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STRASSENVERKÄUFER*INNEN
«Ich bin ein Kämpfer und Optimist»

Heini Hasler, 62, verkauft in Chur, Davos, Schaffhausen und Zürich Surprise und war schon mal Olympiasieger im Eiskunstlaufen.

«Unfälle scheinen mich zu verfolgen. Vor Kurzem bin ich bei meiner Arbeit in der Pferdepflege von einer Leiter gefallen und habe mir den Ellbogen gebrochen. Ich war fünf Tage im Spital, die Ärzte mussten meinen Arm mehrere Stunden zusammenflicken. Wenige Tage später erlitt ein guter Freund von mir während eines gemeinsamen Spaziergangs einen Schlaganfall. Das schlimmste Erlebnis in meinem Leben war jedoch, als ich im Alter von vier Jahren zusehen musste, wie ein zweijähriges Kind von einem Lastwagen überrollt wurde. Dieses Trauma werde ich wahrscheinlich nie überwinden können. Etwa zur gleichen Zeit begannen meine epileptischen Anfälle. Heute habe ich zwar keine Anfälle mehr, ich musste aber viele Jahre behandelt werden. Wenn ich nicht aufpasse, können die Anfälle jederzeit zurückkommen. Doch solche Schicksalsschläge haben mich auch zu dem gemacht, was ich heute bin: Heini Hasler, ein Kämpfer und Optimist.

Ich bin als eines von sieben Kindern im bündnerischen Domat/Ems aufgewachsen. Im Alter von vier Jahren begannen die epileptischen Anfälle und Absenzen. Dies brachte meine Familie in eine schwierige Situation. Mein Papa hatte mit seinem geringen Lohn keine Chancen, für die Spital- und Behandlungskosten aufzukommen. Hätte mein damaliger Churer Arzt nach einigen erfolglosen Behandlungsversuchen nicht insistiert, dass ich in der schweizerischen Epilepsie-Klinik untergebracht werde, wären meine Überlebenschancen gering gewesen. In den 1960er- und 1970erJahren waren die verschiedenen Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten bei uns im Bündnerland noch wenig bekannt und der Kanton war bezüglich der Invalidenversicherung eher restriktiv. Meinem Arzt verdanke ich es auch, dass meine Behandlung und Betreuung von der Invalidenversicherung übernommen wurde. Ohne deren Einsatz wäre mein Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen.

Nach über sieben Jahren Behandlung konnte ich mit sechzehn Jahren die Klinik verlassen und in einer Behindertenwerkstatt in Chur und Davos arbeiten. Im Jahr 1985 stieg ich in die Privatwirtschaft ein und habe seither alles Mögliche gemacht: Damenschneiderei, Autobranche, Sanitär, Stahlbau. Jetzt arbeite ich als Pferdepfleger und verkaufe das Surprise. Ich hätte sehr gerne eine Lehre als Schreiner absolviert. Leider hatte ich trotz grosser Anstrengungen Mühe mit Lesen und Schreiben. Dafür konnte ich ganz viele unterschiedliche Berufe kennenlernen. Auch meine neue Stelle bei Surprise gefällt mir gut. Ein Freund hatte mir immer wieder von Surprise erzählt, doch ich habe gezögert, selbst einzusteigen. Eigentlich gefällt mir mein jetziger Job mit den Pferden sehr gut. Zudem bin ich für diese Firma seit siebzehn Jahren in unterschiedlichen Bereichen tätig und muss schauen, dass ich nicht zu viel arbeite. Doch mein Bedürfnis nach Abwechslung und neuen Herausforderungen hat dann doch überhandgenommen.

Herausforderungen suche ich auch im Sport. Als Eiskunstläufer habe ich zwei Mal an den Special Olympics teilgenommen. Bei meiner ersten Olympiade 2001 in Alaska gewann ich die Bronze-Medaille und habe dabei Altbundesrat Adolf Ogi kennengelernt. Ich erinnere mich noch genau, wie er sagte: ‹Für euch Sportler bin ich einfach dä Dölf.› Vier Jahre später gewann ich an den Special Olympics in Japan sogar Silber und Gold. Ich nahm auch am Murten-Lauf teil und gehörte zu den 2000 Sportler*innen, die das Rennen in der vorgegebenen Zeit von 1 Stunde und 58 Minuten schafften. Ich hatte unzählige Blasen, wollte aber nicht aufgeben. Danach wurde ich für das SRFSportpanorama interviewt. Sie wollten mal nicht Markus Ryffel porträtieren, sondern einen ‹Pechvogel›, der als Letzter in der vorgegebenen Zeit ins Ziel kam. Als Pechvogel würde ich mich selbst jedoch nicht bezeichnen, weder damals noch heute – dann eben eher als Kämpfer und Optimist.»