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Schulden-Serie 3: Wohlstand dank Schulden
Grünes Wachstum – ein Mythos?

Dank Schulden wächst die Weltwirtschaft und damit unser Wohlstand. Kann das ewig so weitergehen? Für Wachstumskritiker*innen spricht eines dagegen: unser Planet.

Momentan haben wir keine Wahl: Die Wirtschaft muss wachsen. Andernfalls machen Unternehmen weniger Gewinn und müssen sparen. Sie kaufen weniger bei Lieferanten ein, worauf auch die seden Gürtel enger schnallen müssen. Beide entlassen Angestellte. Das stellt einerseits den Staat vor Probleme. Denn am Erwerb hängen die Renten und Sozialversicherungen. Andererseits trifft es die Menschen direkt: Sie haben weniger Geld, konsumieren weniger, die Gewinne sinken weiter.

«Ohne Wachstum gerät die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale», sagt Ökonom Mathias Binswanger von der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er hat das Buch «Der Wachstumszwang» geschrieben. Es zeigt, dass wir uns zu immer mehr Konsum verpflichtet haben. Dabei seien unsere grundlegenden Bedürfnisse längst gedeckt, führt Binswanger im Gespräch aus. Über mehrere Jahrzehnte habe uns Wachstum glücklicher gemacht, weil es uns mehr Wohlstand und Wohlbefinden gebracht habe. Doch in den westlichen Ländern sei das vorbei, wie die Glücksforschung zeige. «Wir brauchen heute nicht noch mehr Konsum, weil uns das glücklicher machen würde. Sondern damit die Wirtschaft nicht einbricht.»

Wachstum gilt als Garant für Wohlstand und sozialen Frieden. Doch das könne nicht ewig so weitergehen, argumentieren Wachstumskritiker*innen. «Unendliches Wachstum auf der Basis von endlichen Ressourcen ist eine Illusion», sagt Thomas Schneeberger von Décroissance Bern, einem Vertreter der Degrowthoder Postwachstumsbewegung (siehe Box). «Wir betreiben einen rücksichtslosen Missbrauch an unserem Planeten.» Und einer der Vordenker der Bewegung, der britische Ökonom Tim Jackson, schreibt in seinem Buch «Wohlstand ohne Wachstum»: «Unsere gesamte Wirtschaftsordnung baut auf ewigem Wachstum auf – aber nun brauchen wir einen anderen Motor.»

Müssen wir wirklich unser ganzes System umkrempeln, um den Klimakollaps abzuwenden? Oder wäre es auch möglich, lediglich die Stellschrauben auf ein nachhaltigeres, «grünes» Wachstum umzustellen? In dieser Frage sind die Kritiker*innen des jetzigen Systems uneins: Schneeberger von Décroissance Bern ist überzeugt, dass es einen umfassenden Systemund Kulturwandel braucht. Wir müssten grundsätzlich wegkommen vom «Immer mehr»: «Konsum wird mit Lust verbunden. Dabei kann auch Verzicht lustvoll sein.» Als Beispiel nennt er Reparieren und Teilen statt Wegwerfen und Neukaufen. «Elektronikgeräte sind heute darauf ausgelegt, dass sie nach einer Weile kaputtgehen – damit wir wieder neue kaufen müssen.» Das sei mit Blick auf den Umgang mit den Ressourcen unserer Erde «Schwachsinn». Dass es auch anders gehe, wolle man im Kleinen zeigen. Er selbst helfe beispielsweise in einem Repair-Café aus.

Ökonom Binswanger hingegen glaubt nicht, dass solche Projekte das System grundlegend verändern könnten. «Das ist reine Utopie.» Überhaupt gebe es keinerlei Anzeichen für einen Wandel. «Nichts wächst beständiger als der Konsum.» Binswanger führt aus, dass selbst Nischen wie zum Beispiel genossenschaftlicher Gemüseanbau nur funktionierten, weil sie aus der Wirtschaft quersubventioniert würden. Das heisst, dass dort Menschen einkaufen, die ihr Geld auf traditionelle Art und Weise verdienen. «Die Degrowth-Bewegung vernachlässigt die Dynamik der Wirtschaft, die vom Wachstum abhängig ist», so Binswanger.

Das ist indes auch Schneeberger bewusst. Neben persönlichem Verzicht brauche es auch grosse politische und gesellschaftliche Reformen, sagt er. «Wir haben kein pfannenfertiges Rezept, wie eine Postwachstumsgesellschaft aussehen soll. Wir sehen unsere Aufgabe zuerst darin aufzuzeigen, dass es mit dem Wachstum nicht ewig weitergehen kann. Solange der Patient die Diagnose nicht akzeptiert, wird er auch das Medikament nicht akzeptieren.» Reparatur-Cafés oder gemeinsamer Gemüseanbau sind für ihn eher Leuchtturm-Projekte, an denen man sich orientieren kann, wie Alternativen zur Konsumwirtschaft aussehen könnten.

