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Tour de Suisse
Pörtner in Zollikofen

Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner besucht Surprise-Verkaufsorte und erzählt, wie es dort so ist.

Zollikofen, der Vorort von Bern, ist nicht zu verwechseln mit Zollikon, dem edlen Vorort von Zürich. Nichtsdestotrotz gibt es in Unterzollikofen ein Haus, an dessen Fassade ein Wappen prangt, das dem der Seegemeinde ziemlich ähnlich sieht. Ich stelle mir vor, dass das Volk der Zollinger – schon in der Bronzezeit über- zeugte Vorstädter – die beiden Ortschaften gegründet hat. Während der Völkerwanderung gelangten sie ins Mittelland, waren aber unschlüssig, wo sie sich niederlassen sollten. Also folgte ein Teil des Stammes der Bern-, der andere der Zürichstrasse, die damals natürlich nicht so hiessen und bloss Trampelpfade oder Wildwechsel waren, um sich nach langem Wandern und Abwägen an den entsprechenden Orten niederzulassen. Verwandtschaftlich verbunden, besuchte man sich hin und wieder, tauschte Wappen aus und redete den Gastort schlecht.

Im heutigen Zollikofen gibt es ein Zentrum, einen Neubau, komplett mit Postfiliale, Altersheim und einem vor- hangverhangenen Restaurant. So richtig belebt ist es nicht. Zollikofen selber scheint weniger ein Zentrums- als ein Durchgangsort zu sein. Die verschiedenen Jahrzehnte des Booms und Ausbaus sind deutlich sichtbar, ebenso zeigt sich die einstige Begeisterung für den Baustoff Beton, für grosse Blocksiedlungen auf der grünen Wiese. Industriezonen wechseln sich ab mit Einfamilienhäusern im Chalet-Stil, dazwischen liegen Ackerflächen brach.

Es gibt ein Quartier mit dem schönen Namen Schweizerhudel. Der Ort ist internationaler, als er auf den ersten Blick scheint. So residiert hier die Firma UCC, das grösste Kaffeeunternehmen Japans, laut Eigenwerbung Erfinder des Kaffees in Dosen. Abseits der Durchgangsstrasse finden sich internationale Religionsgemeinschaften, es gibt einen buddhistischen Tempel und den Mormonentempel, der sich an der Tempelstrasse befindet. Bis auf ein Musical, in dem es um das Buch der Mormonen geht und das vor einiger Zeit in der Schweiz gastierte, hört man wenig von dieser Glaubensgemeinschaft. Früher klingelten hin und wieder einmal junge Männer in Polyesteranzügen an der Haustür, um zu missionieren. Vor dem Tempel stehend, wähnt man sich in Amerika, auf der Webseite ist sogar ein grüngelber Traktor der Marke John Deere abgebildet, der das ländliche Amerika repräsentiert wie der Aebi-Transporter die ländliche Schweiz.

Die Anbindung an den asiatischen und amerikanischen Kontinent zieht sich durch, es gibt sowohl einen Take-away mit thailändischen und chinesischen Spezialitäten wie auch eine McDonald’s- Filiale und einen schon recht verwitterten Cowboy-Club. An dem kommt vorbei, wer die Hauptstrasse hinabgeht. Es gibt eine liebliche Aussicht zu bewundern, bald kommt man sich jedoch verloren vor. Niemand geht zu Fuss, und die Busstation auf der anderen Strassenseite ist nur durch ein unterirdisches Röhrensystem erreichbar.

Dafür grüssen einen die beiden Frauen, die einsteigen, als seien sie alte Bekannte, um sich fortan in amerikanischem Eng- lisch zu unterhalten. Handelt es sich um Mormoninnen? Ein junger Mann hört seine Sprachnachrichten über den Handy- Lautsprecher ab: «Bisch en geile Siech.» Gut zu wissen.