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Tour de Suisse
Pörtner in Biel/Bienne

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Zwei in Hawaii-Hemden und Bermudashorts gekleidete Saxophonisten hornen ebenso ungefragt wie gnadenlos auf den Aussenbereich eines FastfoodRestaurants ein, das Mitarbeiter*innen sucht, die motiviert, flexibel und aufgestellt sind. Fast möchte man die Musiker auf diese Möglichkeit des Broterwerbs aufmerksam machen – motiviert und aufgestellt wirken sie durchaus –, denn mit der Strassenmusik ist es so eine Sache. Ist sie in einigen Ländern fester Teil der Musiktradition, mangels Übungsräumen und Konzertlokalen oder weil das Publikum nicht Eintritt zahlen und konsumieren, sondern höchstens ein paar Münzen entbehren kann für eine musikalische Darbietung, ist sie hierzulande in einer Zeit aufgekommen, in der Musik nur selten zu hören war und wenn, dann in den Geschmacksrichtungen klassisch oder volkstümlich.

So boten Strassenmusiker*innen eine willkommene Abwechslung und Bereicherung. Sie mussten allerdings so gut sein, dass die Leute stehen blieben, zuhörten und etwas in den Hut warfen. Ein Publikum zu wählen, das sich der Darbietung nicht entziehen kann, ist so etwas wie Falschspiel. Nicht im musikalischen Sinne. Heutzutage herrscht kein Mangel an Musik, eher ein Überangebot, in fast allen Innenräumen wird man beschallt. Was der Heavy-Metal-Gitarrist Michael Schenker bemerkte, der seit über dreissig Jahren ausser der eigenen keine Musik hört, ausser beim Hosenkauf, wo Musik ebenso unvermeidlich wie entbehrlich ist.

Auf dem Bahnhofplatz spielt keine Musik, um Almosen bittet ein Bettler mit Krückstock. Schon fast ein bisschen aus der Zeit gefallen – oder aus der Zeit stammend, als Strassenmusik populär war – wirkt der Umstand, dass ein grosser Teil des Platzes zum Parkieren von Autos verwendet wird, die andernorts längst unter die Erde verbannt wurden. Da passt auch die Telefonzelle, die im Schatten lauschiger Bäume auf Menschen wartet, die sie benutzen wollen und zu bedienen wissen.

Nur die Mitte des Platzes vor den mächtigen Säulen des Bahnhofs ist den Fussgänger*innen vorbehalten. An der Seite warten die von den Angeboten der Share-Economy bedrohten Taxis. Immerhin die Sammelstelle für getrennte Abfälle dient als Treffpunkt, wahrscheinlich, weil sich dort auch die Aschenbecher befinden. Hier wird mit einer längst vergessenen Eleganz geraucht. Ob dieser Platz in ein paar Jahren immer noch gleich oder völlig anders aussehen wird, hängt wohl davon ab, wie weit sich das Neue durchsetzt, sich das Alte als resistent erweist oder alles ganz anders kommt.

Auf dem Bahnsteig lächelt ein als Werbestar gepriesener Mann, der laut der Liste auf dem Plakat schon fast alles war ausser Strassenmusikant und den schönen Begriff der Cervelat-Prominenz verkörpert wie kaum jemand. Das Infocenter für Nahverkehr und Tourismus des einst durch die Expo ins Rampenlicht gerückten Drei-Seen-Landes wirkt verlassen. Beliebt ist hingegen das Bänkchen, das aus einen Beton-i mit i-punkt besteht, das so angebracht wurde, dass es aussieht, als sei es aus der Wand gefallen. Im Café gegenüber gibt es keine Strassenmusik, dafür ist ein auf Lautsprecher gestelltes Handygespräch über ein missratenes Treffen zu hören.