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Moumouni ...
... flüstert

FATIMA MOUMOUNI lernt gerade viele Sprachen für eine Selbststudie darüber, in welcher Sprache es am unangenehmsten ist, in einem Schweizer Zug zu telefonieren.

Heute ist etwas sehr Aussergewöhnliches passiert! Ich war im vollen Pendlerzug von Zürich nach Bern und wollte eigentlich, wie gewohnt, integriert schweigend vor mich hinfahren, da sprach mich tatsächlich die Person mir gegenüber an und wir hatten fast die ganze Zugfahrt über ein nettes Gespräch! Nett, offen und irgendwie persönlich.

Es war wirklich aussergewöhnlich, denn die betreffende Person war auch noch Mathematikerin, und das sind ja bekanntlich gefühlt statistisch gesehen auch nicht die sprudeligsten Smalltalkerinnen.

Ich war so überrascht davon, dass ich freudig mitschwatzelte, obwohl ich eigentlich zu tun gehabt hätte – ganz ohne mich zu fragen, ob ich überhaupt reden möchte und ob ich es nicht übergriffig finde, einfach so in ein Gespräch verwickelt zu werden. So wie man sich ja auch nicht überlegt, ob man Sternschnuppen mag, man bestaunt sie einfach, weil sie so selten sind.

Irgendwann habe ich realisiert, sie ist wohl nicht verrückt, meine Gesprächspartnerin – nur Ausländerin. Ich bin auch Ausländerin, aber ich konnte sehen, dass sie wohl noch nicht so lange in der Schweiz war, denn als ihr Handy klingelte, ging sie einfach ans Telefon und sprach in normaler Lautstärke auf Arabisch, was sich in dem stillen, vollen Zug wie Schreien anhörte. Überhaupt fühlte sich alles wie Schreien an, auch unsere Konversation. Ich zuckte immer wieder aufs Neue zusammen und wollte mich vor den unruhig Fussscharrenden und sich räuspernden, mit vorwurfsvollem Blick zu uns Drehenden unsichtbar machen. Im Vierersitz neben uns stand eine Frau auf und ging mit ihrer Tasche davon. Ich war mir sicher, es sei wegen des «lauten» Telefonats. Ich war noch damit beschäftigt, abzuwägen, was lauter war – das Telefonat oder doch eher das fast geschrieene Schweigen der anderen, als mich mein Gegenüber fragte, ob ich kurz auf ihre Sachen aufpassen könne, sie müsse aufs WC.

Ich sagte «natürlich» und war fast beleidigt, dass sie fragte, wir waren ja inzwischen Freundinnen. Da wusste ich jedoch noch nicht, was ich mir eingebrockt hatte: Während ihrer Abwesenheit klingelte ihr Handy. Zweimal. Laut. Auf Arabisch! Ein Albtraum! Was ist nun integrierter: Sich nicht zu trauen, ein fremdes Handy am Knopf an der Seite auf lautlos zu stellen oder sich für das Klingeln eines Handys, das mir nicht gehört, zu schämen und Angst zu haben, kollektiv dafür bestraft zu werden?

Und nun die grosse Frage: Gibt es ein Recht auf Ruhe im öffentlichen Raum? Seit zehn Jahren Schweiz frage ich mich das und bin mir immer noch nicht sicher. Ich geniesse die Stille ja auch – wo kann man besser lesen als in einem Schweizer Zug?

Ich möchte nicht von mir auf die allgemeine Schweizer*in schliessen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, zucke ich mittlerweile sogar zusammen, wenn im Kinderabteil Kinder herumkindern! Und das, obwohl ich weiss, wie unangenehm es für Eltern sein muss, immer und überall diesen latenten Vorwurf zu spüren, ein Kind zu haben. Oder ein Kind zu haben, das eben noch nicht ganz Schweizer*in ist, also es nicht vollkommen normal findet, im Zug zu flüstern

Ich bin absolut für Ruheabteile, wie es sie in den ICEs gibt, und dort wäre ich sogar dafür, dass man auch keine laut riechenden Lebensmittel wie Döner, Thunfischsemmel oder Mettbrötchen essen darf. Aber im normalen Abteil? Erzählt mir von eurem Leben!