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Die Sozialzahl
Gefragte Arbeit, tiefe Löhne: ein Paradox?

Eben sind die Zahlen der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung (LSE) für das Jahr 2020 erschienen. Demnach beträgt der mittlere Monatslohn für eine Vollzeitstelle brutto 6665 Franken. Die Hälfte der Erwerbstätigen verdient auf eine 100-Prozent-Stelle gerechnet mehr, die andere Hälfte weniger als der Medianlohn. Von einem Tieflohn ist dann die Rede, wenn dieser weniger als zwei Drittel des Medianlohns beträgt. Wer nicht mehr als 4443 Franken brutto im Monat verdient, gehört zu den 491 900 Tieflohnbeziehenden in der Schweiz. Nicht ganz zwei Drittel sind Frauen.

10,5 Prozent aller Stellen bei der öffentlichen Hand und in der Privatwirtschaft sind Tieflohnstellen. Der Anteil der Tieflohnstellen variiert nach Branchen und Wirtschaftszweigen erheblich. Wenig Tieflohnstellen finden sich im 2. Sektor, also in der Industrie und Bauwirtschaft. Hier gibt es nur einige, eher unbedeutende Branchen wie etwa die «Herstellung von Bekleidung» oder die «Herstellung von Leder, Lederwaren und Schuhen», die Anteile von über 30 Prozent aufweisen. Häufiger anzutreffen sind Tieflohnstellen im 3. Sektor, also bei Dienstleistungen. Rund die Hälfte aller Erwerbstätigen im Segment der «sonstigen persönlichen Dienstleistungen» (Coiffeurbetriebe, Wäschereien, Kosmetiksalons, Bestattungsinstitute etc.), des Gastgewerbes und der Hotellerie arbeitet für Tieflöhne, rund ein Fünftel der Angestellten in der Luftfahrt und im Detailhandel muss sich ebenfalls mit einem tiefen Lohn zufriedengeben.

Schaut man sich diese Branchen an, fällt zweierlei ins Auge. Auf der einen Seite werden hier Dienstleistungen erbracht, die durchaus gefragt sind. Gerade die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig ein auswärtiges Essen oder Ferien in einem Hotel sind. Auch auf den Friseur möchte kaum jemand verzichten. Auf die Bedeutung, den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln und Getränken decken zu können, muss gar nicht besonders hingewiesen werden. Auch das Fliegen gehört heute zu den Dienstleistungen, die ohne viel Aufhebens regelmässig in Anspruch genommen werden.

Trotz der Nachfrage nach solchen Dienstleistungen halten sich die Tieflöhne dennoch hartnäckig in diesen Wirtschaftszweigen, wie Langzeitdaten zeigen. Drei Gründe lassen sich anführen, um dieses Paradox aufzulösen. Der erste zielt auf das Überangebot in diesen Branchen; der intensive Wettbewerb verhindert höhere Preise und damit bessere Löhne. Der zweite Grund ist die Arbeit selbst, die oft ohne grosse berufliche Vorkenntnisse erbracht werden kann. Entsprechend finden sich in diesen Marktsegmenten viele Personen, die sich um solche Stellen bewerben. Schliesslich ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering und die Sozialpartnerschaft funktioniert schlecht.

Tiefe Löhne sind einer der wichtigsten Gründe, warum es Working-poor-Haushalte gibt. Sie werden vom Sozialstaat mit Beiträgen zur Krankenversicherung, Mietzinszuschüssen und Sozialhilfeleistungen unterstützt. So wichtig diese materielle Hilfe ist, letztlich stellt sie eine Art von Subvention für die Tieflohnbranchen dar.