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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

Moumouni...
...die Fremde in der Nacht

Wer in der Schweiz wohnt, muss sich integrieren. Das hört aber scheinbar nie auf. Während so mancher Mensch in dritter Generation immer noch auf das Recht zu wählen wartet oder spart, habe ich nach acht Jahren Lebensmittelpunkt hier immer noch ab und an mal wieder Tiefpunkte des mich Integriertfühlens. Im Folgenden eine Geschichte einer inländischen Ausländerin.

Es ist eine laue Nacht in Zürich, ich laufe gut gelaunt nach dem Ausgang nach Hause. Vor der Haustür merke ich, dass ich noch eine Glasflasche in der Hand halte, die letzten Schlückchen habe ich mir für den Weg aufgespart. Nun ist sie leer, ich überlege, was damit tun. Mit hochnehmen? Ich denke mir: Üüh, das ist jetzt nicht so geil, die mit hochzunehmen, unser Glasmüll ist schon am Überlaufen, ist langsam auch ein bisschen eklig – aber das muss ja keiner wissen. Niemand muss wissen, was hinter meiner Tür abläuft, hinter meiner Tür mache ich, was ich will, ich trenne Müll ja schon wie wild, wie lang ich ihn aufbewahre, ist allein mein Problem, immerhin habe ich erst eine Aufenthaltsbewilligung B, vielleicht strenge ich mich bei C noch etwas mehr an.

So beschliesse ich, die Flasche nicht mit hochzunehmen. Ich stehe einen Augenblick ratlos herum und schaue umher. Ich könnte sie neben der Haustür stehen lassen. Ich schiele kurz auf den Balkon meiner Nachbarn im Erdgeschoss, ich könnte ihnen die Flasche auf das Balkongeländer stellen, die entsorgen sie sicher auf korrekte Art, das wäre über Umwege sogar ein Punkt! Ich gebe zu, all das kurz gedacht zu haben, aber: Ich habe es nicht gemacht.

Ich entscheide mich, die Flasche selbst ordnungsgerecht zu entsorgen, schliesslich hatte ich irgendwo mal gelesen, dass es «unfair» sei, seinen Müll falsch zu entsorgen – eine Kampagne der Stadt Zürich.

Also mache ich mich nochmals auf den Weg und laufe zum Glascontainer, ein bisschen stolz, dass ich diese doch sehr schweizerische Entscheidung getroffen habe, und das erst noch nach dem Ausgang. Staatsbürgerschaft, ich komme! Die Swissness schon fast im Blut. Auf halber Strecke fällt mir jedoch ein: Oh nein, es ist ja nach 22 Uhr! Ich bleibe mitten auf der Strasse stehen und werde nicht überfahren. Ausser von meinem eigenen Gedanken: Ich darf die Flasche auf keinen Fall entsorgen! Es ist nach 22 Uhr! Ruhezeiten, Nachtru-he! Ein waschechtes Dilemma: Folge ich der einen Regel, breche ich die andere. Ich bin mir sicher, es ist auch verboten, die Flasche einfach neben den Glascontainer zu stellen.

Jedenfalls habe ich mich dann entschieden, die Flasche ganz leise in den Container zu werfen. Ich schlich mich also an und streckte meinen Arm in die Containeröffnung rein, damit die Flasche möglichst leise und nicht allzu tief fällt. Doch der Container macht: KLOOOONGGK KRRL! Ich zucke zusammen und renne weg. Ich glaube zu hören, wie sich Fenster öffnen, ein Landsmann, dem Dialekt nach ein assimilierter Bayer, ruft mir nach: «A Rueh is, sonst schepperts!» Die echten indigenen Schweizer schauen stumm und missbilligend aus ihren Fenstern, ich ducke mich und robbe die letzten Meter zu meiner Haustür, man weiss nie.

Verschreckt und ausser Atem halte ich im Treppenhaus inne. Dieses Land macht mich zur Ganxterin, denke ich, zünde eine Zigarette an, blase den Rauch an das geschlossene Fenster und drücke sie dann auf der sauberen Treppe aus, wo sie bis morgen liegen bleibt.