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Das Steinmonument Tatik Papik steht auf einem Hügel am Eingang von Stepanakert, Hauptstadt von Bergkarabach.

Bergkarabach
Leben in einem ewigen Konflikt

Im Südkaukasus herrscht der längste Konflikt Europas. Die Menschen haben sich längst daran gewöhnt. Ein normales Leben ist trotzdem nicht möglich.

Text und Fotos: Eva Hirschi

Die Strassen in Stepanakert wirken wie ausgestorben an diesem Novembertag, alles ist sauber, aufgeräumt und ruhig, frisch gewaschene Kleider flattern hoch oben an zwischen den Häusern aufgespannten Leinen. Vereinzelt tragen ein paar Menschen ihren Einkauf nach Hause oder spazieren mit dem Hund. Davon, dass sich zwanzig Kilometer von hier die Frontlinie eines seit fast dreissig Jahren andauernden Konflikts befindet, sieht man in der Hauptstadt von Bergkarabach im Kleinen Kaukasus auf den ersten Blick kaum etwas.

Doch selbst wenn in Stepanakert die Schusswechsel nicht hörbar sind: Durch die Meldungen im Radio oder Fernsehen würden sie ständig daran erinnert, dass sie sich in einem Konflikt befinden, sagt Sarine Hayriyan. Die 33-Jährige trägt einen Kurzhaarschnitt, Jeans und einen gelbgrünen Rollkragenpulli. Sie ist in Stepanakert geboren und aufgewachsen. An den Krieg in den 1990er-Jahren kann sie sich kaum erinnern. Sie hat Bilder im Kopf, wie sie mit ihrer Grossmutter in den Wald flüchtete, als die Bombardierung begann. Damals eskalierte der Konflikt um die Region im Kaukasus mit ihrer heute rund 145 000-köpfigen Bevölkerung. Offiziell gehört das Gebiet zu Aserbaidschan, faktisch wird es von Armenien kontrolliert und heute fast ausschliesslich von ethnischen Armenier*innen bewohnt. 1991 erklärte sich Bergkarabach als unabhängig, wurde allerdings von keinem Staat anerkannt, auch nicht von seiner Schutzmacht Armenien. Trotz der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens 1994 gibt es an der Frontlinie immer wieder auf beiden Seiten Tote.

Die friedliche Alltagsstimmung in Stepanakert also trügt: Wer in Bergkarabach lebt, kann den Auseinandersetzungen nicht entkommen. Neben den Radio- und Fernsehmeldungen erinnern auch Veteranendenkmäler und Propagandaplakate ständig an die schwierige Situation. «Schon nur, weil der Militärdienst für Männer obligatorisch ist, kann niemand den Konflikt ignorieren», sagt Hayriyan. Ihr Ehegatte, ihre männlichen Verwandten und Freunde, sie alle waren im Fronteinsatz. Jede Familie hat damals im Krieg jemanden verloren. In den letzten Jahren ging es allerdings mehr um Machtdemonstration als um Gebietsgewinn. Ob die kürzlich wiederaufgeflammten Gefechte daran etwas ändern können? Angst habe sie auf jeden Fall nicht, sagt die Mutter einer vierjährigen Tochter: «Wir glauben an den Frieden. Sonst würden wir nicht mehr hier wohnen.»

Öfter als der ungelöste Konflikt sind es die mangelnden Perspektiven, die viele Menschen dazu bewegen, Bergkarabach zu verlassen. Zwar gibt es eine staatliche Universität sowie eine moderne Berufsschule für 12- bis 18-Jährige im Bereich Technologie und Design. Dennoch zieht es diejenigen, die es sich leisten können, für ein Studium nach Armenien. Viele erhoffen sich dadurch auch bessere Berufsaussichten. Denn statt in den Wirtschaftsaufbau zu investieren, gibt die lokale Regierung in Bergkarabach das meiste Geld für Sicherheit aus und ist zudem finanziell und militärisch vollkommen von Armenien und der Diaspora abhängig. Eigene Pässe haben die Bewohner*innen des nicht anerkannten Staates nicht, sie besitzen die armenische Nationalität und können sich so auch überall in Armenien niederlassen. Viele versuchen deshalb ihr Glück in der armenischen Hauptstadt Jerewan – oder gleich im Ausland. Armenien gilt als das ärmste Land des Südkaukasus, die Arbeitslosigkeit liegt bei 17 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei rund 35 Prozent.

