Skip to main content
Verkäufer*innenkolumne
Mein Einstieg bei Surprise

SEYNAB ALI ISSE, 49, verkauft Surprise am Bahnhof Winterthur. Sie stammt aus Somalia und ist Muslima. Ihre 18-jährige Tochter hat die BMS abgeschlossen und zwei Jahre lang ein Praktikum als Fachfrau Gesundheit gemacht – die Lehre danach hat sie wegen des Kopftuchs nicht bekommen. Seynab wünscht sich, dass Menschen nicht auf ihr Äusseres reduziert werden.

Ein Eritreer, der in Effretikon verkaufte, hatte mir von Surprise erzählt, und ich dachte, das will ich auch machen, weil ich aus gesundheitlichen Gründen nicht schwer körperlich arbeiten kann. Ich wäre eigentlich gerne Journalistin geworden, deshalb hat mich das zusätzlich interessiert. Ich ging im damaligen Büro von Surprise vorbei. Die Tür war abgeschlossen und ich habe ans Fenster geklopft. Die Frau, die im Büro arbeitete, machte eine Handbewegung, um mich zu verscheuchen. Ich versuchte es darauf noch drei weitere Male, in der Hoffnung, dass sie mit mir rede. Es war jedes Mal dasselbe. Kaum dass ich anklopfte, scheuchte sie mich weg. Ich dachte, dass ich beim fünften Mal nicht wieder umsonst kommen wollte.

Ich sprach mit meiner Asylbetreuerin, sie fand die Idee gut, dass ich arbeiten wollte, und unterstützte mich. Ich hatte die E-Mail-Adresse von Surprise aufgeschrieben und bat sie, ihnen mein Anliegen zu schildern. Noch während ich bei ihr war, kam die Antwort, ich solle im Büro vorbeikommen. Natürlich wussten sie dort nicht, dass ich die Frau war, die sie schon vier Mal weggeschickt hatten. So ging es mir nun auch beim fünften Mal, aber diesmal liess ich mich nicht vertreiben. Ich hatte die E-Mail ausgedruckt und hielt sie an die Scheibe. Die Frau las die Mail und liess mich herein.

Sie fragte mich, ob ich Deutsch spreche, weil das die Voraussetzung zum Arbeiten sei. Ich sagte, dass ich wenig Deutsch, aber perfekt Italienisch spreche. Sie sprach auch Italienisch. Ich wisse, sagte ich, dass sie misstrauisch sei, weil ich die erste Verkäuferin mit Kopftuch wäre und sie wohl zweifelte, ob die Leute mir das Heft abkaufen würden. Sie sagte, sie habe keinen Platz, nahm mich aber auf die Warteliste. Nach einer Woche hatte sie einen Verkaufsplatz in der Stadt für mich. Nicht allzu gut gelegen, aber ich nahm ihn an. Ich lernte viele Leute kennen und verkaufte gut. Von da an ging ich regelmässig im Büro vorbei. Manchmal brachte ich etwas zum Essen vorbei und wir redeten viel miteinander. Von da an war es gut. Sogar nachdem sie die Stelle gewechselt hat, sind wir in Kontakt geblieben. Unterdessen verkaufen viele Frauen mit Kopftuch Surprise, heute ist es akzeptiert. Der Anfang war aber nicht einfach.


  Anmerkung der Redaktion: Auch wir bei Surprise sind vor rassistischen Reflexen nicht gefeit, aber sehr darauf bedacht, dass so etwas nicht mehr passiert. Die Texte für diese Kolumne werden in Workshops unter der Leitung von Surprise und Stephan Pörtner erarbeitet. Die Illustration zur Kolumne entsteht in Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst, Studienrichtung Illustration.