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Foto: Lucien Hunziker

Strassenverkaufende
«Jetzt arbeite ich an mir»

Werner Hellinger, 65, wird von allen nur Elvis genannt. Nach einer längeren Pause will er bald wieder als Surprise-Stadtführer unterwegs sein.

«Es war am ersten Tag der Sommerferien, ich zeuselte im Garten. Aus einer Büchse goss ich Benzin ins Feuer. Ich weiss noch, wie überrascht ich war, als die Büchse explodierte. Dann brannte ich wie eine Fackel. Ich war 14 Jahre alt.

Vielleicht passierte der Unfall, weil ich mich nach Aufmerksamkeit sehnte. Meine Eltern führten ein Restaurant und hatten wenig Zeit für uns Kinder. Es folgten unzählige Operationen, über 30 allein wegen der Verbrennungen, weitere wegen anderer gesundheitlicher Probleme. Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch mein Leben zieht, sind es die Unfälle. Den ersten hatte ich mit sieben, als ich mit dem Schlitten in einen Stacheldraht fuhr. Fast hätte ich dabei ein Auge verloren. Später riss ich mir den Meniskus links und den Meniskus rechts, musste meinen Job als Maler wegen einer Lösungsmittelallergie aufgeben und hatte mehrere Operationen wegen eines Karpaltunnelsyndroms. Das ist eine Schädigung des Nervs am Handgelenk, den Verband hier trage ich wieder deswegen. Seit einigen Jahren leide ich auch an einem Tinnitus: Nach einem Spiel des FC Basel, für den ich als Steward arbeitete, ist neben mir eine Knallpetarde explodiert. Zuerst hörte ich gar nichts mehr, jetzt habe ich ein permanentes Pfeifen im Ohr.

Auch mit Depressionen hatte ich immer wieder zu kämpfen. Die erste grosse Krise hatte ich 1979, als ich mich beruflich neu orientieren musste und gleichzeitig mein Vater starb. Plötzlich kamen Ängste auf, und ich hatte das Gefühl, alles würde über mir zusammenbrechen. Meine damalige Freundin half mir. Zehn Jahre waren wir zusammen, ich hätte sie heiraten sollen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich heiratete später eine andere Frau, mit der ich eine Tochter habe. Nach der Scheidung heiratete ich nochmals, aber das ging auch nicht gut.

Später arbeitete ich 13 Jahre lang als Kurier bei der Credit Suisse. Dann wurde umstrukturiert. 220 Leute mussten gehen, ich war einer davon. Schnell fand ich einen neuen Job als Verwaltungsassistent bei der Sozialhilfe. Mein Chef unterstützte mich sehr. Doch dann wurde er entlassen, und es folgte die Katastrophe. Ich hatte das Gefühl, dass seine Nachfolgerin mich mobbt, und fiel immer tiefer in die Depression. Am Schluss hatte ich ein Burnout. 2006 erhielt ich nach zwei Klinikaufenthalten die Kündigung. Ich war über 50, ohne Hoffnung und voller Wut.

Als ich nach zwei Jahren in die Sozialhilfe ausgesteuert wurde, kam mir Surprise in den Sinn. Ich begann Hefte zu verkaufen, und seit 2014 gehöre ich zum Team der Basler Stadtführer. Wir zeigen auf unseren Rundgängen die Stadt aus der Sicht von uns Armutsbetroffenen und erzählen von unserem Leben und davon, wie man mithilfe der sozialen Institutionen und Angebote über die Runden kommt. Dabei ist man ständig mit sich selbst, seinen Ängsten und Niederlagen konfrontiert. Ich konnte es nicht immer gleich gut, um ehrlich zu sein. Letztes Jahr hatte ich eine Infektion, und es wurde mir alles zu viel. Deshalb habe ich eine Pause eingelegt. Jetzt arbeite ich an mir, setze mich erneut mit meiner Biografie auseinander. Ich hoffe, ich kann bald weitermachen, denn die Führungen geben mir Halt und machen mir Freude.

Freude habe ich auch an der Musik der Fünfzigerjahre. Ich war jahrelang ein besessener Sammler und an unzähligen Flohmärkten anzutreffen, wo ich Platten, Poster und Accessoires von damals kaufte und verkaufte. Daher auch mein Spitzname Elvis. Einen besseren kann ich mir nicht wünschen.»

Erschienen in Surprise 440/18

AUFGEZEICHNET VON GEORG GINDELY