Platz für Gespräche und Austausch

Sarine Hayriyan aber will nicht auswandern: «Wenn die Regierung uns nicht hilft, dann tun wir es eben selbst!» Sie engagiert sich in verschiedenen Projekten für Bildungs-, Kultur- und Arbeitsinitiativen und möchte damit den Menschen Perspektiven aufzeigen. Dies tut sie auch in ihrer Arbeit als Eventmanagerin im Roots Café, dem ersten und einzigen Kulturcafé der Stadt, welches 2017 eröffnet wurde. Hier organisiert Hayriyan allerlei Veranstaltungen, von politischen Diskussionen über Kunstausstellungen bis hin zu Filmvorführungen oder Workshops. Interessierte Bürger*innen jeden Alters können teilnehmen. So fand im Winter ein Gespräch mit einem armenischen Journalisten statt, der im Rahmen eines Austauschprogramms nach Aserbaidschan reiste, während ein aserbaidschanischer Journalist nach Armenien kam. Was ein paar Jahre zuvor kaum vorstellbar gewesen ist, bleibt auch heute eine absolute Ausnahme. Trotzdem: dass Teile der Gesellschaft offen für so einen Austausch sind, darauf ist Sarine Hayriyan stolz: «Wir wollen Platz bieten für Gespräche und Austausch sowie die Möglichkeit, sich auszudrücken.» Das ist ein Novum hier, wo die Gesellschaft immer noch im Übergang zwischen den alten Sowjetstrukturen und etwas Neuem steckt und eher ländlich-patriarchal geprägt ist.

«Interessanterweise kommen vor allem junge Frauen zu unseren Veranstaltungen», sagt Hayriyan. Gerade die junge Generation, die den Krieg nicht miterlebt hat, sei offener und engagierter. Das stelle sie auch bei Projekten fest, für die sie sich ehrenamtlich engagiert: So hat sie gemeinsam mit Jugendlichen etwa die Abfalleimer in der Nachbarstadt Shushi dekoriert, Stickkurse für traditionelle armenische Muster aufgegleist und zusammen mit Künstler*innen Stofftaschen mit Designs bedruckt. Zwei davon zeigen das Wahrzeichen Bergkarabachs: Tatik Papik, armenisch für Grossmutter und Grossvater, ein grosses Steinmonument auf einem Hügel am Stadteingang von Stepanakert. Noch zu Sowjetzeiten von einem lokalen armenischen Künstler geschaffen, prangt das Denkmal heute auf dem Wappen der selbsterklärten Republik Bergkarabach. Auf den Stofftaschen sind die steinernen Figuren mit farbigen Blumen verziert. Zurück zu den Wurzeln, aber mit neuen Farben und neuen Träumen, so umschreibt es Hayriyan.

Wo Regierungen mit Angriff und Verteidigung beschäftigt sind, springen oft internationale Organisationen ein und unterstützen die Entwicklung der Zivilgesellschaft: Jugendliche Partizipation, Frauenförderung, generationenübergreifende Projekte sollen die Bürger*innen stärken. Doch anders als in vielen anderen Postsowjetstaaten traut sich wegen des politischen Status von Bergkarabach kaum eine NGO hierher. Schlimmer noch, ihnen wird oft davon abgeraten. Eine Schweizer Stiftung, die in Bergkarabach seit mehreren Jahren soziale Projekte finanziert, möchte deshalb in der Öffentlichkeit nicht mit Namen auftreten. Der Stiftungspräsident sagt, die Schweizer Botschaft habe ihm davon abgeraten, man wolle keinen Ärger mit Aserbaidschan provozieren. Tatsächlich habe er aus Aserbaidschan schon einmal einen Drohanruf erhalten.

Offiziell sind in Bergkarabach nur das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sowie die Minenräumungsorganisation Halo Trust vertreten. Die USA haben inzwischen aber angekündigt, die Minenräumung nicht mehr zu finanzieren. Immerhin könne die Region auf finanzielle Unterstützung der armenischen Diaspora zählen, ab und zu würden auch Projekte durch internationale Gelder finanziert, sagt Sarine Hayriyan.

