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Surprise wirkt
Der Peacemaker

Alaa Amoka, ehemaliger Fussballprofi in Syrien, lebt und engagiert sich seit bald drei jahren in Biel. Im November spielt er am Homeless World Cup in Mexiko.

Text: Benjamin von Wyl
Fotos: Roland Schmid

An der Adresse, die uns Alaa Amoka genannt hat, erstrecken sich acht Fussballfelder und ein Stadion. Vier Plätze entfernt leuchtet das Flutlicht der Tissot-Arena. Dort findet gerade das Finale der U19-Frauen-Europameisterschaft statt. Spanien schlägt Deutschland 1:0, während auf dem hintersten der acht Fussballfelder, dem letzten vor dem Autohaus, Alaa Amoka und sein Team trainieren. Amoka, 29, Kurde, ist ein ehemaliger Pro fussballer aus Syrien, Mittelfeldspieler und Argentinien-Fan seit der WM 98 – seit seinem neunten Lebensjahr. Jetzt spielt er in Biel: bei Andam, dem informellen Fussballfreundeskreis, der bald ein Verein werden soll, und Strassenfussball bei Royal Action Biel.

Ohne den Buben im Kurdistan-Shirt, der uns entgegengerannt kommt, hätten wir die Andam an diesem Montagabend auf den Fussballfeldern nie gefunden. Andam ist Kurdisch und bedeutet eigentlich «Mitglieder», aber Amoka besteht darauf: Für ihn und alle hier heisst es «Menschen». Die Andam, das sind Alaa Amokas Menschen. Die Spieler der Mannschaft stammen aus zehn Ländern. Sie sind Eritreer, Afghanen, Kurden und Schweizer. Amokas Strassenfussball-Formation Royal Action Biel besteht zu einem guten Teil aus demselben Fussballfreundeskreis und vereint immerhin Spieler aus fünf Nationen. Diese kulturelle Breite schafft Begegnung – und hat den Nebeneffekt, dass alle untereinander Deutsch sprechen. Und dass so alle Neuangekommenen die Sprache üben. Aber eine klassisch einsprachige Umgebung sind die Andam nicht, ein paar Fetzen Farsi und mindestens «Hallo» auf Tigrinya haben durch den Sport alle gelernt.

«Alaa Amoka ist ein Peacemaker. Dieser Mensch hat einfach ein unglaubliches Verständnis für Frieden», sagt Lavinia Besuchet, die Leiterin des Surprise Strassenfussballs. «Seit dem ersten Tag ist er so ein motivierter Dude», sagt Remo Widmer, der Team-Koordinator von Andam, der zum guten Freund geworden ist.

«Reingegangen wie die Munis»

«Biel ist unsere neue Heimat. Hier treffen alle zusammen. Sogar Freunde aus Syrien begegnen uns in Biel wieder», erzählt Amoka, «hier haben wir bei der Bar des Vereins Fair eine erste Stelle gefunden, hier haben wir im ‹Haus pour Bienne› Deutsch gelernt. Wann immer wir Zeit haben, helfen wir dort auch.» Amoka spricht fast immer im Plural; «ich» nutzt er nur, wenn man ihn explizit nach seiner ganz eigenen Meinung fragt.

