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Homeless World Cup
Ein Spiel für Gentlemen

Als der Fussball erfunden wurde, durfte nur mitmachen, wer ehrenhaft spielte. So blieb die Oberschicht unter sich. Heute sind es die sozial Schwachen, die am fairsten spielen. Was ist passiert?

Die Torhüterin Griechenlands wirft einen Ball direkt in die Füsse der gegnerischen Stürmerin. Für diese wäre es ein Einfaches, den Ball ins Tor zu schiessen. Doch stattdessen passt sie den Ball zurück zur Goaliefrau. Und das nicht nur ein Mal, sondern immer wieder.

Die Szene ereignete sich vor einigen Jahren an den Fussball-Weltmeisterschaften der Obdachlosen. Wenn Ende Juli in Wales erneut der «Homeless World Cup» stattfindet (siehe Box), werden es Gesten wie diese sein, die bei den Zuschauern am meisten Jubel und Begeisterung auslösen. «Respekt für den Gegner ist wichtiger als der Sieg», erklärt David Möller, Nationalcoach der Schweizer Strassenfussballer, die ebenfalls mit einem Team dabei sind.

Dass Fairplay im Strassenfussball so wichtig ist, hat sicherlich damit zu tun, dass es nicht um Geld und um vergleichsweise wenig Ruhm geht. Aber nicht nur. Fairplay wird auch gezielt gefördert. Einerseits durch viele Gespräche neben dem Feld, andererseits durch Anpassungen im Reglement. In der Schweizer Liga beispielsweise können Schiedsrichter mit einer grünen Karte besonders faire Aktionen belohnen. Sie bringt Pluspunkte in der Fairplay-Wertung und ist damit auch für die Endrangliste relevant.

Die Idee stammt aus dem Profi-Fussball. Die grüne Karte soll nicht nur Anreize setzen, Unsportlichkeiten zu vermeiden, sondern auch bewirken, dass sich die Spieler von sich aus fair verhalten. Durchsetzen konnte sie sich bislang aber nicht – im heutigen Profi-Fussball, wo von Sieg oder Niederlage Millionen abhängen, herrschen eben andere Gesetze als im Strassenfussball. Natürlich verstösst es gegen keine Regel, wenn wie im Eingangsbeispiel ein Fehler des Gegners ausgenützt wird. Doch werden heute auch unfaire Aktionen als Teil des Spiels akzeptiert, wenn diese zum Erfolg führen: ein taktisches Foul, in Führung liegend auf Zeit spielen, sich im Strafraum allzu schnell fallen lassen.

Dabei war Fairplay im Fussball einst tatsächlich wichtiger als der Sieg. Die britischen Adligen, die den modernen Fussball Mitte des 19. Jahrhunderts erfanden, spielten aus reinem Selbstzweck. «Einem Aristokraten war der Sieg gleichgültig, ja verdächtig. In der Presse genannt und gerühmt zu werden, galt als unfein», schreibt der Sportsoziologe Gunter A. Pilz. Nicht siegen zu müssen hiess, es sich leisten zu können, Sport allein zur Musse zu betreiben. Lange war es bei Sportwettkämpfen üblich, dass Spieler und Teams Handicaps in Kauf nahmen, um dem schwächeren Gegner reelle Gewinnchancen einzuräumen. Fairplay bedeutete auch Chancengleichheit.

Objektiv fairer, subjektiv ungerechter

Doch je wichtiger es wurde zu gewinnen, desto schwieriger wurde es, Fairplay aufrechtzuerhalten. Einerseits, weil nun auch die Arbeiterklasse teilnahm, und sie verstand die Sportwettkämpfe als eine Form von Klassenkampf. Andererseits wurde der Sport immer kommerzieller und politischer. Siege wurden wichtiger, denn mit ihnen war Geld und Ruhm verbunden. Die Grenzen der Regeln auszuloten oder sie gar zu überschreiten (beispielsweise durch Doping), gehörte dazu. Sogar im Amateursport lief das Siegen um jeden Preis dem Fairplay den Rang ab. «Sportlich sein hiess fortan sportlich erfolgreich sein», schreibt der Soziologe Pilz. Das hatte damit zu tun, dass viele Amateurund Jugendsportler die Stars und damit auch deren Verhältnis zum Fairplay nachahmten.

Allerdings ist es ja nicht so, dass den Zuschauern Fairplay egal wäre, im Gegenteil: Auch heute noch wollen sie faire Wettkämpfe sehen, gerechte Sieger und würdevolle Verlierer. Nur wird heute die Einhaltung von Anstand und Regeln an Schiedsrichter delegiert. In den Anfängen des modernen Fussballs waren es die Captains der beiden Mannschaften gewesen, die das Spiel leiteten. Bei einem Foul unterbrach der Captain der eigenen Mannschaft das Spiel und überreichte den Ball dem Gegner. Noch lange nachdem 1873 die Referees eingeführt wurden, sassen diese lediglich am Spielfeldrand und wurden nur in Streitfällen aufgerufen.