Bloss ein politisches Machtspiel

Auf eine solche Unterstützung will Azat Adamyan nicht warten. Der 29-jährige Mann mit Glatze, Bart und Cowboystiefeln ist ein Entrepreneur. Er hat wie alle jungen Männer zwei Jahre Militärdienst geleistet, doch über diese Zeit spricht er ungern. Danach stand für ihn aber fest: «Ich will mein eigener Chef sein.» So eröffnete er den ersten und bislang einzigen Pub in Stepanakert – zwar gibt es Restaurants und Cafés, er aber wollte einen Raum, wo er sich ungezwungen mit seinen Freunden treffen konnte.

«Zur Eröffnung lud ich ein paar Freunde ein und hatte vier Flaschen Hochprozentiges bereit», erzählt er. Doch schon bald waren so viele Gäste im Pub, dass er zum Supermarkt rennen musste, um Nachschub zu besorgen. Gerade im Sommer sei es stets voll, dann würden sie draussen im Garten sitzen und grillieren. Es scheint, als hätten die Jugendlichen von Stepanakert auf so einen Treffpunkt geradezu gewartet. Doch der Pub ist längst kein Jugendtreff mehr. Gäste jeglichen Alters und aus allen Schichten kämen inzwischen bei ihm auf einen Drink vorbei, auch Tourist*innen, Mitarbeitende von internationalen Organisationen, selbst Regierungsangestellte und Parlamentarier*innen.

Noch kann Adamyan nicht von seinem Pub leben, gerade im Winter hat er weniger Gäste und jobbt deshalb zusätzlich an der Rezeption eines Hotels. Von der Regierung Bergkarabachs erhält er keine Unterstützung, er hat alles selbst bezahlt. Steine in den Weg gelegt hätten sie ihm aber nicht, sagt er: «Eines Tages rief ein Freund an, der beim Steueramt arbeitet, und sagte, dort wisse man von meinem Pub und würde in den nächsten Tagen zur Kontrolle vorbeikommen.» Adamyan erinnert sich, wie sein Herz in die Hose sackte. Er brauchte eine Ausschanklizenz! Mit mulmigem Gefühl eilte er zur Verwaltung – und hatte zu seiner grossen Überraschung bereits nach einer halben Stunde die Bewilligung im Sack. Das seien dann wohl die Vorteile in einem nicht anerkannten Staat, witzelt er: «Manche Dinge funktionierten hier eben einfacher.»

Wahrscheinlich seien die Behörden sogar dankbar, dass Einzelpersonen solche Angebote selbständig in Angriff nehmen würden, meint er – und plant bereits sein nächstes Projekt: ein Campingplatz für die – wie er hofft – zunehmende Anzahl an Tourist*innen. In der Tat war deren Zahl vor Covid19 in den letzten Jahren steigend: 2019 verzeichnete Bergkarabach fast 42 000 Gäste aus dem Ausland, eine Zunahme von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten kommen aus den USA, Frankreich, Libanon, Russland und Deutschland. Bei Adamyan im Pub scheint der Konflikt auf jeden Fall weit weg, Politik sei selten ein Thema. «Ich will auch nicht, dass man über Politik spricht. Wir haben uns hier doch schon längst alle an diese Situation gewöhnt.»

Er sehe den Konflikt mit Aserbaidschan lediglich als politisches Machtspiel. «Wir wollen keinen Krieg, sondern unsere Heimat beschützen», sagt er. Unter Heimat versteht er aber nicht Bergkarabach, sondern Armenien. Er wünscht sich den offiziellen Anschluss an Armenien, er nennt es «Wiedervereinigung». Diese Meinung teilt auch Sarine Hayriyan. «Es ist völlig ineffizient, einen ganzen Staatsapparat für so ein kleines Gebiet aufrechtzuerhalten», sagt sie. Die Meinungen in der Bevölkerung gehen allerdings auseinander: Viele sind für die Unabhängigkeit von Bergkarabach als international anerkannter Staat. Was sich niemand vorstellen kann, ist eine Rückkehr unter aserbaidschanische Kontrolle.

Ist da noch Hoffnung?

Seit fast drei Jahrzehnten hängt der Konflikt im Südkaukasus zwischen Krieg und Frieden. Die Entfremdung nimmt ebenso zu wie der Hass.

