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Foto: Bodara

Strassenverkaufende
«Mein ganzes Leben krachte zusammen»

Karin Pacozzi, 52, verkauft das Surprise Strassenmagazin in Zug. Sie ist stolz darauf, ihr eigenes Geld zu verdienen – und auf ihre Tochter.

«Mit 18 begann die beste Zeit meines Lebens. Ich ging in Zürich ins Gymi, hatte gute Freunde und ver­ liebte mich. Meine Eltern, die am Zürichsee lebten, waren weit weg; ich ging nur noch zum Schlafen heim. Mit 19 wurde ich schwanger. Mein Freund und ich freuten uns sehr. Wir nahmen uns eine eigene Woh­ nung und bekamen eine wundervolle Tochter. Kurz darauf machte ich die Matur und begann, Ger­ manistik und Geschichte zu studieren. Alles schien perfekt. Doch als ich 22 war, hatte ich einen Zusammenbruch und musste in die Klinik.

Meine Kindheit war geprägt von der Alkoholsucht mei­ nes Vaters und von Missbrauch. Ich hatte das kom­ plett verdrängt. Plötzlich brach die Vergangenheit mit aller Macht hervor, und meine ganze Stärke, meine ganze Idylle, mein ganzes Leben krachten zusammen. Damals glaubte mir niemand ausser meinem Mann. Ich hatte meine Eltern, meine Schwester und sogar meine Psychiaterin gegen mich. Einmal berief diese eine Sitzung ein, an der alle zusammenkamen, um sich auszusprechen. Ich sass auf der einen Seite, alle anderen mir gegenüber. Danach war ich völlig fertig. Ich stieg ins Auto, fuhr an den Platzspitz und kaufte Heroin und Kokain für je 100 Franken. Ich war 23.

Erste Erfahrungen mit Drogen hatte ich schon wäh­ rend der Gymi­Zeit gemacht. Damals probierten wir einfach ein bisschen etwas aus und liessen es da­ nach wieder. Jetzt aber war es anders. Ich nahm die Drogen, um zu vergessen. Das funktionierte leider nur zu gut. Dann erbte mein Mann sehr viel Geld. Das Studium hatte ich aufgegeben, machte aber eine Anlehre als Floristin. Dank des Erbes konnte ich ein eigenes Blumengeschäft eröffnen. Schnell wurde mir alles zu viel, nach einem Jahr gab ich das Geschäft wieder auf. Ich wog nur noch 46 Kilo. Die Ärzte sagten mir, sie müssten mich bald zwangsernähren.

Nach zehn Jahren war das ganze Erbe weg. Mein Mann und ich hatten es für Heroin und Kokain ausge­ geben. Etwa gleichzeitig hatte unsere Tochter eine grosse Krise in der Schule. Sie wollte nicht mehr hin­ gehen und ich fand, dass ich sie ja nicht an den Haa­ ren hinschleifen kann. Wenig später standen der Schulpräsident, der Psychologe sowie einige Beamte vor der Tür. Meine Tochter müsse zur Schule gehen.

Ich zog mit meiner Tochter nach Venedig, in die Ferienwohnung meines Mannes. Es ging uns bestens. Meine Tochter ging wieder gerne zur Schule, lernte schnell die Sprache, man roch das Meer und ich nahm nur noch selten Drogen. Als die Schulzeit zu Ende war, zogen wir zurück nach Zürich – zurück in die Drogen.

Es war eine schwierige Zeit. 2004 hatte ich einen schweren Unfall, 2005 starb mein Mann an einer Über­ dosis. Ich stürzte komplett ab und kam in die Klinik. Mittlerweile bin ich wieder auf den Beinen, wohne in einer eigenen Wohnung und habe meine Sucht im Griff. Seit Kurzem verkaufe ich Surprise. Der Kontakt zu Menschen tut mir gut, und ich bekomme sehr schöne Rückmeldungen. Ich erhalte zwar eine IV­ Rente, aber es ist ein tolles Gefühl, durch meine eigene Arbeit Geld zu verdienen.

Lange hatte ich überhaupt kein Selbstvertrauen. In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine guten Sei­ ten zu sehen: Ich bin intelligent, freundlich, pünkt­ lich und kann alleine wohnen. Pläne habe ich auch: Ich will Sprachen lernen, reisen, ganz weg von den Dro­ gen bleiben und weiter Surprise verkaufen. Natürlich ist mir meine Tochter sehr wichtig. Sie hatte es nicht leicht mit mir. Heute lebt sie ihr eigenes Leben und ist mitten im Studium. Ich bin unheimlich stolz auf sie.»

Aufgezeichnet von Georg Gindely