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Radomir, 28: «Ich bin von Kindsbeinen an ein Philosoph gewesen.» (Foto: Mathias Willi)

Magazin
«Ich stelle hohe Ansprüche an mich»

Radomir, 28, verkauft Surprise am Bahnhof Basel. Er fällt auf, weil er das Heft mit einer Art Performance anpreist. Mit seiner Arbeit unterstützt er eine Familie in Not.

«Ich habe schon als Baby mit dem Leben gerungen. Gleich nach der Geburt mussten mich die Ärzte ans Beatmungsgerät anschliessen. Auch heute ringe ich noch mit dem Leben, aber auf eine andere Art. Ich hinterfrage die Strukturen unserer Gesellschaft und die vielen Zwänge, denen wir uns unterwerfen. Es scheint heute allen so unglaublich wichtig, integriert zu sein: in den Arbeitsmarkt, die Familie, den Freundes kreis. Menschen, die anders sind, verurteilt die Gesellschaft – wie zum Beispiel mich.

Geboren wurde ich mitten in den Kriegswirren im damaligen Jugoslawien. Wir flüchteten in die Schweiz, aufgewachsen bin ich in der Umgebung von Zürich. Ich polarisierte schon als Kind – dass ich anders war, kam bei manchen Menschen nicht gut an. Doch es hat mich stärker gemacht, mich in meiner Eigenart behaupten zu müssen. Die Vergangenheit ist ohnehin die Vergangenheit. Für mich gibt es nur die Gegenwart und die Zukunft.

In der Gegenwart verkaufe ich Surprise. Seit über einem Jahr arbeite ich am Bahnhof Basel, und viele Menschen sagen, dass ich ihnen auffalle. Dabei mache ich nur das, was ein guter Verkäufer tun sollte: Ich preise das Magazin an. Ich tue das vielleicht auf eine unorthodoxe Art und Weise. Ich fasse den Inhalt des Magazins in prägnanten Worten zusammen, zeige das Heft den Leuten, werfe es in die Luft, jongliere, tänzle, lächle den Menschen zu. Das kommt bei vielen gut an.

Es gibt aber auch Menschen, die mich kritisieren und sagen, ich solle das Heft konventionell verkaufen. Jedem das Seine. Meiner Meinung nach braucht es eine Menge Kreativität und Ideen, um in meinem Job erfolgreich zu sein. Dafür gebe ich jeden Tag mein Bestes, denn ich verkaufe ein gut gemachtes Magazin, das Menschen, die nicht so gut in die Gesellschaft integriert sind, ein Auskommen und eine Heimat bietet. Zudem will ich mit meinem Auftreten dazu beitragen, dass die Menschen mehr Respekt vor uns Surprise-Verkaufenden haben. Ich glaube, dass mir das gelungen ist, wenigstens hier in Basel.

Ich bin ein sehr genügsamer Mensch, Materielles hat für mich nicht die erste Priorität. Den Grossteil meines Verdienstes verwende ich, um eine Familie zu unterstützen, die im Moment in finanzieller Not ist. Es verschafft mir ein gutes Gefühl, helfen zu können, aber es ist auch eine Belastung, weil ich weiss, dass andere von mir abhängig sind. Wenn ich einmal eine Stunde lang kein Heft verkaufe, spüre ich den Druck. Ich stelle hohe Ansprüche an mich. Was die Zukunft angeht, habe ich viele Ideen.

Eine davon ist, dass ich Schriftsteller werde. Eigentlich bin ich es bereits. Ich schreibe seit fünf Jahren, etwa drei Romane habe ich verfasst, aber ich bin noch nicht zufrieden damit. Ich will ein Werk schreiben, das alles vereint: Unterhaltung, Gesellschaftskritik, Fantasie, Detailtreue, Vielschichtigkeit, Authentizität. Es geht mir nicht einmal darum, das Buch zu veröffentlichen. Ich schreibe für mich. Das Faszinierende am Schreiben ist, dass so viel Ungeahntes, Neues entsteht, von dem ich oft selbst überrascht bin. Als ich mit dem Schreiben begann, dachte ich, mir mangle es an Kreativität. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin von Kindesbeinen an ein Philosoph gewesen.

Seit Kurzem schreibe ich auch für andere. Ein Kunde, dem ich von der Schriftstellerei erzählt hatte, hat mich gebeten, eine Geschichte für seine Enkelkinder zu verfassen. Ich habe zugesagt und bin gespannt, was dabei entsteht. Das einzige Problem ist, dass ich neben der Arbeit so wenig Zeit zum Schreiben habe.»