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Daniel Inglin, 43. Foto: Bodara

Strassenverkaufende
«Ich wünsche mir mehr fröhliche Menschen»

Daniel Inglin, 43, verkauft Surprise am Bucheggplatz in Zürich. Gerne hätte er ein EC-Gerät, weil viele Menschen kein Bargeld mehr dabeihaben.

«Ich bin ursprünglich aus Schlieren. Vielleicht mag ich deshalb die ‹Schlieremer Chind› so sehr. Mir fällt in allen möglichen Situationen ein passender Liedertext des bekannten Kinderchors ein.

In Schlieren lebte ich jedoch nicht lange. Als Kind bin ich viel umgezogen, und mit 16 Jahren kam ich ins Kinderheim nach Wädenswil. Dort absolvierte ich eine Anlehre als Gärtner. Eigentlich wollte ich eine kaufmännische Ausbildung beginnen, wie die meisten in meiner Familie. Mein Vater ist Steuerberater, meine Mutter arbeitete lange in einer Bank, meine Zwillingsschwester auf dem Notariat. Dazumal gab es aber keine Möglichkeit, eine Anlehre als Kaufmann zu absolvieren, welche von der Invalidenversicherung bezahlt worden wäre. Heute gäbe es zwar eine Stiftung, die kaufmännische Lehrgänge für Personen mit geistiger Beeinträchtigung anbietet, doch eine Zweitausbildung übernimmt die IV nicht. So arbeitete ich ungefähr 15 Jahre als Gärtner. Doch dann vertrug ich die harte körperliche Arbeit immer weniger und bekam Gelenkprobleme. So kam ich auf die Idee, Surprise zu verkaufen – das ist jetzt über zehn Jahre her.

Heute stehe ich mit meinen Heften meistens am Bucheggplatz. Ich nenne ihn auch ‹Spinnenplatz›. Natürlich nicht, weil die Leute dort spinnen, die meisten Menschen sind nett. Auch die, die kein Heft kaufen wollen. Was mich manchmal nervt, sind diejenigen ohne Bargeld. Wieso muss heute alles mit der ECoder Kreditkarte bezahlt werden? Da verliert man doch den Bezug zum Geld!

Zurück zum ‹Spinnenplatz›: Ich nenne den Bucheggplatz so, weil die Fussgängerpassage, welche über den ganzen Platz gebaut ist, aussieht wie eine Spinne. Die wenigsten Leute nehmen sich Zeit, sie genauer anzuschauen, obwohl sie sehr spannend konstruiert ist. Ich bin froh, dass ich mir die Zeit dafür nehmen kann. Das ist ein Grund, weshalb ich gerne als Surprise-Verkäufer arbeite. Ich mag aber auch den täglichen Kontakt zu anderen Menschen. Zudem ist das Surprise-Team zu einer richtigen Familie geworden. Man kann zusammen lachen, streiten und Kritik anbringen. Mein Vorschlag, die Surprise-Verkaufenden mit einem EC-Gerät auszustatten, fand jedoch bisher kein Gehör.

Der schlimmste Tag in meinem Leben war, als meine Zwillingsschwester beinahe ums Leben kam. Sie hatte einen Snowboard-Unfall, bei dem sie in eine Gletscherspalte fiel und fast erfror. Da waren wir 19 Jahre alt. Ihren Verlust hätte ich nicht verkraftet. Schon zuvor wurden wir zwei beinahe getrennt, als meine Eltern sich scheiden liessen. Ich erfuhr später, dass meinem Vater das Sorgerecht für uns Kinder zugesprochen wurde, weil meine Mutter nur meine Schwester behalten wollte, mich aber nicht. Die Behörden teilen Zwillinge nur sehr selten zwischen den Eltern auf. Mein Vater war bereit, uns beide aufzunehmen. Zu meinem Vater habe ich bis heute einen guten Kontakt. Manchmal helfe ich ihm, den Garten seines Ferienhauses zu pflegen. Ich bin auch oft auf meiner eigenen kleinen Terrasse. Dort pflanze ich Tomaten, Gurken und Peperoni an.

Ich stehe nicht gerne im Mittelpunkt. Wenn ich den Leuten dennoch aus meinem Leben erzähle, sage ich oft: ‹Es ist, wie es ist.› Das meine ich ehrlich. In meinem Leben ist vieles nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Dies beginnt bei der Kindheit, geht über die Berufswahl, bis hin zu meiner jetzigen finanziellen Lage. Dennoch bin ich ein sehr fröhlicher Mensch. Wenn ich auf der Strasse Surprise verkaufe, frage ich mich manchmal, was die Leute unglücklich macht. Einer meiner grössten Wünsche ist, dass es mehr fröhliche Menschen gibt. Ich gebe mir auf jeden Fall grosse Mühe, beim Surprise-Verkauf einen Teil dazu beizutragen. Ein Lächeln da, ein Witz hier und zur Abwechslung mal ein Ständchen von den ‹Schlieremer Chind›. Zum Glück wirkt dies meistens.»