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Serie «Die Unsichtbaren»
«Manchmal fühle ich mich wie ihre Tochter»

Sich abzugrenzen ist schwierig, das schlechte Gewissen meldet sich immer wieder. Denn Care-Arbeiterinnen wie Elena A. kommen den Menschen, die sie betreuen, emotional nahe.

Als die Familie von Frau K.*, 81 Jahre alt und demenzkrank, Elena A.* fragte, ob sie sich vorstellen könne, im selben Zimmer zu schlafen wie Frau K., wurde ihr eng. Dabei kennt Elena A., 58, Frau K. schon seit gut zwei Jahren.

Damals begann Frau K. ihre Sachen zu verlegen, mal war es ein Schlüssel, mal eine Haarbürste, sie reagierte unwirsch auf Geräusche oder wurde aggressiv. Einmal packte sie ihren Enkel an den Haaren, einfach so. In ein Altersheim, das kam für Frau K., die zwischendurch klar und bestimmt ist, nicht infrage. Daraufhin engagierte ihre Tochter übers Internet eine, wie das heisst, «24-Stunden-Betreuung», eine Person, die bei ihrer Mutter wohnt und quasi rund um die Uhr für sie da ist.

So kam Elena A. in das Haus von Frau K. – und in ihr Leben. Elena A. macht diese Arbeit seit 13 Jahren, lange war sie in Interlaken, jetzt in der Nähe von Biel. Im Schnitt bleibt sie für einen oder zwei Monate bei Frau K., dann reist sie für drei Wochen zurück nach Rumänien, wo ihr Mann und ihre beiden Söhne leben. Der jüngere ist noch am Studieren; mit dem Geld, das sie in der Pflege verdient, will sie ihn unterstützen. Ihr Mann arbeitet Teilzeit, sein Rücken macht ihm zu schaffen, seit er vor paar Jahren auf dem Bau einen Unfall hatte. Ist Elena A. wieder zurück bei Frau K., macht sie den Haushalt, sie putzt, kauft ein, kocht, bügelt, füttert die Katzen, sie badet Frau K., föhnt ihr Haar, cremt sie ein, sie hört ihr zu oder erzählt von sich, von ihrer Kindheit und wie das war im Kommunismus.

Frau K. sei nett und höflich und zivilisiert, sagt Elena A., nur in letzter Zeit, da gebe sie ab. «Sie schreit mich an, sagt unschöne Dinge, in der Nacht muss ich dreioder viermal aufstehen, sie kann nicht mehr alleine sein. Ich glaube, sie hat Angst vor dem, was noch kommt, vor dem Tod.» Elena A. setzt das zu, sie fühlt sich oft hilflos, ist erschöpft, es plagt sie das schlechte Gewissen. Als sie letzte Weihnachten für vier Tage nach Hause flog, hatte Elena A. das Gefühl, sie müsse eigentlich in Biel sein und nicht in Bukarest. «Ich kenne Frau K. inzwischen besser, als ihre Familie sie kennt. Sie steht mir nahe, manchmal fühle ich mich wie ihre Tochter.»

Probleme mit der Abgrenzung

So kam Elena A. in das Haus von Frau K. – und in ihr Leben. Elena A. macht diese Arbeit seit 13 Jahren, lange war sie in Interlaken, jetzt in der Nähe von Biel. Im Schnitt bleibt sie für einen oder zwei Monate bei Frau K., dann reist sie für drei Wochen zurück nach Rumänien, wo ihr Mann und ihre beiden Söhne leben. Der jüngere ist noch am Studieren; mit dem Geld, das sie in der Pflege verdient, will sie ihn unterstützen. Ihr Mann arbeitet Teilzeit, sein Rücken macht ihm zu schaffen, seit er vor paar Jahren auf dem Bau einen Unfall hatte. Ist Elena A. wieder zurück bei Frau K., macht sie den Haushalt, sie putzt, kauft ein, kocht, bügelt, füttert die Katzen, sie badet Frau K., föhnt ihr Haar, cremt sie ein, sie hört ihr zu oder erzählt von sich, von ihrer Kindheit und wie das war im Kommunismus.

Probleme mit der Abgrenzung hatte auch Elena A., als sie gefragt wurde, ob sie nicht die Nächte bei Frau K. im selben Zimmer verbringen könne. Unangenehm sei ihr das gewesen, doch sie hat geschwiegen. Aus Sorge, Frau K. könne ihr das verübeln. Und weil sie dieses schlechte Gewissen hat.

Ein schlechtes Gewissen plagt auch die Tochter von Frau K., Maria*, 43, Beraterin, geschieden, Mutter eines 13-Jährigen. Bevor sie Elena A. engagierte, hatte sie sich um ihre Mutter gekümmert. Sie machte die grossen Einkäufe, putzte und wusch, holte sie auf eine Autofahrt ab, meist sonntags. «Bis das mit der Demenz und den Wutanfällen kam, da bekam ich Panik und wusste nicht mehr weiter. Ich arbeite Teilzeit, habe mein Kind, muss mir auch so schon jede freie Minute erkaufen. Und mein Bruder kann es nicht gut mit der Mutter.»

Dass ihr die eigene Mutter zur Last wird, das würde Maria K. bestreiten. Die Frage aber, was wir den eigenen Eltern schulden, treibe sie schon um. «Ich habe doch auch mein eigenes Leben, musste mir meine Unabhängigkeit erkämpfen. Die Mutter selber zu pflegen, hiesse ja: meine Karriere auf Eis legen. Kann ich das? Will ich das?» Die Antwort auf diese Fragen ist Elena A. Sie, die manchmal von Frau K. als «Mutter» redet, und von der Maria sagt, sie halte ihr einen Spiegel des eigenen Unvermögens hin, vielleicht sogar des Scheiterns – als Tochter und als Frau, die doch diese Rolle als selbstlos aufopferndes Wesen von sich weisen wollte, sie jetzt aber an eine andere Frau delegiert.