Text: Sara Winter Sayilir

Fast dreissig Jahre ist es her, dass Armenien und Aserbaidschan einen Waffenstillstand vereinbarten. Frieden hat sich im Krieg um die Region Bergkarabach jedoch seither keiner eingestellt. Jüngst kam es wieder zu Gefechten entlang der Waffenstillstandslinie, den schwersten seit 2016.

Die Wurzeln des Konflikts reichen mehr als hundert Jahre zurück. Damals schon stritt man in Bergkarabach um die Frage, ob die mehrheitlich armenisch besiedelte Region nun zu Aserbaidschan oder zu Armenien gehöre. Es war die neue bolschewikische Zentralregierung in Moskau, welche die Region 1923 schliesslich zwar für autonom erklärte, sie aber unter die administrative Kontrolle der Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR) Aserbaidschan stellte. In den 1980er-Jahren entwickelte sich der Konflikt dann zu einem der Katalysatoren des Zerfalls. Der Realsozialismus war wirtschaftlich und ideologisch am Ende, nationale Ideen und Bewegungen in den einzelnen Teilen der UdSSR wuchsen schnell. Bis dahin hatten Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen vielerorts friedlich zusammengelebt, gemischte Ehen waren nicht ungewöhnlich.

1987 schickten die Armenier*innen in Bergkarabach eine Petition nach Moskau, in der sie den Wunsch nach Anschluss an die SSR Armenien formulierten. In Bergkarabach, in Armenien und Aserbaidschan strömten massenhaft Menschen auf die Strasse. Die SSR Aserbaidschan war damals mit knapp sieben Millionen Menschen (1988) rund doppelt so bevölkerungsreich wie die SSR Armenien und ethnisch sowie religiös weitaus diverser. Besonders die Grossstadt Baku galt als «melting pot», Russisch war dort die Lingua franca. Die angespannte Stimmung sowie die Sehnsucht nach Selbstbestimmung führte zu einer starken und schnellen Entfremdung von Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen. Alte Feindbilder und Traumata vom Anfang des Jahrhunderts wurden mit nationalistischen Emotionen aufgeladen und fanden rasche Verbreitung.

Im Februar 1988 wurden in einem Ausbruch von Gewalt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen zwei Aserbaidschaner getötet. Dann ging alles sehr schnell: In der aserbaidschanischen Stadt Sumqayit kam es zu einem Pogrom an Armenier*innen mit 25 Toten und mehreren hundert Verletzten. Daraufhin flüchteten viele Armenier*innen aus der SSR Aserbaidschan ins Nachbarland. Gleichzeitig brachen in der Region Bergkarabach bewaffnete Kämpfe aus, während die weit entfernte Zentralregierung der UdSSR unter Michail Gorbatschow sich bemühte, die Lage am südlichen Rand der Union unter Kontrolle zu bekommen. Im sogenannten Schwarzen Januar 1990 kam es in Baku zu weiteren antiarmenischen Pogromen, nach denen die letzten verbliebenen Armenier*innen das Land verliessen. Erst als die Gewalt bereits abebbte, griff Moskau ein. Über 20 000 sowjetische Soldaten gingen in Baku auf die Protestierenden los, es gab zahlreiche Tote. Es war das erste Mal, dass die sowjetische Armee eine sowjetische Stadt gewaltsam unter Kontrolle brachte. Das Vertrauen in die sowjetische Führung war endgültig dahin. Im August und September 1991 erklärten die Sozialistischen Sowjetrepubliken Aserbaidschan und Armenien kurz nacheinander ihre Unabhängigkeit von der UdSSR – deren Auflösung am Ende desselben Jahres verkündet wurde.

Die Kämpfe um Bergkarabach dauerten bis 1994. Im Verlauf des Krieges kamen 20 000 Menschen ums Leben, etwa eine Million wurden zu (teils im eigenen Land) Vertriebenen, die Mehrheit davon Aserbaidschaner*innen. Das damals militärisch überlegene und in sich geschlossenere Armenien nahm neben der umkämpften Region Bergkarabach sieben weitere Gebiete Aserbaidschans ein. Die 1994 vereinbarte Waffenstillstandslinie wird nicht international überwacht und ist von Gräben, Minenfeldern und Scharfschützen gesäumt. Immer wieder kommt es zu Gefechten.

