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Illustration: Rahel Nicole Eisenring

All Inclusive
Symbolbilder

Meist sind Beine zu sehen: viele Männerbeine in Anzughosen und ein Paar wohlgeformte Frauenbeine in Pumps. Wenn in den Medien über die Frauenquote berichtet wird, greifen die Bildredaktionen häufig zu dieser Art Symbolfoto. Geht es um das Thema Behinderung, bleibt man ebenfalls in den unteren Körperregionen und zeigt die Räder eines Rollstuhls. Vordergründig geht es um die Bebilderung eines Artikels. Mit dem Symbolbild wird allerdings noch eine weitere Aussage hinzugefügt.

Die inflationäre Abbildung von dekorativen Frauenbeinen beim Thema Frauenquote impliziert beispielsweise, dass es beim Einbezug von Frauen in Führungsgremien eher um eine kosmetische Angelegenheit als um die Fähigkeiten von Frauen geht. Denn diese würde man wohl eher in den Köpfen als in den Beinen der Frauen vermuten. Und wenn auf Symbolbildern zum Thema Behinderung der dargestellten Person der Kopf fehlt und nur Füsse, Rollstuhlräder oder der Blindenstock zu sehen sind, dann rückt zwar die Behinderung in den Fokus, der Mensch dahinter aber verschwindet. Das wirkt sich auf die Wahrnehmung der Thematik aus: Neben einem Bild von Behinderten-Accessoires lassen sich beispielsweise Sparmassnahmen bei der Invalidenversicherung auch distanzierter abhandeln, als wenn der Leserin eine echte Person entgegenblickt. Besonders Bilder von Menschen mit einer geistigen Behinderung werden kaum je zur Illustration genutzt, wenn über die finanzielle Situation der Invalidenversicherung berichtet wird. Dies scheint ein Tabu zu sein, obwohl praktisch alle Menschen mit einer geistigen Behinderung auf eine IV-Rente angewiesen sind, aber bei weitem nicht alle Rollstuhlfahrenden.

Eine besondere Herausforderung für die Bildredaktion liegt auch in der Darstellung psychischer Krankheiten. Oft werden dafür Menschen im Nebel oder zusammengekauert in einer Ecke gezeigt. Manchmal dienen auch Filmstills oder Fotos von heute nicht mehr gebräuchlichen Praktiken wie Zwangsjacken als Illustration und vermitteln damit ein verzerrtes Bild von psychischer Krankheit und der heutigen Psychiatrie.

Die Zeitung 20 Minuten wählte das andere Extrem: Unter dem Titel «IV-Rente lohnt sich mehr als Arbeit» berichtete sie vor einigen Jahren über die steigende Anzahl junger IV-Bezügerinnen und -Bezüger mit psychischen Erkrankungen. Bebildert war der Artikel mit einem Foto, das ausgelassen feiernde, Alkohol trinkende Jugendliche zeigt.

Ein von jungen Menschen mit Behinderung geführter Verein reichte daraufhin Beschwerde beim Presserat ein: Diese Darstellung sei diskriminierend. Der Presserat wies die Beschwerde ab: Das verwendete Bild wolle in gewissem Masse provozieren, indem es auf die «Nullbockjugend» hinweise, die lieber feiere als arbeite. Dieses Bild sei aufgrund des Titels, dass eine IV-Rente sich mehr lohne als Arbeit, ausgewählt worden. Der Presserat fügte noch an: «Da sich dieses Bild nicht auf psychisch kranke IV- Rentner bezieht, kann Ziffer 8 (Diskriminierung) gar nicht zur Anwendung kommen.»

Es ist fraglich, ob tatsächlich jeder 20- Minuten-Leser damals so differenziert gedacht hat: Aha, das Bild stellt eine eigenständige gesellschaftskritische Aussage zur sogenannten Nullbockjugend dar und illustriert nicht etwa das Thema des Artikels, nämlich psychisch kranke Jugendliche. (Als hätten Bilder in Zeitungen grundsätzlich nichts mit dem Inhalt des jeweiligen Artikels zu tun.)

Nicht nur die Medien haben zuweilen Mühe, das richtige Bild dem jeweiligen Thema zuzuordnen. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Sozialversicherungen ergab, dass auch die IV- Stellen in ihren Statistiken teils ungenau sind: 40 Prozent der als «psychisch krank» eingestuften jungen IV-Beziehenden zwischen 18 und 21 Jahren haben effektiv eine geistige Behinderung. Was hätte der Presserat bei besagtem Zeitungsartikel wohl gesagt zu einem Bild mit geistig behinderten Jugendlichen, die feiern? Zur Erinnerung die Überschrift: «IV-Rente lohnt sich mehr als Arbeit»?

MARIE BAUMANN, 30. NOV. 2018