Skip to main content

Hans Rhyner mit seiner Mutter Anna.

Armut
Mit schlechten Karten

Gewöhnlich sprich Surprise-Stadtführer Hans Rhyner selbst über Armut und Ausgrenzung. Für einmal aber überlässt er das Wort seiner 85-jährigen Mutter Anna.

«Meine Mutter in Elm, Anna Rhyner Kubli, geb. 01.02.1934 steht 1971 mit 6 Kindern alleine als Wittfrau da. Dieser Mensch hätte einiges zu erzählen über Armut, die es in der reichen Schweiz gibt seit jeher. Bitte um Rückruf.» Mit diesen Zeilen, sorgfältig mit blauem Kugelschreiber auf ein quergelegtes, weisses A4-Papier geschrieben, schliesst Surprise-Verkäufer und -Stadtführer Hans Rhyner den Brief, der Ende April die Redaktion erreicht.

Einen Monat später sitzen Hans Rhyner und Anna Rhyner Kubli kurz vor Mittag im kleinen Garten der Bierstube Scheidegg in Zürich Wiedikon. Die Plastikstühle unter den Feldschlösschen-Sonnenschirmen sind gut besetzt, man spielt Karten oder schaut still vor sich hin, trinkt Bier oder Rosé. Auf dem Tisch von Mutter und Sohn stehen zwei Gläser Mineral, doch auf den Alkohol werden sie an diesem Mittag immer wieder zu sprechen kommen.

Aber erstmal wird bestellt, Hans lädt ein, darauf besteht er. Peter Conrath, ebenfalls Surprise-Stadtführer und -Verkäufer, wirbelt am Grill, seit diesem Frühling kocht er hier in der Scheidegg. Am Nebentisch macht Surprise-Kollege Ruedi Kälin Mittagspause. Hans hat seine Mutter hierher mitgenommen, von Elm im hinteren Sernftal, 7 Einwohner pro km2, in den Zürcher Kreis 3, 5723 Einwohner pro km2, um ihr seine Welt zu zeigen. Nach dem Mittagessen werden sie dem Zürcher Surprise-Büro einen Besuch abstatten, dann wird Hans seine 85-jährige Mutter wieder zurück nach Elm begleiten. Sie lebt noch immer in dem Haus, in dem sie Hans mit seinen drei Brüdern und zwei Schwestern aufzog.

«Seit zwei, drei Jahren habe ich das Gefühl, der Hans hat sein Leben im Griff», sagt Anna. Hans bläst den Rauch seiner Zigarette aus, sagt erst nichts, um schliesslich ein gelassenes «Ja, ja» von sich zu geben. Aber es soll hier nicht um ihn gehen. Jetzt soll seine Mutter von sich erzählen, von einem Leben, das für viele steht in Annas Zeit, vor allem für die Frauen. Ein Leben, in dem man nicht danach gefragt wurde, wie man es denn gerne hätte, sondern tat, was einem gesagt wurde. «Bei ihr ging es immer um das Müssen. Da gab es keine Wahl», sagt Hans.

Die Männer in dieser Geschichte trinken entweder, oder sie sterben. So wie Annas Vater, Mineur in den Schieferminen von Elm, der seiner Staublunge erliegt, als sie in der ersten Klasse ist. Sie sind sechs Kinder, die Mutter geht waschen und putzen, die Grossmutter schaut zu den Kindern. Mit 12 beginnt für Anna das Arbeitsleben: Nach der Schule muss sie bei einer Bauersfrau den Haushalt machen, putzen, waschen, Bsetzistei fegen. Dann besorgt sie den Haushalt eines Wittwers, ohne Lohn, nur für Kost. «Das Essen dort war schrecklich, das beste waren noch die geschwellten Kartoffeln», erinnert sie sich. Später hilft sie bei einer Bäckerfamilie im Dorf, hütet deren Zwillinge, arbeitet in der Backstube mit, hackt und schleppt Holz für den Ofen.

Nach der Konfirmation, mit etwa 16 also, holt eine Tante sie nach Zürich. «Herrenhaus» nennt sie den Ort, an dem sie dort als Privatköchin arbeitet. Sie kocht schon immer gerne, die Arbeit gefällt ihr. Eine Lehre darf sie aber nicht machen: «Meine Brüder wollten nicht, dass ich in der Stadt bleibe, aus Angst, ich könnte in schlechte Gesellschaft geraten», erinnert sie sich. «Sie war sehr hübsch», sagt Hans, weil es Anna nicht sagt.

Zurück im Kurort Elm arbeitet sie in einem der Hotels, erst um acht Uhr abends kommt sie jeweils heim. Daneben geht ihr Leben weiter wie zuvor: Sie hilft beim Bäcker aus, putzt, wäscht. Schliesslich kommt sie als Putzhilfe zu einer Bauernfamilie. Der Sohn des Hauses verguckt sich in das schöne Dienstmädchen, und im Alter von 19 Jahren heiratet Anna den 12 Jahre älteren Jakob.

«Ob er sie liebhatte, weiss ich nicht», sagt Hans über seinen Vater. «Momoll», sagt Anna. «Eifersüchtig war er, aber Angst musste ich vor ihm keine haben. Er war kein Alkoholiker und er hat nicht geschlagen.»

Der Vater arbeitet im Dorf als Nachtwächter, und wenn er mal nicht kann, geht Anna und nimmt Hans mit. Auf der nächtlichen Runde wird im Dorf zum Rechten geschaut. Elm ist ein Föhndorf, und wenn der Wind kommt, darf keine Glut herumliegen. Raucher, die in der Nacht herumstehen, werden ermahnt und die Öfen der Haushalte kontrolliert.

