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Kinderarmut
«Ich weiss, wie schnell es gehen kann»

Bernadette Schaffner (28) ist als Tochter einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter aufgewachsen. Heute steht sie finanziell auf eigenen Beinen.

«Bei uns war nie viel Geld da, und das hatte Auswirkungen auf alles. Die Schule, die Freizeitgestaltung, die Ferien. Bei uns in der Schule waren Markenkleider ein grosses Thema, sich darstellen. Nike Air Max waren damals voll die coolen Schuhe, alle wollten die haben. Natels kamen gerade auf: das türkise Nokia. Ich konnte mir diese Dinge nicht leisten. Ich sparte viele Monate, damit ich mir diese Schuhe kaufen konnte. Ich dachte, wenn ich die habe, bin ich dabei, gehöre ich dazu. Ich kaufte mir dann Nike-Schuhe, aber es waren nicht exakt dieselben. Und sofort hiess es dann: ‹Ah, schau mal, Bernadette. Haha! Sie hat so komische Schuhe.› Da wusste ich, es ist egal. Wenn man einmal den Aussenseiterstempel hat, wird man ihn nicht wieder los. Bald fielen Sprüche wie ‹Zigeunerin› oder ‹Bauernkind›. Nicht dass das schlimme Beleidigungen sind, aber als Kind war das sehr verletzend. Einmal rief der Lehrer alle einzeln auf, das Geld für die Klassenkasse zu übergeben. Ich hatte nur einen Brief, in dem stand, dass wir nicht genügend Geld haben. Das hat die ganze Klasse gesehen.

Als sich unsere Eltern getrennt haben, war meine Schwester fünf und ich drei. Meine Mutter erhielt damals das alleinige Sorgerecht. Der Vater nahm das nicht gut auf und hat sich nach Deutschland verzogen. Er war quasi verschwunden, wir haben nie mehr von ihm gehört. Entsprechend floss da auch kein Geld. Nach der Scheidung hatte unsere Mami drei Monate Anrecht auf Arbeitslosengeld. Danach kam sie zur Sozialhilfe. Sie war ab der Geburt meiner Schwester natürlich zuhause geblieben, damals in den Neunzigern. Zum Zeitpunkt der Scheidung hatte sie fünf Jahre nicht mehr auf ihrem Beruf als Hochbauzeichnerin gearbeitet. In dieser Zeit hatte sich technisch viel verändert. Deshalb war es für sie sehr schwierig, wieder eine Stelle zu finden.

Umgezogen sind wir nach der Scheidung vier oder fünf Mal. Wir mussten mehrere Male die Wohnung wechseln, weil die Beiträge der Sozialhilfe immer wieder angepasst wurden. Wir wohnten immer in Dreizimmerwohnungen. Zuerst teilten wir uns das Zimmer, die Schwester und ich. Als wir älter wurden, richtete sich das Mami im Wohnzimmer ein Bett ein. Es war unserer Mutter immer wichtig, dass wir unsere Träume verwirklichen können. Ihre eigenen Bedürfnisse steckte sie zurück. Sie sammelte in einer Kartonbox das anfallende Münz und verreiste damit später, als meine Schwester schon ausgezogen war und ich mein Studium begann, alle zwei Jahre ein paar Tage allein in die Ferien.

Früher in der Schule hatten wir ein kleines Grüppchen von Aussenseiterinnen. Zwei Kolleginnen, von denen eine auch armutsbetroffen war, und ich. Zuhause wurde uns beiden gesagt: ‹Gebt euch Mühe in der Schule. Macht eine gute Ausbildung, dann passiert euch das nicht.› Und das ist dann halt eine schwierige Mischung: kein Geld, Streberin, Aussenseiterin.

Schulausflüge waren immer ein grosses Hickhack mit der Sozialhilfe. Wer zahlt was? In einem Jahr gab es ein Skilager. Wir mussten alles mieten, und ich hatte kein zusammenpassendes et von Hose und Jacke. Das sorgte für Gelächter auf der Piste. Ich tat dann so, als wäre ich krank, damit ich im Haus bleiben konnte. So hat man sich auch selber eingeschränkt. Ich habe mich zurückgezogen, um dem Spott zu entgehen. ‹Ich mache das eh nicht gerne›, das waren häufige Ausreden. Immer wenn es irgendwo hiess, ‹wir gehen in den Ausgang, shoppen, ins Kino›, da war bei mir nichts zu machen. Ich wurde oft gar nicht gefragt. Ich wäre auch gerne von den Ferien zurückgekommen und hätte Geschichten erzählt. Aber wir hatten die Ferien bei Verwandten verbracht. Auch der Nikolaus kam bei uns nie zu Besuch.

