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Bild: Ruben Hollinger.

Strassenverkaufende
«Ich trug immer den Switzerland-Gürtel»

Lange Zeit verkaufte der Eritreer Teklu Berhe, 27, Surprise in Lyss. Neu steht er im Zentrum von Bern, weil er mit seiner Familie in die Nähe der Stadt gezogen ist.

«Ich bin in der Nähe von Asmara aufgewachsen, zusammen mit zwei Brüdern und fünf Schwestern. Meine Eltern sind Bauern, da ist es normal, dass wir Kinder auf dem Hof mithalfen, sobald wir laufen konnten. Mit dreizehn übernahm ich den Milchtransport in die Stadt. Die zwölf Kilometer nach Asmara legte ich jeden Morgen mit dem Velo zurück, zusammen mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft. Vor acht Uhr mussten wir alle beim Milchproduzenten sein. Ich lieferte jeweils dreissig, manchmal bis zu fünfzig Liter Kuhmilch ab. War das erledigt, fuhren wir ins Dorf zurück. Die Schule besuchten wir von zwölf bis siebzehn Uhr. Das war bei uns so organisiert, weil viele Kinder am Morgen den Eltern bei der Arbeit halfen.

Eines dieser Kinder war Ruta. Ich mochte sie sehr, aber als Fünfzehnjähriger hatte ich ausser Mädchen noch andere Sachen im Kopf. Mich beschäftigte die politische Situation in unserem Land und die Tatsache, dass ich ab achtzehn für unbestimmte Zeit Militärdienst leisten musste.

Wer abhaut und erwischt wird, kommt für lange Zeit ins Gefängnis. So ein Leben konnte ich mir nicht vorstellen. Deshalb ergriff ich bereits mit sechzehn zusammen mit einem Freund die Flucht. Unser Plan ging jedoch nicht auf, wir wurden noch vor der Grenze zum Sudan erwischt. Zum Glück waren wir noch unter achtzehn Jahren, so kamen wir nur drei Wochen ins Gefängnis.

Nach der Entlassung kehrte ich zu meiner Familie zurück und arbeitete zwei Jahre auf dem Hof, bis ich schliesslich den Nationaldienst doch antrat. Ich durch lief zuerst eineinhalb Jahre die militärische Ausbildung, dann war ich Soldat. Nach drei Monaten hielt ich es kaum mehr aus. Ich sah nur noch einen Ausweg: weg von hier. Weil ich aber meine Familie und auch Ruta noch einmal sehen wollte, wartete ich den Heimaturlaub ab. Nach zwei Wochen Ferien kehrte ich in den Militärstützpunkt zurück und plante mit zwei Kollegen die Flucht. Kurze Zeit später gelang es uns zu entkommen.

Vom Sudan reiste ich alleine weiter in den Südsudan, in die Hauptstadt Juba, wohin bereits mein älterer Bruder geflüchtet war und wo er einen Biertransport betrieb. Drei Jahre lebte und arbeitete ich dort mit ihm, bis sich die Lage im Südsudan 2013 so sehr verschlechterte, dass es zu einem Bürgerkrieg kam. Mehrere tausend Menschen kamen ums Leben, darunter auch Eritreer. So beschloss ich, das Land zu verlassen und in Richtung Norden zu reisen, nach Europa.

Zwei Monate später kam ich nach einer schwierigen Reise in der Schweiz an und stellte im August 2014 meinen Asylantrag. Eigentlich hatte ich nicht konkret geplant, in die Schweiz zu flüchten, aber es musste wohl so kommen, denn als Vierzehnjähriger hatte ich mal, um Taschengeld zu verdienen, einen Gürtel mit aufge druckten Ländern verkauft, zum Beispiel USA, Holland, Switzerland. Ich selbst trug lustigerweise immer den Switzerland-Gürtel – der gefiel mir am besten.

Mein Antrag auf Asyl wurde nach zwei Jahren positiv beantwortet, und so fand ich dank der BBewilligung, meinen guten Deutschkenntnissen und dem Führerschein im November 2017 bei der Bäckerei Reinhard in Bern eine sehr gute Stelle. Dort helfe ich am Morgen beim Vorbereiten der Lieferungen und beim Putzen, danach fahre ich die Waren in die verschiedenen Filialen – heute zum Glück nicht mehr mit dem Velo!

Ruta ist mir übrigens letztes Jahr im Januar in die Schweiz gefolgt. Seit Ende Oktober sind wir Eltern eines Sohnes. Getauft haben wir ihn ‹Freemnet›, das heisst ‹Kern des Glaubens› und bedeutet für uns, wir haben jetzt bekommen, was wir immer erhofft und woran wir geglaubt haben.»