Ein Leben im engen Tal

Hans ist der zweitälteste Sohn. Als er 15 ist, stirbt der Vater. Nach dem zweiten Herzinfarkt am selben Tag meint der Arzt bloss, er solle jetzt liegen, dann werde das schon wieder. Nachts um halb eins kommt der dritte Infarkt. Der Vater stirbt im Bett neben Anna, «mit ausgebreiteten Armen». Als die kleinste Tochter ins Zimmer kommt, will sie ihm die Augen wieder aufmachen. «Das sind die Sachen, an die man sich erinnert im Leben», sagt Anna.

Sie ist jetzt 37 und hat sechs Kinder. Die Witwenrente reicht nicht. Sie arbeitet als Mädchen für alles im Hotel Sardona, in der Küche, auf der Etage, in der Waschküche. Das Land, auf dem die Familie noch Heu gemäht hat, um das Futter dann an andere Bauern zu verkaufen, verpachtet Anna. Die Söhne gehen ins lokale Gewerbe: Der Älteste fährt bei Elmer Citro, der Jüngste lernt Maler. Hans macht eine Schlosserlehre bei der Therma Küchenfabrik in Schwanden.

Und er beginnt zu trinken. Das fremdbestimmte Leben im engen Tal, das seine Mutter so klaglos meistert, setzt ihm zu. Als er nach der Ausbildung keine feste Stelle bekommt, trinkt er immer mehr und fängt an zu spielen. Schliesslich zieht es ihn nach Zürich, wo es damals, in den Siebzigern, genug Arbeit gab. Und Partys. «Beim Feiern habe ich nichts ausgelassen, und die Jobs wechselte ich wie andere Leute die Unterhosen», sagt Hans. Der Vater habe ihm gefehlt. «Ich höre bis heute seine Worte: Geh achtsam mit dem Geld um, trink nicht zu viel, sei pünktlich bei der Arbeit. Aber eben, es kam anders.»

Nach dem Tod des Mannes bekommt Anna eine Beiständin. Sie könne mit dem Geld nicht umgehen, heisst es. «Dabei hatten wir keine Schulden», so Anna. Ihr Mann hat zwei Jahre vor seinem Tod noch eine Liegenschaft verkauft. Aber eine Frau alleine mit sechs Kindern? In der Schweiz der Sechzigerjahre kann man sich nicht vorstellen, dass das gut geht.

Der Mann der Beiständin ist der Buschauffeur im Dorf. Jeden Monat, so Anna, habe er im Hotel Sardona ihren Lohn abgeholt und zu seiner Frau aufs Amt gebracht. Auch der Pächter des Graslandes lieferte den Zins direkt ans Waisenamt. Anna muss regelmässig bei der Behörde vorbei, um das Geld abzuholen und Rechenschaft über ihre Ausgaben abzulegen. Sie erhält immer gerade so viel, wie sie für den Einkauf und die Rechnungen braucht. «Ich selbst hatte nie einen Franken in der Tasche, mit dem ich etwas für mich selbst hätte machen können», erinnert sie sich.

«Das war der Neid, der spielt hier oben eine grosse Rolle», sagt Hans. «Sie haben ihr einfach den Freund nicht gegönnt.» Die Witwe Anna beginnt ein Verhältnis mit einem Angestellten des Hotels, bald zieht er bei ihr ein. «Sie war verliebt», sagt Hans. «Das ist doch nicht verboten, dass sich eine Witwe verliebt, oder?»

Anna muss ihre Kinder immer wieder mit Geld unterstützen, «vor allem die Buben, die Mädchen sind da ja etwas anders», sagt sie, ohne vorwurfsvoll zu klingen. Hans’ Brüder haben schwierige Ehen. «Alkoholikerinnen», sagt Anna, «die nichts beigetragen haben zum gemeinsamen Leben». Wohl auch deshalb mischt sich das Amt ein, vermutet sie. Irgendwann platzt ihr der Kragen. «Wenn ich mit einem von euch ins Nest gehen würde, hätte ich auch mehr Punkte bei euch», sagt sie einmal zu den Beiständen. «Danach musste ich schleunigst gehen, aber ab dem Tag liessen sie mich in Ruhe.»

Auch Hans droht man mit einem Beistand. «Wenn er gesoffen hat, war er ein ganz Wüster, hat alles umgezerrt», sagt sie. Er macht zwar mehrere Entzüge, hat aber wieder Rückfälle. Anna lässt ihn trotz allem immer ins Haus, weist ihn nie ab. Heute macht Hans einen Bogen um Situationen, in denen die Versuchung zu gross werden könnte. Er ist regelmässig in Elm, um bei Anna nach dem Brennholz zu schauen. Und meist bleibt er auch beim Haus der Mutter: «Im Dorf treff ich nur wieder Leute, die sagen dann: Komm, nimm doch auch so ein einheimisches Kafi, das macht dir doch nichts. Und dann glaub ich denen, statt mir selbst. Das kommt nicht gut.»

Er hofft, dass Anna so lange wie möglich im Haus wohnen bleiben kann. «Wenn du jemandem etwas zuliebe tust, wirst du davon auch nicht wüster» – das habe er von der Mutter gelernt, so Hans. Und dass man mit wenig zufrieden sein könne.

Zum Schluss erinnert sich Hans an den «SamschtigJass». Als das Schweizer Fernsehen vor Jahrzehnten mit Monika Fasnacht aus Elm sendet, sitzt Anna mit am Tisch und jasst. Sie hat schlechte Karten bekommen, spielt aber gut. «Das kann sie», sagt Hans. «Gut jassen, auch mit schlechten Karten.»

«Und verlieren kann ich auch», wirft Anna ein. «Wer nicht verlieren kann, der kann auch nicht jassen.»