Die Friedensverhandlungen haben bisher kein nachhaltiges Ergebnis gebracht. Geleitet werden sie von der «Minsker Gruppe» der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), unter dem Co-Vorsitz von Russland, den USA und Frankreich und unter Beteiligung der beiden Kriegsparteien Armenien und Aserbaidschan. Die De-facto-Republik Bergkarabach hat sich zwar für unabhängig erklärt, besitzt eine Verfassung und ein Parlament, wird aber von keinem Staat der Welt anerkannt – nicht einmal von Armenien. Sie ist deshalb auch nicht als eigene politische Partei in den Friedensgesprächen vertreten.

Viele Bedingungen
Seit 2009 gibt es allerdings in Gestalt der «Madrider Prinzipien» einen Kompromissvorschlag für einen Friedensschluss. Dieser beinhaltet die Rückgabe der sieben besetzten Territorien an Aserbaidschan, einen Übergangsstatus für Bergkarabach unter Wahrung von Selbstverwaltung und Sicherheit, einen Landkorridor von Bergkarabach nach Armenien, die Abhaltung eines rechtlich bindenden Referendums über den zukünftigen politischen Status von Bergkarabach, das Rückkehrrecht für alle intern Vertriebenen und Geflüchteten an ihre ehemaligen Wohnorte sowie international garantierte Sicherheit inklusive einer Friedensmission.

Bisher finden die Verhandlungen jedoch grossenteils hinter verschlossenen Türen und einzig auf hoher diplomatischer Ebene statt. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene gibt es vonseiten der Kriegsparteien keinerlei Anstrengungen, eine Annäherung zu erreichen. Im Gegenteil: Initiativen, die für Austausch, Verbindungen und gemeinsame Erfahrungen zwischen allen drei südkaukasischen Republiken gesorgt haben, sind mit dem immer autoritärer agierenden Regime in Aserbaidschan und dessen Druck auf NGOs ab 2014 grossenteils zum Erliegen gekommen.

Dabei wäre zivilgesellschaftlicher Austausch eine notwendige Voraussetzung für Frieden, auch weil ein Grossteil der eher jungen Bevölkerung in beiden Staaten die Zeit vor dem Krieg gar nicht mehr erlebt hat. Sie kennen niemanden aus dem anderen Land, haben keine Erinnerungen an ein friedliches Miteinander und hören seit ihrer Geburt nichts anderes als Kriegsrhetorik. Die negative Darstellung der gegnerischen Seite zieht sich durch die offizielle Geschichtsschreibung, durch Streitereien um die Herkunft gemeinsamer Kulturgüter wie Lieder, kulinarische Spezialitäten oder Bauwerke, aber auch durch innenpolitische Machtkämpfe.

Als es in Armenien im April 2018 zur sogenannten Samtenen Revolution kam, keimte kurz Hoffnung auf einen neuen Anlauf im Friedensprozess auf. Mit dem neuen Premierminister Nikol Pashinyan steht erstmals in der Geschichte der Republik Armenien kein Kriegsveteran an der Spitze. Auch stammt er selbst nicht aus Bergkarabach, anders als viele bisherige hochrangige Politiker. Er ist mit 45 Jahren relativ jung und galt als Hoffnungsträger für einen Wandel. So ersetzte er zahlreiche ranghohe, der Korruption verdächtigte Funktionäre durch neue Leute, tauschte Russland-treue Politiker*innen gegen EU-orientiertes Personal aus.

Pashinyans Machtübernahme wirkte sich zunächst tatsächlich positiv auf den Friedensprozess aus, die Zusammenstösse entlang der Kontaktlinie nahmen ab. Doch bald kühlte die Stimmung wieder ab. Im August 2018 trat Pashinyan einer Menschenmenge in Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert mit den Worten «Artsakh ist Armenien!» entgegen und plädierte für eine Vereinigung mit Armenien. In Aserbaidschan reagierte man verärgert.

Im Juli dieses Jahr kam es dann zu den schwersten militärischen Auseinandersetzungen seit dem Vier-Tage-Krieg von 2016, und zwar untypischerweise nicht in Bergkarabach selbst, sondern 300 Kilometer nördlich, an der internationalen Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan. Hier wurde seit den 1990er-Jahren nicht mehr gekämpft. Wer angefangen hat, ist ungeklärt. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig der Provokation.

