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«Ein Bett, ein Schlüssel, im ersten Moment sah das super aus für mich.» Mieter Stefan Schraner erwartete nicht viel.

Wohnen
Gammel zum Luxuspreis

Das Geschäftsmodell ist fragwürdig: Vermieter*innen machen mit miesen Wohnungen für randständige Menschen Kasse. Stefan Schraner legt für sein eigenes Zimmer sogar vom Grundbedarf der Sozialhilfe drauf.

Es sind einige Probleme, mit denen sich Stefan Schraner derzeit herumschlägt. Manche haben mit seiner kriminellen Vergangenheit zu tun. Andere nicht. Oft lässt sich das auch gar nicht so klar trennen. Seine Wohnung ist ein gutes Beispiel dafür. Wäre er nicht im Gefängnis gewesen, würde er wohl auch nicht in einem solchen Loch leben. «Aber ich habe halt Scheiss gebaut.»

Schraner hat seine Strafe verbüsst: Insgesamt dreizehn Jahre verbrachte er hinter Gittern, vor allem wegen Drogenhandel, aber auch wegen zahlreicher weiterer Delikte im Milieu. Vor einem Jahr kam er frei. Seither lebt er in einem kleinen Zimmer im Zürcher Kreis 3, Küche und Bad teilt er sich mit zwei anderen, ein Wohnzimmer gibt es nicht. «Wir sprechen kaum je miteinander», sagt er. Solche Zweck-Wohngemeinschaften sind verbreitet unter Menschen, die ihre Kosten notgedrungen tiefhalten müssen. Im Milieu ist die Wohnform als Etagenzimmer bekannt.

«Ein Bett, ein Schlüssel, im ersten Moment sah das super aus für mich», sagt Schraner. Für einen wie ihn – die Vergangenheit von Drogen und Gefängnis dominiert, die Gegenwart von Sozialhilfe, Substitutions-Tabletten, Wodka und Büchern – ist das nicht wenig.

 

 

Interessantes Geschäftsmodell

Doch bald merkte er, dass ein Zimmer in Freiheit nicht zwingend gemütlicher ist als eines hinter Gittern. «Willst du hier duschen?», fragt Schraner und stösst die Tür zum Bad auf. Es ist eiskalt, und längs durch die Badewanne verläuft eine urinfarbene Kalkspur. Der Raum ist nicht beheizt. Kürzlich stieg die Heizung auch im Rest der Wohnung aus. Daraufhin standen Schraner und seine Mitbewohner um die offene Backofentüre herum oder verkrochen sich unter die Bettdecke. Es dauerte Tage, bis der Vermieter die Heizung reparieren liess. Noch immer kaputt – seit einem Jahr – ist die Waschmaschine («Einmal pro Monat rufe ich den Vermieter an. Bislang ohne Erfolg»). Vom Balkon bröckelt die Mauer ab («Komm mal raus, falls du dich traust»), in der Küche wimmelt es von Kakerlaken («Ich treffe sie nachts, wenn ich etwas vom Kühlschrank hole»). Und die Zimmertür sperrt Schraner mit einer Kartonkiste zu («Wobei, das ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich später»).

Etagenzimmer sind für gewisse private Vermieter*innen ein durchaus interessantes Geschäftsmodell: Schliesslich lassen sich durch die Aufteilung einer Wohnung in mehrere Einheiten die Einnahmen multiplizieren. Am Beispiel von Schraners WG wird das deutlich. Er selbst zahlt für sein Zimmer 1060 Franken pro Monat. Die Mietkosten seiner Mitbewohner seien jeweils um 10 Franken tiefer. Rechnet man zusammen, bezahlen die drei total stolze 3160 Franken für eine gammlige Dreizimmerwohnung. Für diesen Betrag liesse sich anderswo ein Einfamilienhaus mit Garten, im Zürcher Stadtzentrum zumindest eine gehobene, geräumige Wohnung mieten. Dem Vernehmen nach sind auch die anderen drei Etagen des Hauses an jeweils mehrere Personen vermietet – und im Estrich haust ein weiterer Mieter.

