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Strassenverkaufende
«Ich lache, sie lachen zurück»

Ghide Gherezgihier (39) verkauft Surprise in Biel und möchte die Herausforderungen des Lebens meistern wie ein guter Sportler.

«Als alleinerziehender Vater muss ich immer auf Zack sein. Der Tag beginnt früh, ich mache die Kinder parat – mein Sohn geht in die erste Klasse, meine Tochter in den Kindergarten –, und kaum sind sie aus dem Haus, fange ich an, die Wohnung zu putzen, Wäsche zu machen, einzukaufen oder Surprise zu verkaufen. Am Nachmittag, wenn die Kinder aus der Schule kommen, essen wir, dann erledigen wir die Aufgaben und gehen zum Spielen raus.

Jetzt, mit dem Coronavirus, ist natürlich alles anders. Für mich ist es noch strenger. Ich muss die Kinder nun den ganzen Tag über beschäftigen, ich helfe meinem Sohn mit den Schulaufgaben, spiele viel mit meiner Tochter. Beide mögen Fussball, dann gehen wir an die frische Luft, oder wir springen zu Hause mit dem Seil. Das macht Spass und die Kinder bewegen sich, was wichtig für Körper und Geist ist. So hocken sie nicht immer vor dem Fernseher!

Ich bin selbst sehr sportlich. Schon als Junge bin ich viel gerannt und Fahrrad gefahren. Ich bin auf dem Land in Eritrea aufgewachsen, mein Vater war Bauer, meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war. So musste ich früh viel arbeiten, in die Schule kam ich erst mit elf Jahren. Umso wissbegieriger war ich: Ich wollte möglichst schnell lesen, schreiben und rechnen können. Daneben habe ich immer gearbeitet. So konnte ich mir mein erstes Fahrrad, ein Rennvelo, mit dem eigenen Geld kaufen, darauf war ich sehr stolz. Von da an habe ich hart trainiert. Jahre später bin ich Rennen gefahren und hab auch ein paar Wettkämpfe gewonnen. Bis ich ins Militär musste. Niemand sagt dir, wie lange du dienen musst, nur ein paar Jahre oder womöglich dein Leben lang. Nach zwei Jahren bin ich geflohen, ich sah keine Perspektive mehr. Zu Fuss ging ich in den Sudan und von dort nach Libyen, wo man mich – ohne dass ich etwas verbrochen hätte – ins Gefängnis steckte. Zum Glück war ich so gut durchtrainiert; ich konnte fliehen und rannte einfach fort. Mir gelang die Flucht über das Meer nach Italien und von dort in die Schweiz. Das war 2008. Seither lebe ich hier.

Surprise ist ganz wichtig für mich. Nicht nur wegen des Geldes, das ich durch den Verkauf des Magazins verdiene, sondern auch wegen der sozialen Kontakte. Wenn du wie ich so oft auf der Strasse bist, kennst du viele Leute. Die meisten sehe ich momentan wegen Corona nicht mehr, was sehr schade ist. Ich vermisse sie. Manchmal, wenn ich durch die Stadt laufe oder Einkäufe mache, rufen mir die Leute zu, sie sagen «Hallo» und fragen mich, wie es läuft. Eine Frau hätte mich neulich am liebsten umarmt, aber das geht momentan natürlich nicht. Ich glaube, die Menschen freuen sich auch, wenn wir endlich wieder auf der Strasse unser Magazin verkaufen können. Dann werde ich wieder versuchen, sie mit meiner Energie anzustecken. Ich glaube, die Leute merken und schätzen das. Ich lache, und sie lachen zurück. Das ist schön. Sowieso glaube ich an dieses Prinzip: Wenn du etwas gibst, kriegst du auch etwas zurück.

Manchmal sehe ich das Leben als Herausforderung, die ich wie ein guter Sportler meistern muss. Ich bin ja auf mich selbst gestellt, habe keine Frau und auch keine Familie hier, die mich entlasten könnte. Sicher, oft bin ich abends müde und manchmal auch traurig. Aber dann versuche ich, an etwas anderes zu denken und mich darauf zu fokussieren, was ich habe und was meine Aufgabe ist. Wieso soll ich ständig an Dinge denken, die mir fehlen, wenn sich die Situation sowieso nicht ändern lässt? Das würde mir bloss Energie rauben, die ich dringend brauche. Ich muss stark sein, ich will kämpfen und niemals aufgeben – schon wegen meiner Kinder, denen ich ein Vorbild sein möchte.»