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Nicola Babic, 50. Foto: Susanne Keller

Strassenverkaufende
«Ich will mein Bestes geben»

Nikola Babic, 50, verkauft Surprise im Zentrum von Langenthal. Seine Verkaufszahlen beobachtet er interessiert, denn Zahlen beschäftigten ihn schon in seiner früheren beruflichen Tätigkeit in Serbien täglich.

«Ich glaube, ich bleibe bei Surprise, bis ich pensioniert bin. Ich bin so froh, dass ich diese Tätigkeit gefunden habe. Vorher habe ich unzählige Bewerbungen geschrieben und immer nur Absagen erhalten. Ich bin vor fünf Jahren von Vršac, einer Stadt im Nordosten von Serbien nahe der rumänischen Grenze, in die Schweiz gezogen. Mein Lohn reichte je länger, je weniger zum Leben, und überhaupt gab es in Serbien ständig irgendwelche politischen Probleme. Ich habe in meiner Heimat als Finanzökonom in der Buchhaltung gearbeitet. Eine ähnliche Tätigkeit in der Schweiz zu finden ist für mich sehr schwierig. Ich bin zwar seit meiner Ankunft am Deutsch lernen, aber meine Kenntnisse reichen nicht aus, um hier beruflich auf meinem Gebiet anzuknüpfen. Und wenn ich mich bisher auf andere Stellen beworben habe, hiess es immer, ich sei zu alt oder zu unerfahren. Dazu muss ich ehrlicherweise sagen, dass ich handwerklich komplett unbegabt bin. Auch in der Küche oder im Service sehe ich für mich leider keine Möglichkeit.

Im Mai vor einem Jahr, nachdem ich immer wieder Leute Surprise verkaufen sah, habe ich mich entschieden, mich beim Büro in Bern zu melden. Nun verkaufe ich fast jeden Tag und bei jedem Wetter ein paar Stunden vor der grossen Coop-Filiale im Zentrum von Langenthal. Wenn ich genug vom Stehen und Verkaufen habe, gehe ich manchmal joggen, Velo fahren oder einfach nur spazieren. Als Finanzökonom finde ich es spannend zu beobachten, wie unterschiedlich die Verkäufe sind. An manchen Tagen hat es ganz viele Leute, aber ich verkaufe wenige Hefte, an anderen Tagen hat es wenig Leute, trotzdem verkaufe ich viel. Man kann es nie voraussagen.

In meinem ersten Jahr konnte ich mir eine grosse Stammkundschaft aufbauen. Ich habe schon oft gehört: ‹Ich kaufe das Heft nur wegen Ihnen. Sie sind jeden Tag hier.› Es scheint den Leuten zu gefallen, dass ich so regelmässig verkaufe. Mit vielen Kundinnen und Kunden unterhalte ich mich, manche laden mich sogar im Coop-Restaurant zu einem Kaffee ein. Als Dankeschön und Glücksbringer schenke ich ihnen eine kleine Marienfigur oder den ‹Sveti Anton›, den heiligen Anton, der bekannt ist als Schutzpatron der Kinder.

Ich habe übrigens auch zwei Töchter. Sie sind schon 29 und 30 Jahre alt. Eine hat bereits selbst eine kleine Tochter. Sie leben alle in Vršac, und wenn ich es schaffe, genügend Geld für die Reise auf die Seite zu legen, werde ich sie im Sommer besuchen.

Dank dem Surprise-Unterstützungsprogramm SurPlus, in das ich kürzlich aufgenommen wurde, werde ich in Zukunft auch während der Ferien Lohn erhalten, und zwar so viel, wie ich in den letzten Monaten im Durchschnitt verdient habe. Unterstützt werde ich auch mit Geld für das ÖV-Monatsabonnement und, falls es einmal nötig sein sollte, mit Krankentaggeld. Ich bin sehr dankbar, dass ich ins Programm aufgenommen wurde. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich den Weg zu Surprise gefunden habe – so muss ich mir auch nicht mehr dauernd den Kopf zerbrechen, wie ich mit meiner Qualifikation, meinen Deutschkenntnissen und in meinem Alter eine Arbeit finden könnte. Ich will lieber jeden Tag bis zu meiner Pensionierung mein Bestes geben.»