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Tour de Suisse
Pörtner am Paradeplatz

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

«Vorwärts nach Zürich Paradeplatz», heisst es im Monopoly, und nicht nur im Spiel führt der Weg dorthin mitunter über das Gefängnis. Stolz steht sie da, die Grossbank Credit Suisse, nur in den Schnörkeln der Fenstergitter findet sich noch die Abkürzung SKA, für Schweizerische Kreditanstalt, die, von Alfred Escher gegründet, ein Symbol des Bundesstaates von 1848 war, genauso wie die Bahnhofstrasse, genauer genommen der Bahnhof oder noch genauer die Eisenbahn.

Damals wurden die Traditionen erschaffen, die so lange hielten und nun nach und nach verschwinden. Die altehrwürdigen Häuser, Sprüngli, seit 160 Jahren hier und für die Schokolade verantwortlich, das Hotel Savoy Baur en Ville, 180 Jahre am Platz, mit der Uhrenboutique im Erdgeschoss. Banken, Uhren, Schokolade, Tourismus. Was landschaftlich die Berge und Seen sind, das sind diese Branchen wirtschaftlich. Die Identität der Schweiz.

Doch die Zeiten ändern sich. Das Gold, das der Legende nach unter dem Pflaster lagert, hat Konkurrenz bekommen vom «grauen Gold», den Immobilien, die exorbitante Preise erzielen. Swatch kaufte das Griederhaus auf der anderen Strassenseite für eine gemunkelte halbe Milliarde Franken. Grieder ist eines der letzten Schweizer Traditionsgeschäfte, die Namen der umliegenden Kleiderhäuser lauten Armani, Zegna, Choo, Hilfiger, Dolce & Gabbana. Wo einst die Schalterhallen waren, die heute nur noch ein Nischendasein fristen, sind edle Modeboutiquen angesiedelt.

Warum auch einzahlen, wenn man ausgeben kann? Der Franken muss rollen. Der Paradeplatz ist kein Platz zum Ausruhen. Im Untergeschoss des ovalen Gebäudes in der Mitte des Platzes gibt es keine Goldvorräte zu sehen, aber ein Züri-WC, die Benutzung kostet einen Franken oder Euro, das ist unten Hans was Heiri, während oben die kleinste Verschiebung im Franken-Euro-Kurs zu veritablen Erdbeben führen kann. Bis in die Achtzigerjahre gab es eine ganze Reihe öffentlicher Duschen, weil diese lange Zeit in den Wohnungen der Angestellten keine Selbstverständlichkeit waren. Eine Kabine ist geblieben, der Preis für die Benutzung beträgt zehn Franken. Im eigentlichen Tramhäuschen sind zwei Kioske und eine «ZVV Contact» genannte Beratungsstelle der Verkehrsbetriebe untergebracht. Löblicherweise wurde keine Mikrofiliale eines Caféoder Imbissanbieters eingebaut, wie sonst überall in Zürich, wo die Gefahr besteht, dass es zu Ansammlungen von Menschen ohne Konsumabsicht kommen könnte.

Dabei bekommt, wer sich auf die bequemen, geschwungenen und gedeckten Bänke setzt, durchaus etwas geboten. Im Minutentakt spucken nicht weniger als acht Tramlinien Menschen auf den Platz. Zielstrebig davoneilende Angestellte der Finanzund Warenhäuser in Business Casual, zwischen den Louis-Vuitton-Taschen auch mal ein Coop-Plastiksack: Umsteigepassagiere, die unmutig die Warteminuten am Handy wegwischen. Die sich etwas verwirrt orientierenden Touristen, bereit für den Rundgang vorbei an den alten Häusern und durch die romantischen Gassen, das Postkartenzürich, das nur noch als Fassade existiert.