Alaa Amoka ist das nachdenkliche Zentrum des Teams, sein Cousin Jamal Abdulsalam gibt die taktischen Anweisungen. Amoka ist zusammen mit ihm und seinem Neffen in die Schweiz ge ohen. In nur zwölf Tagen übers Mittelmeer und über die Balkanroute. Und heute, nach knapp drei Jahren, erlebt er Biel bereits als neue Heimat. Ge üchtet sind sie Ende 2015, heute wäre eine so schnelle Flucht undenkbar: Die Balkanroute ist dicht; Familien werden auseinandergerissen; wer es nach Westeuropa schafft, erlebt unzählige Rückschläge, steckt oft jahrelang in Griechenland, Serbien oder Bosnien fest. Schon 2015 war es nicht selbstverständlich, dass die drei zusammenbleiben konnten, aber sie haben es geschafft. Auch in der Schweiz wohnen sie am gleichen Ort. Der Neffe lebt bei Amoka, der Cousin im selben Haus. Der Neffe ist der Bub im Kurdistan-Shirt, der uns entgegengerannt ist. Egal, wen man fragt: Man kennt sie nur als Dreiergespann.Auch Remo Widmer hat sie von Beginn an so erlebt. Widmer ist nicht nur Koordinator der Andam und der Royal Action Biel, sondern auch Mitinitiant des Vereins Fair und des «Haus pour Bienne». All die Namen, all die Projekte, von denen Amoka erzählt: Sie erscheinen auch in Widmers Erzählwasserfall. An all den Bausteinen, die Biel zu Amokas neuer Heimat machen, hat Remo Widmer mitgewirkt. Im Jahr 2015 wollten einige Bielerinnen und Bieler diejenigen willkommen heissen, die die Schweiz neu erreichen – und dabei aber auch Ortsansässige einbinden, denen es weniger ums Engagement als um Genuss und Spass ging. Eines dieser Projekte war der Fussball. Bis zu 50 Leute seien jede Woche in die Turnhalle gekommen, aus den Durchgangszentren der Region, aber auch aus Olten, fast im ganzen Landesteil sei bekannt gewesen: Hier kann man gratis tschutten und hat Spass. Es war ein Plauschnachmittag, Begegnungssport, denn «beim Fussball ist egal, wer wie wo lebt». Gleichwohl sei es vielen anfangs nur ums Gewinnen gegangen. «Alle sind reingegangen wie Munis, aber Alaa hat geschlichtet und beruhigt», erinnert sich Widmer begeistert. So sei es, seit sie ihren Fussballnachmittag lanciert haben, und so ist es bis heute: Immer, wenn es brenzlig wird, bleibt Amoka ruhig. Durch seinen Einsatz haben bald nicht mehr alle «bloss genickt und beim nächsten Mal wieder gegrätscht». Die Stimmung hat sich nachhaltig verändert.

In Syrien entscheiden die Mächtigen

Am Trainingsabend während des U19-Frauen-EM-Finales geht Jamal Abdulsalam an Krücken. Am Tag davor war Match. Er hat sich verletzt. Ebenjenen Match rekapituliert Abdulsalam eindringlich, gestikulierend, streng. Der Cousin wirkt wie der Bad Cop, Alaa hingegen motiviert, schmeichelt, lobt die Fähigkeiten der einzelnen Spieler. Als Alaa Amoka nach der Besprechung wieder breit lächelnd am Spielfeldrand sitzt und unter seiner dunklen Haarmähne hervor in den Himmel blickt, könnte man ihn für einen Lyriker halten. Später gehen ein Dutzend Kopfbälle zwischen ihm und seinem Mitspieler Hussein Hussein unterbruchfrei hin und her. Jetzt gilt dasselbe Lächeln dem Ball. Und anders als am Spielfeldrand ist sein Blick dabei fokussiert.

«Der Fussball hat mir geholfen, mit dem Krieg umzugehen», sagt Amoka. Er nennt keine Details, aber in Syrien sei er eingezogen worden. Zwei Jahre lang diente er in Assads Armee. Auch in der Schweiz helfe ihm der Fussball: zu akzeptieren, dass der Grossteil seiner Familie von ihm getrennt und in Gefahr ist. «Fussball hilft mir beim Geradeauslaufen. Und man muss geradeaus laufen», sagt Amoka. Geradeaus laufen, vorwärts blicken, das scheint Amoka zu können. «Der Ball ist meine Liebe», sagt Amoka, «aber das Team ist mein Herz.» Das klingt nach einem Postkartenspruch, aber leuchtet ein: Team Andam als Organ, das seine Sentimentalität gegenüber dem runden Leder ermöglicht. Der Ball wäre nichts, keinen fokussierten Blick wert, wenn er keinen Mitspieler wie Hussein Hussein hätte, der ihm die Kopfbälle zurückgibt, sodass es ein Dutzend werden, sodass sich die Konzentration lohnt. Hussein Hussein ist ein paar Jahre jünger als Amoka, aus derselben Stadt – Qamischli, heute Hauptstadt von einem der drei Kantone Rojavas – und laut Amoka «der beste Spieler Syriens». Aber in Syrien können nicht die Besten Pro s werden, sagt Amoka. «Die Mächtigen entscheiden dort, wer spielt. Dabei sollte das eigentlich der Trainer tun.» Eine Karriere hänge von der Familie, vom Geld und vom Hintergrund ab. «Fussball wird für Propaganda missbraucht.» Weil er Kurde ist, hatte Amoka als Fussballer Probleme. Weil er Kurde ist, durfte er nach dem Gymnasium kein Studium beginnen. Früher war Fussball für Amoka mehr als Hobby, der Sport war nicht nur Lebensinhalt, sondern auch Berufsziel. «Heute bin ich zu alt für eine Pro karriere, doch viele, die nach Europa kommen, hoffen genau darauf.» Auch einige Spieler der Andam. Amoka begrüsst das: «Jetzt machen wir unsere eigene Mannschaft und sammeln Leute. Wir suchen auch jüngere Leute. Solche, die eine Chance haben.»

