch immer. Anders gesagt: Es stärkt ein System, das die permanente Überwachung mittels gegenseitiger Beschattung fördert. Einer observiert den anderen und umgekehrt, fast wie in Wunderlis Detektivschule.