Schraner zieht von seinem mit WC-Papier, EnergyDrinks, Aromat, Haarbürste und Videospielen vollgestellten Schreibtisch einen Zettel hervor, der einige Brandflecken aufweist. «Mietvertrag für möblierte Einzelzimmer», steht darauf. Als Vermieterin ist eine Privatfrau aus der Stadt eingetragen, wobei diese gemäss Schraner den Hörer bei seinen Anrufen stets an ihren Mann weitergibt – einen Unternehmer, der gemäss Handelsregister Firmen in der Kosmetik-, Limousinen- und Luxusgüterbranche betreibt.

 

Profitieren von Menschen in Not

Unterzeichnet worden ist das Schreiben am 16. Januar 2020, frühestens kündbar nach einem Jahr. Schraner könnte jetzt also umziehen, und das ist auch sein Ziel. «Ich will so schnell wie möglich weg hier», sagt er. Das ist auch der Grund, warum er kein Problem damit hat, mit richtigem Namen Auskunft zu geben – im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen, die von ihren Vermieter*innen abhängig sind. Zu gross ist die Sorge vor Repressalien. Erfahrungen aus Basel zeigen, dass Mieter*innen, die den Mietvertrag bei der Schlichtungsstelle anfechten, oft bedroht, unter Druck gesetzt und genötigt werden, ihre Anträge zurückzuziehen. Und in Zürich weist man darauf hin, dass der ausgetrocknete Wohnungsmarkt die Klient*innen des Sozialamts «stark benachteiligt». Kurz: Wer arm oder süchtig ist oder keine lupenreine Vergangenheit hat, hat es auf dem freien Wohnungsmarkt schwer; zumindest in Zentrumsnähe, wo die Wohnungspreise stark angezogen haben. Schraner aber wäre auch bereit, in die Agglomeration zu ziehen. «Für eine einigermassen normale Wohnung», wie er sagt.

Kasse machen mit Menschen in Not? Das geht. «Menschen am Rand der Gesellschaft stellen keine Fragen, wenn es um den Zustand der Wohnung geht. Das kommt den Vermietern gelegen», sagt Walter Angst vom Zürcher Mieterverband. Zwar könnten Mieter wie Schraner klagen. «Wir helfen ihnen auch dabei.» Gemäss Angst sei für die Reparatur der Waschmaschine beispielsweise eine Frist von zwei Wochen angemessen. Falls nichts passiert, könnte der Mieter eine Mietreduktion in Höhe der Kosten für den Waschsalon verlangen – bei Schraner sind dies rund 40 Franken alle zwei Wochen. Jedoch: Kommt es zum juristischen Streit, braucht es Beweise. Oder anders gesagt: Schraner müsste nicht nur nachweisen können, dass die Maschine seit einem Jahr nicht mehr funktioniert. Sondern auch, dass der Vermieter genauso lange Bescheid weiss. Konkret müsste er also eingeschriebene Briefe schicken – nicht gerade die bevorzugte Korrespondenz im Milieu. «Das Mietrecht ist nicht für solche Situationen gemacht», sagt Angst dazu.

Schraner lebt von der Sozialhilfe. Die Miete bezahlt er selbständig mit dem Geld, das ihm das Sozialamt per Check überweist. Allerdings genügt das nicht. Sein Vermieter verlangt mehr. In Zürich bezahlt das Sozialamt maximal 1100 Franken für eine Wohnung. Wenn es sich wie bei Schraner um ein Etagenzimmer mit Gemeinschaftsbad und -küche handelt, sind es nur 900 Franken. Schraner legt also obendrauf – das Geld zweigt er von den 920 Franken Grundbedarf ab, die er zur Deckung seiner Lebenskosten erhält. Jeden Monat landen so 160 Franken, die eigentlich für Schraners Essen, seine Kleider und weitere persönliche Dinge vorgesehen sind, in den Taschen eines privaten Vermieters. Dass sich dieser seinen Gewinn staatlich subventionieren lässt, ist dabei kein Einzelfall (siehe Beitext).

