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Hugo Fasel, Direktor Caritas Schweiz. Foto: Franca Pedrazzetti / Caritas Schweiz

Lockdown
«Der Bundesrat vergisst die Schwächsten»

Während der Staat Firmen mit Milliarden unterstützt, gehen Armutsbetroffene leer aus, kritisiert Caritas-Direktor Hugo Fasel im Interview.

Herr Fasel, es ist gar nicht so einfach, Sie in diesen Tagen zu erreichen.

Hugo Fasel: Stimmt. Seit drei Wochen funktioniere ich ununterbrochen. Jetzt bin ich gerade im Zug. Wir müssen nun da sein für die Menschen, genauso wie die Pflegerinnen und Pfleger in den Spitälern. In Krisensituationen ziehen sich die Leute zurück. Meine Aufgabe ist es, sie aus ihrer Igelstellung zurückzuholen. Dafür muss ich die Menschen sehen, sie spüren. 

Sie werden bald 65. Haben Sie keine Angst, sich anzustecken? 

Im Moment bin ich der Einzige im Zugabteil. Ernsthaft, eine gewisse Angst lasse ich zu, denn sie mobilisiert die Vorsicht. Und die ist zurzeit angebracht, im Gegensatz zu Panik. Ich überlege mir gut, was unbedingt nötig ist, ob es diese Zugreise braucht oder nicht. Bei Caritas sind auch viele im Homeoffice. Es ist aber wichtig, dass wir uns regelmässig treffen, in kleinen Gruppen und mit aller Vorsicht. 

Die Politik wägt zwischen gesundheitlichem Schaden und wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus ab. Wie weit soll man gehen, um eine Risikogruppe zu schützen?

Wenn es den Menschen gut geht, funktioniert auch alles andere. Der gesundheitliche Schutz hat ganz klar Priorität. Die wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Folgen der Krise müssen wir allerdings breit anschauen. Wir wissen, dass in Krisensituationen die Schwächsten immer am stärksten betroffen sind – jene Menschen, die faktisch am Existenzminimum leben. Diesen Trend kann man auch jetzt wieder ablesen. 

Wie meinen Sie das?

Das sehe ich allein an den Anrufen, die ich bekomme. Am letzten Wochenende waren es über ein Dutzend. 

Die Menschen rufen Sie auf Ihrem Handy an?

Ja, viele kennen mich oder haben meine Nummer von irgendwoher. Sie sagen: «Hugo, kannst du mir nicht helfen?» Das sind Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen, die es dank einem Zuverdienst schaffen, ohne soziale Unterstützung auszukommen. Gegen Arbeitslosigkeit sind sie nicht versichert. So zum Beispiel Reinigungskräfte in privaten Haushalten, die nun nicht mehr gebraucht werden. Da sie von ihren Auftraggebern nie angemeldet wurden, bekommen sie auch keine Entschädigung. Dasselbe gilt für die vielen Aushilfen im Gastgewerbe, die stundenweise arbeiten. Oder für Alleinerziehende. Mich rief eine Mutter an, die neben ihren zwei Kindern drei weitere als Tagesmutter betreut. Auch dieser Verdienst ist nicht versichert und fällt ersatzlos weg.

Was haben Sie ihr gesagt?

Ehrlich gesagt fühle ich mich manchmal wie ein gepeitschter Hund. Weil ich in diesem Moment oft machtlos bin. Aber ich sage den Menschen auch, dass wir bei Caritas Geld sammeln und dass wir verteilen, was wir können. Wir haben eine Spendenaktion gestartet, um diesen Leuten zu helfen. Schaffen wir es, eine Million zu sammeln, sind das geteilt durch 23 Kantone noch 50 000 Franken. Wir rechnen mit kleinen Unterstützungsbeiträgen von 500 bis 1000 Franken. Wir können also pro Kanton fünfzig bis hundert Menschen helfen. Das ist nicht viel. Aber es ist unsere Maxime, nicht ewig rumzustudieren, sondern schnell zu handeln. Wenn wir nur drei Menschen helfen können, tun wir es.

Aber es reicht nicht für alle.

Gemäss Statistik gibt es in der Schweiz 630 000 Armutsbetroffene. Die werden im Moment vom Staat vergessen. Von den 40 Milliarden, die der Bundesrat verteilt, bekommen sie keinen einzigen Rappen. Der Bundesrat spricht immer wieder von den wirtschaftlichen Folgen der Krise. Er meint aber immer alle anderen, nur nicht jene, die am stärksten betroffen sind.

Sie kritisieren den Bundesrat. 