Heute ist der Druck auf die Wächter des Fairplay derart gross geworden, dass ein ganzer Trupp von Unparteiischen – neben einem Schiedsund zwei Linienrichtern sind häufig auch noch Tor-, Videound Ersatzschiedsrichter im Einsatz – nötig ist, um ein faires Spiel zu gewährleisten. Besonders heikle Szenen sehen sich die Unparteiischen auf einem Bildschirm in Superzeitlupe noch einmal an.

Und tatsächlich, es hilft: Die Entscheide der Schiedsrichter werden immer besser. Das zeigt der amerikanische Journalist Michael Lewis in seinem Podcast «Against the Rules» am Beispiel der amerikanischen Basketball-Liga NBA eindrücklich. Er kommt allerdings zum Schluss, dass auch die Anzahl an Reklamationen und Anfeindungen gegenüber Schiedsrichtern steigt. Das Spiel wird also zwar immer gerechter, gleichzeitig aber als immer ungerechter empfunden. Womit ist dieser Widerspruch zu begründen? Lewis vermutet, dass die Stars sich gegen den Verlust ihrer Privilegien wehren – weil sie wegen ihrer Fouls immer häufiger überführt werden.

Der Sieg der Unsportlichen

Es gibt dafür eine weitere Erklärung: Fairplay ist keine objektive Wahrheit, sondern Ermessenssache. War das Foul schlimm, das Handspiel absichtlich? Solche Fragen wird auch der Videobeweis nicht beantworten können. Die Technologie schafft nicht mehr Gerechtigkeit. Es sind die Menschen, die für Fairplay sorgen müssen.

Was tun? Eine Möglichkeit ist es, das Regelwerk anzupassen. In manchen Fussball-Wettbewerben wurden deshalb sogenannte Fairplay-Wertungen eingeführt. Wer weniger foult, also weniger gelbe und rote Karten einsteckt, so die Idee, wird bei Punktgleichheit in der Rangliste bevorteilt.

Welche Doppelmoral hinter dieser Massnahme steckt, zeigt ein Beispiel der WM 2018 in Russland. Damals traten die Teams von Japan und Polen gegeneinander an. Es war das letzte Gruppenspiel, es ging um den Einzug ins Achtelfinale. Japan konnte sich selbst bei einer Niederlage noch für die nächste Runde qualifizieren – nämlich, falls Kontrahent Senegal seine gleichzeitig ausgetragene Partie verlieren sollte. Dies, weil Japan in der Fairplay-Wertung deutlich besser dastand als Senegal. Kurz vor Schluss lag Japan gegen Polen 0:1 im Rückstand. Da die Japaner aber erfuhren, dass auch Senegal verlieren würde, sie sich also trotz einer Niederlage für die nächste Runde qualifizieren würden, stellten sie ihre Angriffsbemühungen komplett ein und warteten auf den Schlusspfiff. Die Fairplay-Wertung belohnte ausgerechnet jenes Team, das sich dermassen unsportlich verhalten hatte.

Fairplay lässt sich also dem Fussball nicht von aussen als Teil der Spielregeln aufdrücken. Vielmehr muss es von den Spielern verinnerlicht, als «Ehrensache» verstanden werden. Dass in diesem Punkt Handlungsbedarf besteht, zeigen wissenschaftliche Studien: Je älter sie werden, desto eher tolerieren Jugendspieler taktische Fouls oder Schwalben. Anders gesagt: Kinder haben zwar einen Sinn für Gerechtigkeit und Fairplay – doch sie lernen von Älteren, dass Siegen wichtiger ist.

Einige Initiativen haben das erkannt. In Deutschland entstand aus einer privaten Initiative heraus eine Fairplay-Liga für unter 10-Jährige – ohne Rangliste und ohne Schiedsrichter. Indem sie selbst entscheiden, ob der Ball im Aus war oder ob sie ein Foul begangen haben, wird die Eigenverantwortung gestärkt. Ausserdem werden die Kinder vor dem Leistungsdruck von aussen geschützt. Eltern dürfen nur aus einer Fanzone zuschauen, die sich mindestens 15 Meter vom Spielfeldrand entfernt befindet. Ähnliches versucht in der Schweiz der nationale Fussballverband zu erreichen. Er hat ein Konzept für Kinderfussball entwickelt, das unter dem Motto «Erlebnis statt Ergebnis» steht.