Beim nächsten Treffen bietet Schraner dem Journalisten und dem Fotografen einen Energy-Drink an. Er selber dreht sich eine Zigarette, dann sagt er: «Komm, ich zeige euch etwas.» Er steigt die steilen Treppen hinauf in den Dachstock. Die Tür steht offen, in den drei miteinander verbundenen Räumen dahinter herrscht Chaos: Kisten und Abfall stapeln sich, der Verputz bröckelt von den Wänden, von der Decke hängen lose Drähte. Es ist dunkel und staubig, kleine Dachfenster sind die einzigen Lichtquellen im Raum. Zwei Hemden baumeln wie Fremdkörper von der Decke. Der Estrich verfügt weder über eine Küche noch über eine Toilette, geschweige denn über eine Dusche. Dass hier aber jemand lebt, das lässt ein Bett vermuten und ein zerfetztes Tuch, welches das schräge Fenster im «Schlafzimmer» abdunkelt. An den Wänden hängen zudem unzählige Notizzettel.

«Hier wohnt ein Kollege von mir, der auch lange im Knast war», erzählt Schraner. «Wir kennen uns seit dreissig Jahren.» Gemäss Schraner soll der Mann für die «Zweizimmerwohnung» 1450 Franken pro Monat bezahlen und sein Geschäft «in die Flasche» verrichten. Elektrizität gibt es zwar. Doch weil der Strom immer wieder mal ausfalle, ziehe der Mann Verlängerungskabel von Schraners WG über die steilen Treppen hoch nach oben. Schraner erzählt weiter, dass der Kollege den Vermieter verklagen wolle. Der Kollege selbst war bei mehreren Rechercheterminen nie zuhause. Offenbar verbringt er die meiste Zeit auf der Gasse. Ob nun mit oder ohne Mietvertrag, legal oder nicht: Schnell wird klar, dass es sich hier oben nicht ansatzweise menschenwürdig leben lässt.

Schraners Zimmer ist im Vergleich dazu gemütlich. Er stört sich vor allem an den hohen Kosten. «1060 Franken, das ist eine Frechheit.» Ihn plagen Geldsorgen. Weil er einen Teil seines Sozialgeldes dem Vermieter abtreten muss, bleiben ihm pro Tag nach Abzug aller Fixkosten nur rund 20 Franken zum Leben. Demnächst muss er wegen Bussen der SBB erneut für einen Kurzaufenthalt ins Gefängnis. Schraner wirft einen ungeöffneten Brief der Mobiliar-Versicherung auf den Tisch. Er weiss, was sich im Couvert befindet: eine Rechnung über 180 Franken für die Jahresprämie der Versicherung. Schraner liess die Rechnung liegen, dafür kaufte er seinem Sohn zu Weihnachten neue Kopfhörer.

Kürzlich hätte er die Versicherung gut gebrauchen können. Leute aus dem Milieu, die eine Rechnung mit ihm offen hatten, schlugen die Zimmertür ein, verpassten ihm eine und nahmen ihm Handy sowie Portemonnaie ab. Seither hat Schraner kein Telefon mehr. Wer ihn besucht, steht vors Haus und ruft laut seinen Namen – Schraner hat das Fenster stets einen Spalt breit offen (die Türklingel ist kaputt). Muss er selbst dringend jemanden erreichen, leiht er sich ein Handy oder läuft zur Telefonkabine. Die Geschichte mit dem Überfall ist auch der Grund, warum Schraner seine Zimmertür mithilfe einer Kartonkiste sowie eines Holzstücks zusperrt, das er zwischen Tür und Schrank klemmt.

Man merkt Schraner an, dass er einen Grossteil der letzten zwei Jahrzehnte im Gefängnis verbracht hat. Kleine, alltägliche Aufgaben werden zu schweren Problemen, die er dann tagelang vor sich herschiebt. Der Schritt in die Freiheit ist gross. Schraner wirkt müde, gezeichnet von einem Leben, das von der Sucht bestimmt wurde. Vor einigen Wochen teilte ihm die Sozialarbeiterin mit, dass seine Mutter gestorben sei. Gehört hatte er von ihr seit Jahren nicht mehr. Auch wo seine Schwester ist, weiss Schraner nicht. Nur zu seiner Ex-Frau und den beiden Kindern hat er sporadisch Kontakt. Vor einiger Zeit erfuhr der 54-Jährige, dass er an Schilddrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium leidet, die Ärzte sind wenig optimistisch. «Noch vier Jahre», sagt er und dreht sich eine weitere Zigarette. Dann nimmt er einen Schluck Wodka, setzt sich fürs Foto aufs Bett, auf dessen Rand sich Bücher stapeln. Viele Nächte verbringt er mit Lesen, Trinken und Rauchen. Hin und wieder holt er sich Nachschub aus der Küche. Dann begegnen ihm die Kakerlaken. Und er weiss, dass er das bisschen Zukunft in Freiheit, das ihm bleibt, auf keinen Fall an diesem Ort verbringen will.