 

«Die Natur ist zu günstig»

Tatsächlich sind Konsum und Wachstum heute grundlegende Teile unseres Wirtschaftssystems. Das macht es schwierig, sich ein anderes Wirtschaften überhaupt vorzustellen. Genau das aber hat Irmi Seidl getan. Die Ökonomin der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) sagt: «Wir haben unsere Systeme so gebaut, dass sie vom Wachstum abhängig sind.» Nun würden diese an ihre Grenzen stossen. Neue Technologien ermöglichen zwar eine höhere Produktivität und machen damit Wirtschaftswachstum möglich. Sie ersetzen aber auch Angestellte, beispielsweise die Kassierer*innen im Supermarkt. Damit in der Folge die Arbeitslosigkeit nicht steigt, braucht es wiederum Wachstum. Die Wachstumsspirale dreht sich also permanent.

Die Herausforderung bestehe darin, die Wirtschaft so umzugestalten, dass wir nicht mehr vom Wachstum abhängig sind, sagt Seidl. In ihrem Buch «Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft» macht die Ökonomin konkrete Vorschläge. Einer der wichtigsten: die Erwerbsarbeit reduzieren und stattdessen andere Tätigkeiten wie Freiwilligenarbeit fördern. «Menschen sind vielfältige Wesen, die sich durch verschiedenes Tätigsein entfalten, nicht nur durch Erwerbsarbeit», sagt Seidl. Und das liebe Geld? Damit auch Menschen mit tiefen Einkommen über die Runden kommen, brauche es einen Lohnausgleich. Und da auch der Staat heute von den Löhnen lebt, müssten für die Steuern andere Quellen angezapft werden. Seidl nennt Umwelt-, Erbschafts-, VermögensFinanztransaktionsoder Unternehmenssteuern.

In Bezug auf die Frage, ob wir nicht auch nachhaltiger, grüner wachsen könnten, ist Seidl pessimistisch. Solange die Preise für Konsumgüter die ökologischen Kosten nicht widerspiegeln, sei es kein Wunder, dass wir nicht nachhaltig konsumieren. «Die Natur ist zu günstig. Energie und Rohstoffe haben als solche keinen Preis. Wir bezahlen lediglich für die Förderung, den Transport und Handel sowie die Profite.» Statt der Arbeit sollten wir die Ressourcen besteuern, fordert Seidl. Doch die Politik verhindere eine (unter Ökonom*innen unbestrittene) ökologische Steuerreform seit vierzig Jahren. «Mit dem Argument, dass zusätzliche Steuern das Wirtschaftswachstum schmälern.»

Weniger Ressourcen, mehr Wohlstand?

Dass in ihrem Konzept einer nachhaltigeren Wirtschaft ein gewisser Verzicht dazugehört, daraus macht Seidl keinen Hehl. Sie sagt aber auch: «Neue Konsummuster werden uns bereichern.» Man kann zum Beispiel einen Kühlschrank reparieren statt ihn ersetzen, wenn die Tür kaputt ist; Kleidung mehr als fünfmal waschen, ohne dass sie die Form verliert; die Batterien an einem Bergbach aufladen statt übers Wochenende nach Mallorca hetzen. Seidl stört sich am Wort Verzicht, sie spricht lieber von veränderten Konsummustern. Solche würden sich durch veränderte Preise automatisch einstellen und uns nicht unglücklicher machen. Sie erklärt dies am Beispiel des Smartphones: Sobald wir für die zur Herstellung notwendigen seltenen Erden bezahlen müssten, würde der Preis der Geräte in die Höhe schnellen. Womöglich würden wir unser Geld dann eher für anderes ausgeben, das relativ gesehen günstiger sei, uns aber ebenfalls gut täte (z.B. Coiffeur, Massage, Kultur). Falls wir uns das Gadget doch leisten möchten, könnten wir das, da wir weniger von unserem Einkommen abgeben müssten (da die Steuern auf Arbeit sinken würden, dafür z.B. jene auf Kapital steigen). Und quasi als schöner Nebeneffekt würden Reparaturen von Smartphones plötzlich wieder attraktiv.

Ob es auch ohne einen derart drastischen Konsumwandel ginge, hängt stark an einer Frage: Ist es möglich, dass die Wirtschaft wächst und der Ressourcenverbrauch gleichzeitig sinkt? Im besten Fall auf netto null? In Fachkreisen wird auch von einer «Entkopplung» von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch gesprochen. Ob das möglich ist, darüber wird heftig gestritten. Tatsächlich gibt es zwar zahlreiche Beispiele dafür, dass die Wirtschaft aus weniger Ressourcen mehr Wohlstand generieren kann. Beispielsweise verbrauchen Autos mit Verbrennungsmotor etwas weniger Benzin als früher. Allerdings sind immer mehr Autos unterwegs, weswegen wir zunehmend mehr Treibstoff verbrauchen. Ähnliche «Rebound-Effekte», wie man sie in der Fachsprache nennt, werden auch in anderen Bereichen beobachtet. «Weil der Konsum der Menschen steigt, ja gemäss Wachstumslogik steigen muss, werden die Effizienzgewinne überkompensiert», sagt Seidl. Anders gesagt: Zwar werden Technologien tatsächlich nachhaltiger, jedoch wiegt dies unseren Mehrkonsum nicht auf.

