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Tour de Suisse
Pörtner in Basel

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Der Claraplatz ist wahrscheinlich nicht der vornehmste Platz Basels, aber an diesem Nachmittag einer der belebtesten. Und auch für den, der selten in dieser Stadt ist, unverkennbar. Trotz Baugerüsten anheimelnd gleich wie immer, leicht aus der Zeit gefallen, mit seinen auch nicht mehr so neuen Filialen amerikanischer Fastfoodund Kaffeeketten, dem «Schiefen Eck» und der gegenüberliegenden Kirche. Gross prangt das Logo der hiesigen, durch verschiedene Besitzerwechsel gebeutelten Zeitung, ein Dancing ist angeschrieben, eine Form von Vergnügungsgaststätte, die es nicht mehr oft gibt.

Auch Warenhäuser, die sich die Mieten in anderen Schweizer Städten nicht mehr leisten können, halten hier die Stellung. So wie es hier zuund hergeht, stellt sich wahrscheinlich die Land-bevölkerung die Stadt vor, wenn sie schlecht träumt. Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarben und Hintergründe eilen und wuseln durcheinander, mit Kopftüchern und Gesichtsmasken, auf Velos, in Trams, zu Fuss, auf Trottinetten, sie sprechen in allerlei Sprachen, sind grell geschminkt, blass und müde, aufgetakelt, in günstiger, zweckmässiger Bekleidung. Mütter mit Kindern, mitunter mit vielen Kindern, Jugendliche, die grinsen, als hätten sie unerwischt etwas angestellt oder heckten etwas aus. Grosse Gruppen junger Männer, die nicht aussehen, als ob sie sich etwas gefallen lassen würden. Touristenfamilien, Bierdosentrinker, Übergewänder und Massanzüge, Sportbekleidung der grosen Marken, mal echt, mal eher nicht. Velofahrer*innen und Fussgänger*innen, die sich unschön kreuzen, sich anknurren, ohne stehen zu bleiben.

Ein alter Mann, der so langsam die Gleise überquert, dass das Tram wohl eine Verspätung einfährt. Taxis, Rollbretter und Veloanhänger sind unterwegs, es ist eng, und doch kommen irgendwie alle aneinander vorbei. Rollstuhl und Kinderwagen gleiten lautlos vorüber, in einem anderen weint das Kind. Einkaufswägelchen werden hier rege verwendet. Entweder sind sie nie aus der Mode gekommen oder wieder en vogue. Eine junge Frau mit dem Cover von «Abbey Road» auf dem T-Shirt gefolgt von einer mittelalterlichen Frau mit einem, auf dem «All you need is love» steht. Die Beatles haben sich vor fünfzig Jahren aufgelöst.

Ein siebenstangiger Mast steht vor der Filiale der Grossbank, die Fahnen hängen schlaff herunter, es geht kein Lüftchen. Eine ältere Dame, die mit nicht mehr oft gesehener Eleganz an ein Geländer lehnt und raucht. An den Tischchen in der Sonne wird beinah mediterran lange sitzen geblieben und Wein getrunken. Ein Streit entbrennt im Tramhäuschen, wo bunt gekleidete Gestalten sitzen. Gegenüber hat der Verein für Gassenarbeit Schwarzer Peter diesen Unterstand nachgebaut, als Pavillon für die Fotoausstellung «(K)ein Teil davon», die soziale Teilhabe und soziale Ausgrenzung thematisiert. Den Pavillon haben Leute von gegenüber mitgebaut, einer öffnet und schliesst ihn jeweils. Die Ausstellung dauert nur zweieinhalb Wochen, auf der Webseite www.schwarzerpeter.ch kann auch danach noch der Podcast zur Ausstellung gehört werden. Ein Hund macht auf das Trottoir, die Besitzerin nimmt es geübt auf. Wer die Stadt nicht mag, dem wird es nicht gefallen, wer es gern hat, der kann Tage hier verbringen.