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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

All Inclusive
Hunger Games

In anderen Ländern gehören Crowdfunding-Aktionen von schwerkranken Menschen zum Alltag. Betroffene – oder deren Angehörige – müssen für eine teure medizinische Behandlung Spenden sammeln, weil sie keine Krankenversicherung haben. Das Prinzip beim Crowdfunding ist so einfach wie brutal: Wer zu wenig Mitleid erregt, bekommt nicht genügend Geld und stirbt. Die jungen sympathischen Eltern, die Fotos ihres herzkranken Babys in den sozialen Medien teilen, haben gute Chancen. Der ältere alleinstehende Mann mit einer Krebserkrankung, aber ohne Internetkenntnisse hingegen hat weniger gute Karten.

Da in der Schweiz die Krankenversicherung obligatorisch ist, sind solche Crowdfunding-Aktionen hierzulande eher selten. Umso mehr bewegte kürzlich die Spendenaktion für eine junge Frau das ganze Land. Die 31-jährige Doktorandin leidet seit ihrer Geburt an einer fortschreitenden Muskelerkrankung. Sie kann mittlerweile nur noch den linken Zeigefinger bewegen und das Sprechen fällt ihr schwer. Ein neu entwickeltes Medikament könnte das Fortschreiten der Krankheit stoppen und im besten Fall ein wenig der verlorenen Muskelkraft zurückbringen. Ohne Behandlung schreitet die Muskellähmung weiter voran, und die Frau stirbt. Da das entsprechende Medikament noch nicht zugelassen ist und zudem 600 000 Franken kostet, lehnte die Versicherung die Kostenübernahme ab. Das Schicksal der jungen Frau berührte viele Menschen. Innert kurzer Zeit war das benötigte Geld zusammen. Nicht zuletzt auch wegen eines Politikers, der 100 000 Franken spendete. Er tat das nicht anonym und liess dazu im Interview mit der Aargauer Zeitung verlauten: «Es kann nicht sein, dass die Schweiz jährlich mehrere Milliarden Franken für Entwicklungshilfe und für die Asylindustrie ausgibt und dann Menschen im eigenen Land im Stich lässt.»

Der betreffende Nationalrat weiss natürlich ganz genau, dass eine Krankenkasse keine staatliche Institution, sondern ein nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführtes Unternehmen ist. Als solches ist eine Krankenkasse zum einen gewinnorientiert und hat zum zweiten mit staatlichen Aufgaben wie der Entwicklungshilfe überhaupt nichts zu tun. Das Geld erhält auch nicht die Patientin, sondern die Pharmafirma, die das exorbitant teure Medikament verkauft. Der Politiker hätte versprechen können, dass er sich künftig gegen zu hohe Medikamentenpreise einsetzen wird. Denn darauf kann der Staat, oder genauer gesagt das Bundesamt für Gesundheit, tatsächlich einen gewissen Einfluss nehmen. Das hat der Nationalrat aber nicht getan.

Er hat die Gelegenheit stattdessen genutzt, um eine ganz andere Message zu verbreiten. Der Politiker stellte es so dar, als ob die Hilfe für eine bestimmte Gruppe von Menschen – eine anonyme «Masse» von Ausländern – der direkte Grund dafür sei, dass eine konkrete Person – eine Schweizerin – keine Unterstützung erhält. Und er impliziert damit, dass man ihr helfen sollte, aber anderen Menschen nicht. Man wagt sich kaum vorzustellen, wie die Spendensammlung ausgegangen wäre, wenn die Frau keinen typischen Schweizer Namen tragen würde oder ihre Haut nicht weiss wäre. Oder wenn sie kein persönliches Umfeld gehabt hätte, das sowohl einen professionellen Webauftritt erstellen als auch die ganze Pressearbeit hatte leisten können.

Die Partei, welcher der grosszügige Spender angehört, hat übrigens in ihrem kürzlich vorgestellten Parteiprogamm skizziert, dass der Professionalisierung im sozialen Bereich energisch entgegenzutreten sei. Stattdessen sollten Hilfebedürftige vermehrt auf die Unterstützung der Familie oder von Vereinen, Kirchen und Unternehmen zurückgreifen.

Konkret: Hilfe soll nicht mehr bekommen, wer sie benötigt, sondern wer – private – Spender am besten davon überzeugen kann, dass er der Hilfe würdig ist.

Willkommen bei den Hunger Games.

Marie Baumann, erschienen in Surprise Nr. 445