Zwei Tage nach Beginn der ersten Kämpfe versammelten sich inoffiziellen Schätzungen zufolge rund 30 000 Menschen in Baku, verlangten ein härteres Vorgehen von der Armee und riefen Slogans wie «Karabach ist unser!» und «Schluss mit der Quarantäne, beginnt den Krieg!». Die Polizei liess die Menschenmenge grossenteils gewähren und griff erst ein, als eine Gruppe das Regierungsgebäude stürmte.

Marode und korrupt

In einem Interview mit der Nachrichtenplattform eurasia.net schätzte der Politologe Zaur Shiriyev von der International Crisis Group die Stimmung in Aserbaidschan wie folgt ein: «Dies ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass eine so breite Bewegung von der Regierung in Bezug auf die Entwicklungen an der Front aktiveres Handeln verlangt. Die Regierung wird das sicher nutzen, um internationalen Druck auf Armenien zu fordern.» Innenpolitisch aber stelle sich die Frage: Wie befriedigt man die Forderungen der Protestierenden? Investitionen in eine Verbesserung der schlechten Lebensbedingungen der Menschen in den Grenzgebieten und entlang der Kontaktlinie könnten eine Möglichkeit sein, um den Missmut der Bevölkerung zu dämpfen, so Shiriyev. Von offizieller Seite wurde die Grossdemonstration kaum kommentiert. In Armenien ist vor allem Nikol Pashinyans Umgang mit der Covid-19-Pandemie Gegenstand massiver Kritik vonseiten der extremen Rechten und von Vertreter*innen der ehemaligen Regierung. Allerdings geniesst Pashinyan weiterhin breite Unterstützung und äusserte sich kürzlich für eine friedliche Lösung in der Bergkarabach-Frage.

Möglicherweise spielt die Pandemie auch eine Rolle in den aktuellen Auseinandersetzungen: Beide Regierungen stehen deswegen unter hohem Druck. Die Gesundheitssysteme sind marode und von Korruption gezeichnet, die Wirtschaft leidet, die Arbeitslosigkeit steigt und die hohen Ansteckungszahlen in direkter Nachbarschaft der Hot Spots Russland, Iran und Zentralasien geben wenig Anlass zu Hoffnung. Ein neuer Krieg würde die Situation nur verschlimmern, kleinere Gefechte aber könnten ein wirkungsvolles Ablenkungsmanöver von den massiven Schwierigkeiten darstellen, mit denen beide Regierungen zu kämpfen haben. Das werfen sich die Regierungen zumindest gegenseitig vor. Die grosse Demonstration in Baku hat gezeigt, wie schnell ein solches Kalkül auch nach hinten losgehen könnte.

Unruhige Region, instabiles Umfeld

Wirtschaftlich hält der Konflikt beide Staaten gefangen. 2015 rechnete Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik SWP vor: Das durch Öl- und Gasvorkommen reich gewordene Aserbaidschan gibt mit damals mehr als vier Milliarden US-Dollar mehr Geld für sein Militär aus, als das gesamte armenische Staatsbudget umfasst. Allerdings besitze auch das deutlich kleinere und ressourcenarme Armenien proportional zu seiner Bevölkerungsgrösse und Wirtschaftsleistung eine der höchsten Verteidigungsausgaben weltweit.

Das eher problematische internationale Umfeld mit Russland im Norden, Iran im Süden und der Türkei im Osten der Region sind nicht gerade förderlich für den Frieden. Dazu kommen die Öl- und Gasvorräte im Kaspischen Meer, die Aserbaidschans Oligarchen zu einem enormen Reichtum verholfen haben. Russland wird traditionell auf der Seite Armeniens verortet und positioniert sich als dessen Sicherheitsgarant, pflegt aber auch mit Aserbaidschan pragmatisch einen guten Austausch und hat vor allem Interesse an bleibendem Einfluss in der Region.

Die Türkei hat aufgrund der historischen Last des Genozids an den Armeniern im Jahr 1915 ein hochproblematisches Verhältnis mit der Republik Armenien und sucht offen die Nähe mit Aserbaidschan, bleibt militärisch jedoch bisher zurückhaltend. Und Iran, entgegen aller religionspolitischen Klischees, unterstützt unter anderem aufgrund von Streitereien um die Grenzziehung im Kaspischen Meer sowie aus Angst vor dem Unruhepotenzial der grossen aserbaidschanischen Minderheit im Inland eher das christliche Armenien als das muslimische Aserbaidschan – unter anderem mit Gaslieferungen.