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Foto: Bodara

Strassenverkaufende
«Ja, ich habe Fehler gemacht»

Peter Conrath, 54, verkauft das Strassenmagazin am Zürcher Hauptbahnhof und ist Surprise-Stadtführer. Seine Geschichte ist jetzt auch in einem Buch nachzulesen.

«Vor Kurzem ist ein Buch erschienen, in dem auch meine Geschichte erzählt wird. Es heisst ‹Der Fehler, der mein Leben veränderte›. Autorin Gina Bucher porträtiert Menschen, die scheiterten: eine Ärztin, die bei der Behandlung einer Patientin einen fatalen Fehlgriff machte, ein Mann, der seine Frau umbrachte. Oder einer, der sich immer wieder verschuldete – das bin ich.

Ich bin mir gar nicht sicher, was mein grösster Fehler war. Wahrscheinlich, dass ich als Selbständiger darauf verzichtet hatte, eine Taggeldversicherung abzuschliessen. Das rächte sich 2004, als ich mit Freunden in der Dominikanischen Republik in den Ferien war und mit dem Motorroller verunfallte: Jochbeinbruch, Schädel-Hirn-Trauma, mehrere Monate Pause. Die Arztkosten waren gedeckt, aber nicht der Verdienstausfall. Ich musste die Reinigungsfirma auflösen, die ich sechs Jahre lang geführt hatte, und begann mich zu verschulden.

Das kannte ich schon. Als ich zehn Jahre zuvor als Wachmann gearbeitet hatte, pumpte mich ein Arbeitskollege an. Er brauchte 30 000 Franken und bot mir sein Häuschen in Italien als Sicherheit an. Doch das Haus war bereits an seine Schwester überschrieben, und als er mir das Geld nicht zurückzahlen konnte, musste ich Privatkonkurs anmelden. Mein Chef erfuhr davon und entliess mich. Ich war unglaublich enttäuscht von meinem damaligen Kollegen und bin es heute noch. Wenn du in die Schuldenfalle gerätst, kommst du fast nicht mehr raus.

Ein Dreivierteljahr nach dem Unfall in der Dominikanischen Republik begann ich beim Wurststand Calypso im Niederdorf zu arbeiten. Dort lernte ich Ruedi kennen, der jeden Tag vorbeikam und heute mein bester Freund ist. Er sagte zu mir: ‹Du bist ein fauler Siech, du arbeitest ja nur am Abend.› Ich solle tagsüber Surprise verkaufen wie er. Das versuchte ich, und es wurde vier Jahre lang meine Haupterwerbsquelle. Dann fand ich eine Stelle beim Migros-Take-away am HB. Das Vorstellungsgespräch lief sehr gut, bis es um meine Finanzen ging. Ich sagte meinem Chef, dass ich Schulden hätte und mein Lohn gepfändet würde. Er sagte, dann könne er mich nicht einstellen. Das Risiko, dass jemand in meiner Situation in die Kasse greifen würde, sei zu gross. Ich wollte mich schon verabschieden, da sagte er, meine Offenheit habe ihn beeindruckt, er wolle mal etwas probieren, ich würde von ihm hören.

Einige Tage später hatte ich die Zusage. Ich arbeitete nicht an der Kasse, sondern hinten in der Sandwichproduktion, aber ich hatte einen Job. Daneben verkaufte ich weiter Surprise und begann als Stadtführer für Surprise zu arbeiten. Ich zeige den Menschen die Stadt aus der Sicht eines Verschuldeten und erzähle meine Geschichte. Verschuldet bin ich heute noch, aber nicht mehr lange. Surprise hat mit mir eine Schuldensanierung gemacht, und ich habe fast alle ausstehenden Rechnungen beglichen. Es fehlt nur noch ein kleines bisschen.

Diesen Herbst habe ich eine neue Stelle gefunden, ich verkaufe Marroni am Bahnhof Zug. Mir gefällt es, wieder direkt mit den Menschen zu tun zu haben. Deshalb mag ich auch meine Arbeit als Stadtführer und als Surprise-Verkäufer so. Am 1. März wage ich noch etwas Neues. Ich werde täglich an der Schmiede Wiedikon vor einem Restaurant Würste grillieren und verkaufen. Was mir noch fehlt, ist ein Zelt als Sonnenund Regenschutz. Das kann ich mir im Moment nicht leisten, aber ich bin zuversichtlich, dass es noch klappt. Ich freue mich auf die neue Herausforderung, und ich kann sagen: Ja, ich habe Fehler gemacht, die mein Leben veränderten. Aber ich bin zufrieden, wie es heute ist.»