Einige internationale, gross angelegte Studien kommen darum zu einem ernüchternden Schluss: Nur eine relative Entkopplung ist möglich, nie aber eine absolute. Das heisst: Zwar kann es sein, dass der Ressourcenverbrauch weniger stark wächst als die Wirtschaft. Um den Klimakollaps abzuwenden, sagen Expert*innen, müssten wir aber unseren Verbrauch deutlich reduzieren. Dass dies möglich ist, während die Wirtschaft weiterwächst, dafür gibt es wenige Indizien. Es gibt aber Ausnahmen, die etwas Hoffnung machen: Im Schweizer Wohnungswesen beispielsweise verbrauchen wir jedes Jahr wegen isolierter und effizienterer Heizungen rund ein Prozent weniger Energie – und dies trotz Zunahme der Wohnfläche.

Für Seidl ist klar: «Wenn wir die Umwelt nicht an die Wand fahren wollen, müssen wir den Ressourcenverbrauch deutlich reduzieren.» Sie plädiert für gesetzlich verankerte feste Grenzen in Bereichen wie CO2, bebaute Fläche oder Metalle – wie sie es in der Schweiz etwa für Waldoder Fruchtfolgeflächen bereits gibt. Ökonom Binswanger sieht zwar «erhebliches Potenzial» in der grünen Wirtschaft, also in den Versuchen zur Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch. Aber auch er glaubt nicht, dass grünes Wachstum die einzige Antwort auf das Umweltproblem sein kann. «Wenn wir beispielsweise komplett auf Elektromobilität umstellen, haben wir zwar keine CO2-Emissionen mehr, müssen uns aber fragen, woher wir den ganzen Strom nehmen, das Material, die Panels, die Windkraftanlagen.» Auch er ist darum überzeugt: «Wir müssen die Wirtschaft anders ausrichten. Wir brauchen eine Mässigung des Wachstums.» Statt zwei bis vier Prozent könnte das vielleicht ein Prozent sein.

Wir müssten uns also aus der Schlinge befreien, die wir uns selbst um den Hals gelegt haben: den Zwang zum Wachstum. In seinem Buch skizziert Binswanger dafür Vorschläge. Beispielsweise plädiert er für eine andere Organisation von Unternehmen. «Solange Unternehmen an der Börse kotiert sind, stehen sie unter Druck, höhere Gewinne zu erzielen.» Eine alternative Rechtsform wäre die Genossenschaft, die auch andere, nicht-monetäre Zwecke verfolgen kann. Sie eigne sich eher für kleine und mittelgrosse Firmen, so Binswanger. Bei grösseren Unternehmen sieht Binswanger ein Potenzial in Aktiengesellschaften, die Aktien nur mit bestimmten Laufzeiten ausgeben. Dies würde verhindern, dass permanent auf kurzfristige Kursgewinne spekuliert wird.

Der Staat könnte das Wachstum aber auch sehr direkt eindämmen: etwa indem die Notenbank die Zinsen erhöht. Abwegig ist das nicht: Schliesslich tut sie genau das heute schon, falls das Risiko einer Inflation besteht. «Es wurde also erkannt, dass es sich bei gewissen Risiken lohnt, notfalls auf Wachstum zu verzichten», so Binswanger. «Diese Überlegung lässt sich auch auf Umweltrisiken übertragen.» Man kann sich auch fragen: Wenn wir auf Konsum und ein gewisses Mass an Wohlstand verzichten müssen, um unseren Planeten zu retten: Ist das denn schlimm? Auch dazu gehen die Meinungen auseinander. Die Pandemie wird dabei als Praxisbeispiel herangezogen. Eine NZZ-Kolumnistin sah in der «CoronaMüdigkeit» just den Beweis dafür, dass Verzicht auf Arbeit und Konsum ungewollt und «gegen die menschliche Natur» sei. Schneeberger von Décroissance Bern wiederum sagt: «Die Corona-Zeit hat auch gezeigt: Niemand ist gestorben an einem Mangel an Konsum. Es war aushaltbar.»


Soziale Bewegung im Aufwind

Degrowth oder Décroissance («Entwachstum») ist die Bezeichnung für eine soziale Bewegung, die das Wirtschaftswachstum kritisiert. Sie entstand in den 1970er-Jahren in Frankreich. Als erste hatte die gemeinnützige Organisation Club of Rome mit ihrem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» vor den katastrophalen Folgen eines unbeschränkten Wirtschaftswachstums für Ökologie und Gesellschaft gewarnt. Im deutschsprachigen Raum ist die wachstumskritische Bewegung seit einigen Jahren im Aufwind. Eines ihrer prominentesten Aushängeschilder ist der deutsche Wirtschaftsprofessor Niko Paech. Auch in der Schweiz entstanden vereinzelte Gruppen, etwa in Bern und Basel.