Das Modell «24-Stunden-Care» schien ihr passend, auch in finanzieller Hinsicht, wie sie einräumt. «Ein Altersheim kostet 10 000 im Monat, das können wir uns nicht leisten.» Die Onlineplattform, über die sie Elena A. gefunden hat, ist eine blosse Vermittlungsagentur, den Arbeitsvertrag hat Maria K. mit der Rumänin selbst ausgehandelt: Fair für beide Seiten, wie sie sagt – jedenfalls im Vergleich dazu, was Elena A. in Rumänien verdienen würde.

«Ich bin immer parat»

Von einer Win-win-Situation reden auch die Agenturen, wenn sie ihr Angebot mit Slogans wie «Bezahlbare Pflege, unbezahlbare Herzlichkeit» bewerben. Für die Soziologin Sarah Schilliger ist dies beschönigend. «Die Care-Arbeiterinnen müssen Fixkosten in der teuren Schweiz bezahlen – zum Beispiel Krankenkassenbeiträge» (siehe Interview, Seite 18). Komme hinzu, dass die Care-Arbeiterinnen in der Zeit, da sie daheim sind und sich um ihren eigenen Haushalt kümmern müssen, nichts verdienen. «Sie sind nur für die Zeit bezahlt, in der sie in Schweizer Haushalten im Einsatz stehen – ein Monatslohn muss folglich für zwei Monate reichen», so Schilliger. Im Fall von Elena A. heisst das: 3800 Franken minus 990 Franken Kost und Logis, minus 220 Franken Reisekosten, geteilt durch zwei ergibt 1295 Franken. Bozena Domanska vom Netzwerk «Respekt» weiss von rumänischen Frauen, die für 1000 Franken im Monat 24-Stunden-Care-Arbeit verrichten, ohne Abzüge und schwarz.

Wie lange Elena A. diese Arbeit noch machen wird, weiss sie nicht. Sie brauche das Geld, die Rente in Rumänien sei mager und allein mit dem Lohn ihres Mannes würden sie nicht über die Runden kommen. Wenn sie von ihrem Alltag erzählt, redet Elena A. oft von Müdigkeit, die von einer permanenten Anspannung herrühre. Geht sie einmal die Woche mit ihrer Bekannten auf einen Kaffee, behält sie das Handy die ganze Zeit in der Hand, falls Frau K. anrufen sollte. «Ich bin immer parat, es könnte ihr ja etwas zustossen, dann muss ich für sie da sein.» Ausser ihre Bekannte und die Tochter von Frau K. trifft sie kaum Menschen, sie verbringt die Tage mit Frau K., die viel schläft und immer weniger redet. Oft sind die Nachrichten und kurzen Videos auf dem Handy ihre einzige Verbindung nach draussen.

In letzter Zeit, sagt Elena A., habe sie sich oft vorgestellt, wie es sein wird, wenn Frau K. verstorben ist. Vermutlich werde sie sich erneut um eine Rundum-Pflege in einer Familie bemühen. «Sicher, ich bin auf das Geld angewiesen», sagt Elena A. «Aber das ist nicht alles. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist genauso wichtig.»

* Namen geändert Schwer zu regulieren Betreuung in Haushalten unterliegt bisher nicht dem Arbeitsgesetz.

 

 

Schwer zu regulieren

Betreuung in Haushalten unterliegt bisher nicht dem Arbeitsgesetz.

Neben 40 000 Sans-Papiers sind mehrere zehntausend Frauen aus Polen, Ungarn, Rumänien und der Slowakei in der Schweiz in der 24-Stunden-Betreuung tätig, die Zahl der Agenturen steigt jährlich an. Die Betreuung in Haushalten ist allerdings nur schwer zu regulieren und zu kontrollieren. Bisher ist sie nicht dem Schweizer Arbeitsrecht unterstellt, was das Bundesgericht diesen Januar jedoch relativiert hat: In einem Urteil kommt es zum Schluss, dass die Arbeit von 24-Stunden-Betreuerinnen, die bei einer Personalleihfirma angestellt sind, dem Arbeitsgesetz unterstellt sei. Das Urteil wird von der Branche angefochten, könnte aber zumindest dazu führen, dass der Bundesrat die Normalarbeitsverträge für 24-Stunden-Care-Arbeiterinnen neu überprüft. Der schweizweit gesetzlich geregelte Mindestlohn für Arbeiten in Privathaushalten liegt derzeit bei 3500 Franken pro Monat.

Gewerkschaften raten, sich an Agenturen zu halten, die als Arbeitgeber auftreten, ihren Sitz in der Schweiz haben, eine Bewilligung des jeweiligen Kantons vorweisen können, mindestens zwei Betreuerinnen vermitteln, die sich abwechseln, sowie eine Pauschale von monatlich wenigstens 6000 Franken verrechnen. Das Hilfswerk Caritas stellt mit seinem Programm «Betreuung zuhause» eine umfassende Beratung rund um 24-Stunden-Care-Arbeit zur Verfügung und vermittelt Care-Arbeiterinnen. Für den Fall, dass Familienmitglieder Arbeitgeber (von migrantischen) Angestellten sind, berät die Plattform careinfo.ch über rechtliche Aspekte. Ebenso das von der Gewerkschaft VPOD Basel gegründete Netzwerk «Respekt», das von der polnischen Care-Arbeiterin Bozena Domanska betreut wird.


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