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Grafik: Bodara; Quelle: BFS

Die Sozialzahl
Lohn und Geschlecht

Die Diskussion über unterschiedlich hohe Löhne für Frauen und Männer reisst nicht ab. Noch macht die Differenz 20 Prozent aus. Weniger beachtet wird ein strukturelles Problem des privatwirtschaftlich organisierten Arbeitsmarktes. Frauen und Männer sind in unleicher Verteilung in den verschiedenen Branchen erwerbstätig. In Tieflohnbranchen wie dem Gastgewerbe, der Hotellerie oder dem Detailhandel arbeiten deutlich mehr Frauen als in Hochlohnbranchen wie dem Banken­ und Versicherungswesen oder der pharmazeutischen Industrie. Diese branchenspezifischen Unter­ schiede spiegeln sich im Lohnvergleich zwischen den Geschlechtern. Rund zwei Drittel aller Erwerbstätigen, die in einem Monat weniger als 4000 Franken (auf eine Vollzeitstelle gerechnet) brutto verdienen, sind Frauen. In den mittleren und höheren Lohnsegmenten sieht es ganz anders aus. Der Anteil der Frauen, die mehr als 4000 Franken, aber weniger als 8000 Franken brutto bei einem Beschäftigungsgrad von 100 Prozent verdienen, beträgt noch 28,2 Prozent. Und bei einem Verdienst für eine Vollzeitstelle von über 16 000 brutto monatlich macht der Anteil der Frauen noch 18 Prozent aus. Die Gründe für diese Unterschiede sind vielfältig. Tieflohnbranchen sind typischerweise auch Teilzeitbranchen. Frauen arbeiten gerade während der Familienphase überdurchschnittlich oft Teilzeit. Tieflohnbranchen sind zudem häufig von einfacher Arbeit geprägt, für die es keine lange Ausbildung braucht. In diesen Branchen – Gastge­werbe, Hotellerie, Reinigung, Privathaushalte – finden sich darum auch sehr viele Frauen mit Migrationshintergrund und prekärem Aufenthaltsstatus. Diese Situation kommt den Unternehmen in diesen Wirtschaftszweigen entgegen. Zugleich tun sich die Gewerkschaften bis heute schwer, in diesen Bereichen der Privatwirtschaft Fuss zu fassen. Schwieriger ist es, den geringen Anteil der Frauen in Branchen zu erklären, in denen hohe Löhne erzielt werden kön­nen. Der Verweis auf die Bildungsunter­ schiede zieht immer weniger, denn in den letzten zehn Jahren haben die Frauen in grossen Schritten aufgeholt. Der Anteil der Frauen mit tertiärem Bildungsabschluss gleicht sich zuneh­mend jenem der Männer an. Allerdings lassen sich hier durchaus noch ge­schlechtsspezifische Muster beobachten. So ist die Anzahl der Frauen, die in den sogenannten MINT­-Fächern ab­schliessen, nach wie vor gering. Mathe­matik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik sind noch immer nicht jene Wissensgebiete, in die Frauen glei­chermassen streben wie Männer. Und dies, obwohl hier die Lohnaussichten be­ sonders gut sind. Schliesslich zeigen sich auch geschlechts­spezifische Unterschiede in den Kar­riereverläufen. Frauen sind seltener in Kaderfunktionen als Männer. Wie viel das mit der vielzitierten gläsernen Decke zu tun hat, wonach Frauen wegen den ihnen fehlenden sozialen Netzwerken in den Betrieben nur schwer nach oben kommen, und wie sehr dies auf die unter­ schiedlichen biografischen Verläufe von Frauen und Männern zurückzuführen ist, muss an dieser Stelle offen­ bleiben. Fakt aber ist: Männer können eine Familie mit ihrem Lohn sehr viel häufiger durchbringen als Frauen. Das alte Familienmodell – der Mann als vollzeitlich beschäftigter «Ernährer», die Frau als teilzeitbeschäftigte Erwerbs­tätige sowie Kinder betreuende, Angehö­rige pflegende und die sozialen Bezie­hungen unterhaltende Person – ist nach wie vor das Mass aller Dinge.