Auch das Vorbild des Strassenfussballs kann helfen, eine Fairplay-Kultur zu entwickeln. Natürlich wäre es vermessen, ihn als Blaupause für den Profi-Fussball zu nehmen. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen zwischen der überschaubaren und von vielen Sozialarbeitern begleiteten Szene und dem globalen, durchkommerzialisierten Profi-Fussball. Doch wer bei der Fussball-WM der Obdachlosen zusieht, wird merken, dass sich Siegeswille und Fairplay nicht ausschliessen müssen. Denn der Strassenfussball ist, was der Fussball einmal war – ein Spiel von Gentlemen.

«Wir brauchen Sündenböcke»

Bild: ZVG

Als Schiedsrichter war Urs Meier dafür verantwortlich, dass das Fairplay eingehalten wurde. Dafür wurde er manchmal heftig angefeindet.

Was bedeutet Fairplay für Sie?

Urs Meier: In meinen Kursen definiere ich Fairplay als «das Denken vom Anderen her». Also sich stets zu fragen: Was bedeutet mein Verhalten für das andere Team? Und wenn immer ich damit dem anderen schade, dann ist es nicht fair.

Wird das im Fussball gelebt?

Viel zu wenig. Schon Jugendliche werden zu unfairem Verhalten angespornt: Lass dich doch fallen, provoziere den Gegner, steh beim Freistoss vor den Ball, damit er nicht schiessen kann. Das sind alles Dinge, die ein junger Mensch gar nicht machen würde, das Unfaire kommt also von aussen. Wichtig wäre, dass viel mehr Werte vermittelt werden – etwa indem ein Jugendtrainer seinen besten Spieler auch mal vom Feld nimmt, wenn dieser sich nicht fair verhält. Interessanterweise ist das mangelnde Fairplay ein spezifisches Problem des Fussballs. In anderen Sportarten wie etwa Rugby oder Handball werden Nachwuchsspieler schon früh zu sportlichem Verhalten erzogen.

Sie wurden international bekannt, als Sie an der EM 2004 einen Treffer der Nationalmannschaft Englands annullierten, worauf diese ausschied. Daraufhin wurden Sie wochenlang von aufgebrachten Fans beschimpft, Ihnen wurde mit dem Tod gedroht.

Mit dem Fussball sind unglaublich starke Emotionen verbunden. In diesem Fall waren die Erwartungen der Engländer enorm hoch gewesen. Und dann ist da diese Szene in der 90. Minute. Ein Richter, der ein Urteil fällt, ist für eine Seite immer der Idiot. So gesehen ist das ganz verständlich. Dass damals die Medien eine solche Kampagne fuhren, obwohl allen Aussenstehenden klar war, dass der Entscheid richtig war, ist natürlich fragwürdig.

Wie erklären Sie sich mit etwas Distanz diesen Hass, der ja auf dem Gefühl beruht, ungerecht behandelt worden zu sein?

Als Schiedsrichter ist man immer auch in der Rolle des Sündenbocks. Sündenböcke gelten ja historisch gesehen als wichtig für die Gemeinschaft, damit diese wieder neu anfangen kann, damit die Menschen wieder miteinander umgehen können. Das ist übrigens auch der positive Aspekt am Videobeweis. Ich glaube nämlich nicht, dass es den Fussball gerechter macht, wenn man sich die Szene noch einmal am Bildschirm anschaut. Dort lässt sich nicht erkennen, ob ein Spieler den Ball absichtlich oder unabsichtlich mit der Hand berührt. Aber mit dem Videoassistenten ist nun eine weitere Instanz da, welche die Rolle des Sündenbocks übernehmen kann – und damit den Schiedsrichter davon entlastet.

Sie pfiffen während zwanzig Jahren, auch viele internationale Topspiele. Was hat sich für die Schiedsrichter in dieser Zeit verändert?

Schiedsrichter stehen stärker im Fokus, sie stehen sicher unter viel stärkerem Druck. Früher war ausserdem alles noch etwas hemdsärmeliger, menschlicher. Dafür hat eine gewisse Professionalisierung stattgefunden, allerdings reicht das noch nicht. Selbst in den professionellsten Ligen der Welt – England, Deutschland – fehlen nach wie vor professionelle Strukturen. Stattdessen wird viel Geld in Videotechnologie investiert.

Haben Sie in Ihrer Karriere viele ausserordentliche Fairplay-Gesten erlebt?

Zu wenige. Ich erinnere mich an ein Jugendspiel, als ich einen Penalty pfiff, worauf der Stürmer auf mich zukam und sagte, dass er nicht gefoult worden war. Ich dankte und nahm meinen Entscheid zurück. Aber leider ist so etwas die grosse Ausnahme.