Der Bundesrat spricht von Liquiditätsengpässen von Unternehmen, aber nicht von jenen von Familien oder Alleinstehenden. Er hat noch nie einen Satz gesagt zu Armutsbetroffenen, noch nie einen Satz zu Alleinerziehenden und noch nie einen Satz zu Menschen mit prekären Kleinsteinkommen. Das zeigt doch, dass in Krisenzeiten die Schwächsten vergessen gehen. Andere Länder sind da weiter. In den USA haben die Demokraten dafür gesorgt, dass Familien bei Engpässen unterstützt werden. 

Wie könnte der Staat Armutsbetroffenen helfen?

Im Moment verteilt der Bund Geld à fonds perdu, also Beiträge, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir bemühen uns, dass Menschen am Existenzminimum auch Eingang finden in das 40-Milliarden-Hilfspaket des Bundesrats. Zum Vergleich: Mit 6,3 Milliarden Franken könnte man jedem einzelnen Armutsbetroffenen in der Schweiz helfen. Der Betrag klingt riesig, ist aber gar nicht so gross. Pro Person wären das 1000 Franken. Statt über diese Menschen wird nun darüber diskutiert, ob Grossfirmen wie die Swiss Ansprüche an das Hilfspaket haben sollen. Hier vergisst man die Relationen. 

Durch die Krise könnten viele Menschen arbeitslos werden oder in die Sozialhilfe abrutschen. Ist unser Sozialstaat dafür gewappnet?

Je länger die Krise dauert, desto mehr Leute werden in die Sozialhilfe gedrängt, das ist jetzt schon absehbar. Doch das passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Viele werden erst in die Arbeitslosenkasse kommen. Bei jenen, die nicht versichert waren und es mit Zuverdiensten gerade so aufs Existenzminimum schafften, wird es schneller gehen. 

Was können wir tun?

Wir müssen unser Sozialwesen so ausrichten, dass die Existenz aller Menschen gesichert ist. Eine Diskussion über eine gesamtheitliche Reform des Sozialwesens muss jetzt auf den Tisch. 

Könnten vielleicht sogar Ideen, die lange als Utopie galten – wie das bedingungslose Grundeinkommen oder die «Existenzsicherung für alle» – plötzlich mehrheitsfähig werden?

Wir sind am Anfang vom Anfang. Wir haben ein weisses Blatt. Dieses wollen wir bemalen. Vielleicht setzt sich tatsächlich die Erkenntnis durch, dass alle von Armut betroffen sein können, dass Verpflichtungen von einem Tag auf den anderen nicht mehr erfüllt werden können. Diese Chance ist noch nicht vertan. 

Gibt es schon Anzeichen dafür, dass sich unser Denken über Armut verändern könnte?

Bis jetzt spricht nichts dafür, dass die untersten Schichten stärker in den Fokus rücken könnten. Eher im Gegenteil: Nichts gegen Homeoffice, aber es sind die klassischen Arbeiten der Mittel- und Oberschicht, die von zuhause aus erledigt werden können. Homeoffice verstärkt die alte Verteilung der Klassen. Das Gleiche gilt für den Unterricht zuhause. Einkommensschwachen Eltern fällt es schwerer, ihre Kinder im Lernprozess zu unterstützen. 

 

Hugo Fasel (64) war von 1991 bis 2008 für die Christlich-soziale Partei (CSP) im Nationalrat. Seit 2008 ist er Direktor von Caritas Schweiz. Im kommenden November wird er von Peter Marbet abgelöst. Zu seiner bevorstehenden Pensionierung sagt Fasel:«Ich hatte noch gar keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Es gibt Zeiten zum Nachdenken und Zeiten zum Handeln. Jetzt wird gearbeitet.»


Hilfe kommt von der Bevölkerung

Das staatliche Hilfspaket ist vorwiegend auf Unternehmen ausgerichtet und soll eine drohende schwere Wirtschaftskrise abwenden. Menschen am Rand der Gesellschaft profitieren vom Engagement der Zivilgesellschaft. So sammelte allein die Glückskette Ende März innerhalb von weniger als zwei Wochen über 12 Millionen Franken. Dieses Geld wird für Einzelpersonen und Familien in Notlagen sowie ältere Personen und Menschen mit Behinderungen verwendet, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Unterstützt werden auch Obdachlose, die eine Unterkunft und den Zugang zu sanitären Einrichtungen benötigen. Caritas Schweiz verteilt als Partner der Glückskette rund ein Fünftel der Gelder. Pro Million, die Caritas zur Verfügung steht, kann die Organisation fünfzig bis hundert Menschen pro Kanton helfen, wie Direktor Hugo Fasel vorrechnet (siehe Interview). Caritas hat zudem eine eigene Spendenaktion gestartet. Genauso unterstützt auch Surprise Menschen am Rand der Gesellschaft und ist als staatlich nicht subventionierter Verein auf Spenden angewiesen