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Tour de Suisse
Pörtner in Bümpliz

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Wer einen Gluscht verspürt, ist hier am richtigen Ort, hier befindet sich Leo’s Gluschteria, die unter anderem Backwaren, Glace und Kaffee anbietet. Gegenüber lockt ein kleiner Park. Ins hohe Gras wurden Wege und eine Art Kornkreise oder eben Wiesenkreise gemäht. Ein Bauwagen mit der Aufschrift «Wildwechsel Stadtnatur für alle» bildet einen schönen Kontrast zu der ansonsten eher in Stein gehaltenen Umgebung. Eine kulturelle Wüste kann sich hier nicht ausbreiten, dafür sorgt der offene Bücherschrank, dank dem, nach dem Prinzip nimm eins gib eins, Literaturaustausch stattfindet. Zu haben sind un- ter anderem aktuelle Krimis, Schweizer Autoren und Autorinnen, oder «Allein gegen die Seelenfänger». Eine ältere Dame weist ihre Bekannte laut und deutlich darauf hin, dass sie gestern zwei Bücher deponiert, aber keines herausgenommen habe. Keinesfalls will sie als Bücherdiebin in Verdacht geraten.

Diesen erwägen könnten jedoch nur die Männer auf der Parkbank, die das Büchertauschgestell im Auge haben, doch die sprechen eine andere Sprache und kommen von weit her. Vielleicht aus demselben Land wie die beiden Kinder, die von drei Beamten der Verkehrsbetriebe, zwei Männern und einer Frau, befragt werden. Wahrscheinlich sind sie ohne gültigen Fahrausweis erwischt worden, diese beiden kleinen Kinder. Die ein Poschtiwägeli dabeihaben, die wohl zum Einkaufen geschickt wurden und statt zu Fuss zu gehen das Tram benutzt haben. Das Tram, das um diese Zeit fast leer ist. Genau zu erfahren ist es nicht, die Kontrolleure verbitten sich jede Einmischung, ausser jener der herbeigerufenen Polizistin. Das Mädchen, farbiger Plastikreif über dem Kopftuch, noch keine sechs Jahre alt und nicht fahrscheinpflichtig, weint still.

«Willkommen in Bern» steht zwei Meter daneben auf einem Weltformat-Plakat. Willkommen geheissen wird die Schweizer Edition von Coca-Cola Zero. Sie hat dieselbe Farbe wie die Haut der Kinder, um die sich die vier Erwachsenen aus zwei verschiedenen Dienstabteilungen drängen, gerechtfertigt von einem vermuteten Deliktbetrag in der Höhe von zwei Franken. Die Polizistin kniet vor den beiden, redet mit ihnen. Jetzt weint auch der Bub. Endlich löst sich die Gruppe auf, die Polizistin bringt die Kinder nach Hause. Die Kontrolleurinnen wechseln die Haltestellenseite, starren in ihre Handys oder schreiben auf Blöcke, bürokratisch korrekter Dienst nach Vorschrift. Augen werden hier nicht zugedrückt. Bümpliz, so scheint es, ist ein hartes Pflaster. Ist die Main Street Bar, die Stars and Stripes im Schriftzug trägt, die so gar nicht zu dem rustikalen, solid schweizerischen Gebäude mit Schindeln und Riegeln passen wollen, am Ende eine Mean Street Bar und die Bottigenstrasse, an der sich diese Dramen abspielen, ein Highway to Hell oder eine Road to Nowhere?

Im Eingang vor der Migros sitzt eine Frau, das Gesicht metallic-grün geschminkt, auf einem kleinen Podest und isst ein Sandwich, vor sich einen Topf für Münzen. Eine lebende Statue. Auch die machen mal Pause. Das sollten wir alle öfters tun: Vom Sockel steigen, Mensch sein.