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Strassenverkaufende
«Plötzlich stand ich alleine da»

Hosaena Meyer, 34, ging ihren Weg und fand ihr Glück im Berner Oberland. Um ihr Leben zu vervollkommnen, fehlt aber noch jemand.

«Aufgewachsen bin ich in einem Dorf in der Nähe von Keren, der drittgrössten Stadt von Eritrea. Als junge Frau ging ich in die Stadt und arbeitete als Lehrerin. Ich unterrichtete Erstbis Fünftklässler in Mathematik, Tigrinya und Blin, meiner Muttersprache und einer von neun Landessprachen. Längere Zeit hatte ich einen Freund, und als ich schwanger wurde, dachte ich, wir würden heiraten. Doch er wollte das nicht, denn er stammte aus einer christlich-orthodoxen Familie und ich aus einer katholischen.

So kam es, dass ich im Frühling 2008 nach der Geburt von Sabriel alleine dastand. Mit verschiedenen Jobs und der Hilfe meiner Geschwister hielt ich uns beide jahrelang irgendwie über Wasser. Bis ich im 21. August 2014 entschied, in Europa nach einem besseren Leben zu suchen. Um Sabriel nicht zu gefährden, liess ich ihn bei meiner Schwester zurück und flüchtete in den Sudan. Von dort gelangte ich über Libyen und das Mittelmeer nach Italien. Vor fünf Jahren, im November 2014, stellte ich im Empfangszentrum Vallorbe ein Asylgesuch.

Nach ein paar Wochen wurde ich ins Berner Oberland in die Asylunterkunft nach Aeschiried hoch über dem Thunersee gebracht. Unter der Woche, während die Frauen zu den Kindern schauten, schnitt ich im Beschäftigungsprogramm mit den Männern die Bäume, Büsche und Hecken in der Gegend. Ich war froh um diese Arbeit, auch wenn es eine anstrengende Tätigkeit war. Da das ehemalige Blaukreuz-Ferienzentrum gerade erst in eine Asylunterkunft umgewandelt worden war, gab es im Haus einiges zu tun. Einer, der beim Umbau und Einrichten mithalf, war Daniel Meyer – mit ihm bin ich heute verheiratet, wir wohnen in Thun und haben einen zweieinhalbjährigen Sohn.

Surprise verkaufe ich seit letztem Februar. Ein eritreischer Kollege hatte mir davon erzählt, und ich dachte, das sei genau das Richtige für mich. Mein Mann hatte vor einem Jahr einen schweren Motorradunfall und ist deswegen noch immer krankgeschrieben. So kann ich Carlos ein oder zwei Stunden bei ihm lassen und beim Coop Hefte verkaufen. Was ich dort erlebe, vor allem der Kontakt mit den Leuten, stellt mich total auf.

Schwierig ist einzig die lange Trennung von meinem älteren Sohn Sabriel. Seit Jahren hofft die ganze Familie, dass er zu uns in die Schweiz kommen darf. Doch zuerst ging es nicht wegen meiner Aufenthaltsbewilligung, dann gab es Hindernisse und Verzögerungen wegen der Dokumente, denn Sabriel besass keinen Pass. Für den Pass und die Einwilligung zur Ausreise mussten meine Geschwister zuerst seinen Vater finden. Das Ganze wird dadurch erschwert, dass Sabriel inzwischen mit meiner Schwester und ihrer Familie in Khartum ist. Es brauchte mehrmals Kuriere, die mit den Dokumenten zwischen dem Sudan und Eritrea hin und her reisten.

Im Moment sieht es aber besser aus denn je: Wir warten auf das Einreisevisum für Sabriel. Wann es von der Schweizer Botschaft ausgestellt wird, wissen wir nicht. Aber wenn es so weit ist, werde ich nach Khartum fliegen und Sabriel abholen. Sicher würde er die Reise alleine schaffen, er ist ja inzwischen schon elf Jahre alt. Aber ich möchte auch noch meine Schwester sehen. Sie ist an Krebs erkrankt und wird, mit der Bewilligung von Eritrea, im Sudan medizinisch behandelt. Ich hoffe, dass ich die beiden nach mehr als fünf Jahren wiedersehen und in die Arme schliessen kann.»