 


Städte werden aktiv

Das Problem ist in verschiedenen Schweizer Städten unter dem Stichwort Gammelhäuser bekanntgeworden: Private Vermieter*innen, die Wohnungen in katastrophalem Zustand zu horrenden Mieten an Menschen in prekären Lebensumständen vermieten. Meistens handelt es sich um sogenannte Etagenzimmer mit Gemeinschaftsbad und -küche. In vielen Fällen verlangen die Vermieter*innen exakt jenen Betrag, den die Städte ihren Sozialhilfebezüger*innen als Mietkosten maximal bezahlen. Sowohl in Zürich als auch in Basel schlug das Thema in den letzten Jahren medial und politisch hohe Wellen.

In der Stadt Zürich sorgten besonders schlecht unterhaltene Liegenschaften an der Neufrankengasse für Schlagzeilen. Die Behörden intervenierten, worauf der Vermieter wegen Wucher verurteilt wurde, die Stadt die Häuser kaufte und ein Angebot für begleitetes Wohnen einrichtete. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, erstellte die Stadt eine Liste mit Problemliegenschaften. Darauf befänden sich derzeit 36 Liegenschaften, wie Heike Isselhorst, Sprecherin des Sozialdepartements, sagt. Mit Gesprächen und Begehungen vor Ort versucht das Amt, für «menschenwürdige und hygienisch einwandfreie Unterkünfte» zu sorgen. Kooperieren die Vermieter*innen nicht, helfe man auch bei mietrechtlichen Schritten. Gemäss Isselhorst gibt es Zustände wie damals an der Neufrankengasse heute nicht mehr. «Diese würden auch nicht mehr toleriert.»

Einen interessanten Weg hat Basel eingeschlagen. Nachdem vor einigen Jahren Fälle von Gammelhäusern für Empörung gesorgt hatten, nahm die Stimmbevölkerung 2018 vier Initiativen zum Wohn- und Mieterschutz an, darunter «Recht auf Wohnen». Als Folge davon bewilligte der Regierungsrat 2019 ein auf dreieinhalb Jahre beschränktes Pilotprojekt: er schuf eine «Koordinationsstelle für prekäre Wohnverhältnisse». Deren explizites Ziel ist es, «vulnerable Personen» (neben Sozialhilfebezüger*innen auch armutsbetroffene, süchtige oder mehrfach kranke Menschen sowie Flüchtlinge) davor zu schützen, unter «menschenunwürdigen Bedingungen» leben zu müssen.

«Die wichtigste Botschaft an die Eigentümer*innen von Problemliegenschaften ist, dass ihr bisheriges Geschäftsmodell nicht mehr akzeptiert wird. Gleichzeitig wird auf Kooperation gesetzt», sagt Amina Trevisan, Leiterin der Koordinationsstelle Prekäre Wohnverhältnisse. In den letzten eineinhalb Jahren seien über 130 Meldungen eingegangen, derzeit befänden sich rund 60 Liegenschaften unter Aufsicht. Nach zahlreichen Gesprächen mit Vermieter*innen hat die Stadt nun eine neue Lösung ausgearbeitet, von der alle Seiten profitieren sollen. Die Vermieter*innen sollen eine Mietzinsreduktion für alle Mieter*innen gewähren, korrekt verrechnete Nebenkosten offenlegen sowie die hygienischen, baulichen und feuerpolizeilichen Vorschriften einhalten. Als Gegenleistung bietet das Sozialamt eine Art «sozialen Hauswart» an – eine niederschwellige, für beide Seiten kostenlose Wohnbegleitung im Haus. Diese soll einerseits die Wohnverhältnisse im Haus verbessern. «Andererseits bietet es eine Entlastung für die Vermieter*innen im Umgang mit Menschen mit einer Suchtproblematik.» Die Reaktionen der Eigentümer*innen auf den Vorschlag würden unterschiedlich ausfallen, so Trevisan. Von bislang acht angefragten Eigentümer*innen hätten drei dem Vorschlag zugestimmt.