Als ich acht war, gingen wir in den Verkehrsgarten, und alle konnten Velofahren ausser mir. Ich bekam dann ein Trottinett. Das war natürlich die nächste Gelegenheit für Spott. ‹Schau mal, Bernadette ist zu blöd zum Velofahren.› Oder: ‹Die haben nicht einmal Geld für ein Velo.› Als Kind kann man das nicht einordnen. Bei mir entstanden Frust und ein Gefühl von Minderwertigkeit. Ich dachte damals einfach, ich bin nicht cool. Erst viel später habe ich gemerkt, dass das Hänseln stark mit unserer wirtschaftlichen Situation zusammenhing.

Später fing ich an, gegen gesellschaftliche Konventionen zu rebellieren. Ich hörte Punkmusik, zog mich alternativ an. Ich legte es darauf an, anders zu sein, weil ich wusste, normal passe ich sowieso nirgendwo rein. Ich suchte mir eine Nische, wo Geld keine Rolle spielte. Ich war wütend, auf die Gesellschaft und das System.

Meine Mami fand dann wieder eine Arbeit, als ich 15 war. Sie verdiente dort aber nur wenig mehr Geld, als wir von der Sozialhilfe erhalten hatten. Finanziell blieb es knapp. Meine Schwester hatte eine Lehre gemacht. Für mich war klar, ich wollte studieren. Aber das war ein problematisches Thema, denn ein Studium kostet Geld. Ich studierte dann trotzdem Soziale Arbeit, erhielt Stipendien und wohnte zuhause. Während der Ausbildung litt ich an Depressionen und Angststörungen. Als Folge des Mobbings, des Verlusts des Vaters, der Geldnot. Ich fühlte mich auch schuldig, dass ich studierte und so zu den finanziellen Sorgen meiner Mutter beitrug. Wegen der Erkrankung brauchte ich zwei Semester länger für mein Studium und musste dafür ein Darlehen aufnehmen.

Mit 26 Jahren schloss ich mein Studium ab, mit 27 zog ich von zuhause aus. Das ist noch nicht so lange her. Inzwischen habe ich eine gute Anstellung in der Jugendarbeit. Eine gewisse Geldangst ist geblieben. Ich weiss immer genau, wie viel Geld ich auf dem Konto habe und welche Kosten auf mich zukommen. Zum Einkaufen gehe ich nach Deutschland oder zu Aldi. Luxus, das sind heute für mich meine Tätowierungen und meine eigene Wohnung.

Manchmal rechne ich durch, wie lange mein Erspartes reicht, sollte ich meine Stelle verlieren. Ich weiss, wie schnell es gehen kann und man bei der Sozialhilfe und in der Armut landet.»


Wie leben arme Kinder in der reichen Schweiz? Vier Familien von Surprise-Verkäufer*innen, die unter prekären Bedingungen leben müssen, haben dem Surprise-Redaktor und Fotografen Klaus Petrus Einblicke in die Zimmer ihrer Kinder gewährt. Aus Schutzgründen haben wir darauf verzichtet, die Kinder selbst abzubilden. Oft leben die Familien mit ihren zwei bis drei Kindern von sechs bis zwölf Jahren in einer Dreizimmerwohnung, die im Schnitt 1400 Franken pro Monat kostet. Die Kinder teilen sich ein Zimmer, schlafen, spielen und lernen auf engstem Raum. Ferien können sich die Eltern keine leisten, oft übernimmt die Sozialhilfe Miete und Krankenkasse, Geld bleibt am Ende des Monats kaum übrig. Nicht immer sieht man den abgebildeten Kinderzimmern unmittelbar an, dass hier Menschen in Armut leben. Viele betroffene Eltern möchten, dass es ihren Kindern an nichts fehlt, und kaufen ihnen auch mal Dinge, die sich eigentlich nicht leisten können.