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Tour de Suisse
Pörtner am Basler Bahnhof

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Auf der berühmt-berüchtigten Passerelle des Basler Bahnhofs, diesem Nadelöhr, durch das zu Stosszeiten Menschenmassen aneinander vorbeiwalzen und sich ineinander verkeilen, wirbelt der Surprise-Verkäufer das Heft durch die Luft, nach dem Vorbild der auf YouTube berühmt gewordenen Amerikaner, die aus der Aufgabe, Hinweisschilder am Strassenrand hochzuhalten, eine Kunstform schufen, Sign Spinning oder Flipping genannt. Ein Heft fliegt aber nicht so gut und lässt sich nicht so spektakulär rotieren wie ein Schild, entsprechend hat der junge Mann einen schweren Stand gegen die Handys, auf welche die Leute starren, und die Zeit, die sie nicht haben.

Die Welt ist in Basel offener als andernorts, am Vierwaldstättersee zum Beispiel, für den unten, in der Eingangshalle, ein riesiges, hodlereskes Wandbild wirbt. Die meisten Sitzgelegenheiten mussten einem Shop weichen, den Kindern ist das egal, sie setzen sich einfach auf den Boden, sie mögen jetzt nicht mehr. Die Reisenden ohne bestimmtes Ziel und die Freunde des Dosenbiers werden nur ausserhalb der Halle toleriert.

Der Durchgang zum ehemaligen Bahnhof SNCF ist geschlossen. Dort, wo früher Frankreich war, wo die Willkürlichkeit von Grenzen und Zollstationen offensichtlich wurde, wo sich zwei Länder in einem Gebäude befanden, wo Reisen nach Paris mit Herzklopfen begannen und Spanienferien mit Ganzkörperkontrollen endeten, entsteht der Westflügel des Bahnhof SBB. Wie Frankreich wohl mit dem Verlust dieses Staatsund Hoheitsgebietes umgeht, die Grande Nation, schon wieder ein bisschen kleiner.

Die Menschen sind unterwegs vom Umland in die Stadt, von einer Stadt in die nächste, von diesem in ein anderes Land. Sie pendeln, unternehmen Ferien- und Weltreisen. Unterscheidbar an der Kleidung und am mitgeführten Gepäck, insbesondere an der Grösse der Rollkoffer. Die einen sind erwartungsfroh und überschäumend, die anderen abgekämpft, auf der letzten Meile, die sich auf einmal endlos zieht. Ein australischer Musiker unterwegs nach Hamburg, mit Gitarre und Sporttasche. Keine Rollen. Profi halt, selbstgenügsam, wetterfest. Ein Lied anstimmend, zur Freude der Kinder. Ein hinkender Hund kämpft sich tapfer vorwärts.

Oben in der Nische bei der Birke, die aus einem echten Stamm und einer künstlichen Krone besteht, gibt es Parkbänke und Tischchen, eine Mülltrennungssammelstelle und einen Defibrillator. Hier darf man sich ohne Konsumzwang ausruhen, eine Art offener Wartesaal. Die Zeit wird genutzt, um sich zu verpflegen, Karten zu spielen, zu zeichnen und, natürlich, aufs Handy zu schauen. Auf der Scheibe über der Rolltreppe klebt die Silhouette einer Ziege.

Für einen Moment herrscht so etwas wie Ruhe, eine kurze Ebbe im Menschenstrom, der gelenkt wird von Ankunfts-, Abfahrts-, Öffnungs- und Arbeitszeiten. Eine Taube fliegt unter dem unregelmässig gewellten Dach hindurch, die ganze Länge, sie weiss genau, wo sie hinwill, im Gegensatz zu den beiden Teenagerinnen, eine davon im FC-Basel-Shirt, die schon zum dritten Mal hier entlanggehen.