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Tour de Suisse
Pörtner in Birsfelden

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Im Bus beschimpft ein grosser Mann, der einen Aschenbecher mit sich führt, alle Maskenträger*innen als leicht­ gläubige Vollopfer und rattert in breitem Ostschweizer Dialekt Statistiken zur Sterblichkeit bei Lungenentzündungen herunter.

In Birsfelden hingegen ist es still. Die Kirche steht im Dorf, neben der Feuer­ wehr. Ein Mann mit einem auffälligen Schnauz, einem sogenannten Handlebar Moustache, also einem Velolenker­ Schnurrbart, führt seinen Hund spazieren. Die Bezeichnung stammt aus einer Zeit, als alle Velo­ (und Töff­)Lenker eine ähnliche Form hatten: gerade mit gebogenen Enden. Inzwischen gibt es zu jeder Schnauz­Form den passenden Velolenker, sodass der Begriff nicht mehr viel aussagt.

Ein kleines Gemeindefahrzeug trans­portiert eine veritable Fahnenstange, die abenteuerlich auf und ab wippt. Im Schaukasten mit den amtlichen Mitteilungen hängen die Todesanzeigen. Ein Mann ist kurz nach seinem 105. Ge­burtstag gestorben. Er hatte Jahrgang 1916, war also 23 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Abgesagt wurde die 1. Augustfeier auf der Kraftwerkinsel. Offiziell wegen der nicht kalkulierbaren Coronasituation. An diesem Tag hätte ein drohendes Hoch­wasser ein ebenso guter Absagegrund sein können.

Schade ist es so oder so, denn die Kraft­werkinsel erweist sich als stille Oase, die über die Brücke bei der Schleuse er­reicht wird, von wo aus der Blick über drei hohe Wohnblöcke und die beiden noch viel höheren Roche­Türme schweift. Fast fertig ist es, das höchste Haus der Schweiz, zurzeit wird es noch überragt von einem Kran, dessen Führer äusserst schwindelfrei sein muss. Schiffe werden keine durch­ geschleust – ob das dem Wasserstand oder der Weltwirtschaftslage geschuldet ist, lässt sich nicht feststellen. Vor Anker liegt das imposante Tankschiff «Jus­tine» aus Hamburg.

Die Infotafel erinnert daran, dass der Rhein einst der wichtigste Fluss für Lachse war, diese aber während Jahrzehnten verschwunden waren und nun wieder angesiedelt werden. So ist der Atlantische Lachs vom Fluss in die Supermarkt­Kühltruhe umgezogen, wo er auch in kleinen Filialen ganzjährig erhältlich ist, während er, als er noch im Rhein lebte, eine gesuchte Delikatesse war. Auf der Brücke trifft man sich trotz des zweifelhaften Wetters. Rentner auf Velos halten mit quietschenden Bremsen an und plaudern ausführlich. Die aus Wohn­ und Bauwagen bestehende Café­Bar macht trotz auf Plakaten angekündigten «Open Days» gar nicht erst auf. Verständlich, es ist fast niemand unterwegs, an einem üblichen Sommertag würde es auf der Wiese wohl summen. Die Feuerwehr verfügt über ein Bootshaus und Löschboote. Zwei Feuerwehrleute schieben mit langen Rechen und Haken das angeschwemmte Treibholz zurück.

Trotz Mittwochnachmittag ist der Spielplatz leer. Der Betreiber des Glacewagens poliert den Abfalleimer auf Hochglanz. Ein anderer Mann pflückt etwas in der Wiese, Hasenfutter oder Heilkräuter. Das Gestrüpp vor der Bank am Rheinufer wird nicht zurückgeschnitten, was auch eine hübsche Aussicht ergibt, der Fluss ist so nur zu hören, er rauscht gewaltig.