Lavinia Besuchet organisiert bei Surprise die Strassenfussball-Liga. Sie attestiert Amoka ein «unglaubliches Verständnis für Frieden» und gibt ihm das Prädikat Peacemaker, weil sie eine Verwandlung erlebt hat: Royal Action Biel machte in der Surprise Strassenfussball-Liga Probleme. Die Spieler waren unerbittlich, aggressiv und hatten wenig Verständnis dafür, dass die Strassenfussball-Liga kein Grümpelturnier ist, bei dem man den Gegner am Boden liegen lässt. Sondern ein soziales Projekt mit persönlichkeitsbildenden Zielen. Es musste sich etwas ändern. Besuchet wollte das Team in der Liga halten. Also fuhr sie nach Biel, schaute sich ein Training an. Und fand in Amoka den Partner, der das Fairplay ins Spiel würde bringen können. Amoka habe analysiert, was die Gründe für die aggressive Spielweise waren und welche Teamkonstellationen sie verantworteten.

Das Ranking des folgenden Turniers der Strassenfussball-Liga in Olten zeigte am 10. Juni 2018: Fairplay-Sieger: Royal Action Biel, Kategorie A. 1. Rang: Royal Action Biel. Die Delegation der Bieler «Menschen» hatte nicht nur das Turnier, sondern auch den Fairnesspreis gewonnen. Amokas Team sei ein komplett anderes gewesen.

Die erste Reise ohne Druck

Spricht man Amoka auf seinen Einsatz für den Frieden im Team an, wird er wortkarg. Es tue ihm leid, dass es früher Probleme gegeben habe. Aber sein eigener Beitrag sei gar nicht so gross gewesen. Ähnlich reagiert er auf die Frage nach der Weltmeisterschaft. Amoka gehört dieses Jahr zur Schweizer Auswahl für den Homeless World Cup in Mexiko. 500 Spielerinnen und Spieler werden in Mexiko-City 47 Länder vertreten. Mehr als 200 000 Zuschauende werden erwartet. Der Spielort liegt zwischen dem Obersten Gericht, dem Nationalpalast und der Kathedrale. Dann wird Amoka nicht auf dem letzten Bolzplatz vor dem Autohaus spielen, während ein paar hundert Meter entfernt in der Tissot-Arena die Spieler am EM- Final im Flutlicht baden, sondern mit seinem Team im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Der Biel-Syrer vertritt dort dann die Schweiz.

Er wisse, dass ihm Mexiko guttun werde. Mehr will er dazu nicht sagen, Alaa Amoka spricht lieber über die Balltechnik von Hussein Hussein als über diese Reise. Die erste Reise, die ihn über den Atlantik führt. Auch die erste Reise, die er ohne Zwang und Druck erlebt. Amoka wechselt das Thema, er erzählt wieder von Syrien. Oder von dem Vortrag, den er plant. Er will den Leuten in Biel von Syrien, aber auch von der schwierigen Situation der Kurdinnen und Kurden in den Nachbarländern erzählen. «Früher kamen Leute aus Europa zu uns nach Syrien – als Reisende und Touristen. Syrien hat eine schöne Natur und sehr alte Siedlungen und Städte. Das Land hätte Freiheit verdient.»

Das Vorwärtsblicken: Es ist für Alaa Amoka ein Wollen und ein Müssen, und er blickt nicht nur für sich selbst vorwärts, sondern auch für seinen Cousin und natürlich für seinen kleinen Neffen. Alaa Amoka möchte leben, hier leben, sein Leben in der Schweiz aufbauen. Der Ball hilft ihm dabei. Wenn er an Hussein Hussein vorbeidribbelt, sieht man, wie sein Gesicht unter all den Haaren rot wird. Sein Mund ist vor Begeisterung weit aufgerissen, seine Augen lachen. Dabei wirkt er nie verbittert, nie unerbittlich. Wenn Alaa Amoka dribbelt, tut er das für seinen Frieden. Wenn der Peacemaker schlichtet, tut er das auch für sich selbst.