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Foto: Bodara.

Strassenverkäufer*innen
«Mir gefällt die Mentalität»

Naim Manjgafic, 57, verkauft Surprise beim Coop St. Annahof an der Bahnhofstrasse in Zürich und macht gerne Pizza.

«Ich heisse Naim Manjgafic – das ist zwar kein Schweizer Name, aber doch bin ich Schweizer durch und durch. Ich lebe schon die Hälfte meines Lebens hier und bin stolz auf meinen Schweizer Pass. Ich floh in den 1990erJahren vor dem Krieg in Bosnien, seither ist die Schweiz mein Zuhause. Ich könnte nicht mehr in Bosnien leben. Mir gefällt die Mentalität hier – nicht ständig diese Nervosität, diese Anspannung. An den grossen bosnischen Familienfesten mit lauter Musik, viel Schnaps, Fleisch und Käse bin ich oft überfordert. Ich mag zwar Käse und Feste, aber mir ist der Schweizer Käse lieber – und ruhige Schweizer Feste mit Kaffee und Kuchen.

Zudem lebt der grösste Teil meiner Familie ausserhalb von Bosnien. Ein Bruder ist im Bosnien-Krieg umgekommen, ich habe noch einen Bruder in Amerika, einen in Russland und zwei meiner Geschwister leben in der Schweiz. Mit ihnen habe ich viel Kontakt.

Sonst fällt mir das Pflegen von sozialen Kontakten schwer. Ich hatte vor einigen Jahren einen Arbeitsunfall, ich bin beim Putzen auf den Kopf gefallen. Durch den Aufprall wurde im Gehirn das Sprachzentrum beschädigt. Seither spreche ich nicht mehr so deutlich und vergesse immer wieder Wörter. Zudem sind seit dem Unfall ein Fuss und eine Hand steif. Das verunsichert die Leute irgendwie.

Aus diesem Grund bin ich nicht mehr zu 100 Prozent arbeitsfähig. Früher habe ich eine Zeit lang in der Pflege gearbeitet. Danach war ich über zehn Jahre in der Reinigung tätig, unter anderem bei McDonald’s, wo ich den Unfall hatte. Ich hatte bereits in Bosnien einen Arbeitsunfall, dort war ich danach auf mich allein gestellt. Darum schätze ich es, dass die Menschen in der Schweiz Unterstützung erhalten. Wenn du arbeitest, kriegst du Lohn; wenn du einen Unfall hast, wirst du unterstützt. Ich habe von Anfang an hier gearbeitet und mich korrekt verhalten, konnte meinen F-Ausweis in einen B-Ausweis umwandeln, meinen B-Ausweis in eine Niederlassungsbewilligung, und irgendwann wurde ich offiziell Schweizer. Daher möchte ich mich korrekt verhalten und einen Beitrag an das Sozialsystem leisten. Ein kleines Pensum in der Reinigung kann ich noch übernehmen. Ich würde gerne mehr ‹schaffe›, doch das ist wegen meiner körperlichen Behinderung nicht möglich.

Seit dreizehn Jahren verkaufe ich Surprise-Hefte. Ich bin manchmal bis zu sechs Tage in der Woche für Surprise unterwegs. Nur wenn es fest regnet, reduziere ich mein Pensum. Regen mag ich gar nicht.

Aber die Arbeit für Surprise schon. Der Heftverkauf ist nicht nur ein Nebenjob, sondern auch ein Hobby für mich. Dabei kann ich meine wenigen sozialen Kontakte pflegen, plaudern, Kaffee trinken und ab und zu eine neue Freundschaft knüpfen. Ohne Surprise wäre ich viel öfters allein daheim, das würde mir wahrscheinlich nicht guttun. Ich habe es immer wieder erlebt, dass Leute zuhause aus Langeweile auf dumme Ideen kommen und nur noch rauchen und trinken. Ich will am Leben teilhaben, so gut es geht, und brauche daher einen geregelten Alltag.

So freue ich mich am Abend auch auf das Heimkommen. Nach einem anstrengenden Tag bereite ich mir am liebsten eine grosse italienische Pizza mit Schweizer Käse zu. Dabei schätze ich es, dass in der Schweiz ab 22 Uhr eine Nachtruhe gilt. Das Einzige, was mich hier wirklich stört, sind die hohen Mieten. Dass ich mich über solche Dinge beklage, ist auch typisch schweizerisch. Ich bin schweizerischer als viele Einheimische.»